Wege der neuen Musik am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Das Neue ist die Sehnsucht nach dem Neuen." Die Tragweite dieses Satzes, den Theodor W. Adorno Ende der sechziger Jahre in seiner Ästhetischen Theorie niederschrieb, zeigt sich heute noch deutlicher als vor 30 Jahren. Im Rückblick ist die gesamte Kultur des 20. Jahrhunderts vom Gedanken umfassender Innovation geprägt. Zunehmende Spezialisierung und eine Vielzahl von Brüchen war die Folge bis hin zur emotionsgeladenen Postmoderne-Diskussion. Dass die Moderne nicht abdanken will, ist letzte Konsequenz ihrer engen Bindung an das Neue.

Globalisierung, Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen ist auch in der Musikwelt drastisch spürbar: Klänge vergangener Epochen und fremder Kulturen, Elemente verschiedener Stilrichtungen und Kunstgattungen finden sich in bunter Mixtur in der weitläufigen kompositorischen Landschaft. Diese neue Unübersichtlichkeit macht die momentan vieldiskutierte Frage nach einem Bildungskanon auch für die Neue Musik attraktiv. Was sind ihre wesentlichsten Entdeckungen? Was sind die aktuellen künstlerischen Botschaften oder gibt es solche am Ende gar nicht mehr?

Krise der Avantgarde

Die Frage nach dem Neuen trifft alle gleichermaßen: Kulturveranstalter, die mediale Öffentlichkeit, die Kunstschaffenden. György Ligeti, Altmeister der Avantgarde, kommentierte in einem Interview anlässlich seines 80. Geburtstags die aktuelle Situation: "Wir stecken in einer Krise: Die Temperierung ist abgenutzt. Die Zwölftongleichheit hatte Schönberg zur Konsequenz der Dodekaphonie geführt, und danach machte sich das selbst unmöglich. Jetzt stehen wir vor der Ruine dieser modernen Musik. Ich sehe die heutige Krise des Komponierens: Die atonale Komposition und alles, was danach kam, die serielle Musik und andere Konsequenzen des Avantgardismus der sechziger Jahre - das geht nicht weiter! Genauso wenig wie die andere Idee, jetzt zur Modalität oder zur Tonalität zurückzukehren und in früheren Musikstilen zu schreiben. Ich neige dazu zu glauben, wir befinden uns in einem totalen Umbruch in allen Künsten."

Intermediale Entgrenzung

Auch in jenen Bereichen, die durch intermediale Entgrenzung Brücken zwischen Literatur, Theater, Film und Musik eröffnen, macht sich eine Sprachkrise bemerkbar. So äußerte sich unlängst der Philosoph Bernard Stiegler, seit einem Jahr Leiter des von Pierre Boulez 1970 gegründeten Pariser Klangforschungszentrums Ircam: "Heute fragen wir uns, wie man gegen diese Kultur der endlosen Mittel - der moyens sans fin - kämpfen kann, in der doppelten Bedeutung des Wortes. Einerseits die Ziellosigkeit im Sinne Kants, und andererseits die Unendlichkeit der verfügbaren Mittel: mehr, immer mehr Mittel. Das ist sehr gefährlich, und bei transdisziplinären Experimenten multipliziert sich die Gefahr mal hundert - wenn wir uns nicht Gedanken über die Organologie machen, als Brücke zwischen der Ästhetik und der Technologie, die ja einem fürchterlichen industriellen Druck unterliegt. Sonst werden wir nur industriellen Müll produzieren."

Verschiedene Wege wurden und werden beschritten, um die Krise zu bewältigen. Das Neue ereignet sich dabei oft auch unbemerkt. Definiert als Sehnsucht nach dem Neuen, schließt es stets die Sehnsucht nach dem Alten mit ein. Eine Musik, die diese Spannung zwischen Tradition und der lebendigen Vielfalt der Gegenwart paradigmatisch in sich aufgenommen hat, ist das Werk des vor knapp einem Jahr verstorbenen Luciano Berio. Im dritten Satz seiner berühmten Sinfonia zitierte er 1968 vollständig das Scherzo aus Gustav Mahlers Zweiter Symphonie. Berios Nähe zu Mahler steht in engem Zusammenhang mit seinem eigenen Musikdenken: "Es gibt bei Mahler einen besonders anziehenden Traumaspekt, der mich an einen Fluß denken lässt, der ständig wechselnde Landschaften durchquert. Und dieser ständige Klangfluss bezieht sehr komplexe Dinge ein, aber auch sehr einfache, ganz gewöhnliche Dinge. Es gibt dort eine Vielzahl vertrauter musikalischer Erfahrungen, die jedoch verwandelt sind und von einer sehr festgefügten, fast klassischen Idee beherrscht werden, welche die Tonalität organisiert. Ich finde das faszinierend." Auch Berios Werke beziehen Komplexes und Einfaches, Gewöhnliches ein und spiegeln mit ihrer Vielschichtigkeit die Lebenserfahrung unserer Gegenwart: "Ich habe es immer geliebt", schrieb Berio, "auf der Piazza San Marco in Venedig spazierenzugehen: Es gibt dort soviel Musik, ein Orchester spielt einen Walzer, ein anderes genau daneben einen Tango, und dann vermischt sich alles miteinander."

Bezugspunkt Gustav Mahler

Auch Charles Ives, Vater der amerikanischen Moderne, war Mahler verbunden, wie aus seiner zwischen 1915 und 1928 komponierten, jedoch unvollendet gebliebenen Universe Symphony deutlich wird. Ihr liegt die Idee zugrunde, unter Verwendung aller möglichen Materialien, Tonsysteme und rhythmischen Organisationsformen die Totalität alles Seienden in einer Spiralbewegung darzustellen. Die so entstehende mehrdimensionale Klanglandschaft erscheint für die einflussreiche Vorstellung, dass Klänge nicht nur Räume füllen, sondern auch entstehen lassen, beispielhaft. Die Wirkung von Ives' musikalischen Raumvorstellungen reicht bis zur Konzeption von Klanginstallationen, Soundscape- und Invironmentkompositionen, die reale oder imaginäre Räume gestalten.

Zwischen den Kulturen

Brücken zwischen unterschiedlichen Kulturen und Traditionen finden sich im Werk des gebürtigen Stuttgarters Helmut Lachenmann. In seinem Orchesterstück Schreiben, als Auftragswerk für das Tokyo Symphony Orchestra 2003 komponiert, verbindet er die für die japanische Kultur zentrale Vorstellung des Sho-Do, des Wegs des Schreibens, mit der für seine Werke grundlegenden Idee, eine praktische Klangerzeugung als Ausgangspunkt zu wählen: das Reiben eines Materials, wie es beim Schreiben geschieht. Durch den hohen Geräuschanteil, die Affinität zu Naturlaut und Stille, nähern sich die neuen Klänge der alten japanischen Musiktradition der Tokugawa-Zeit.

Auf der Suche nach dem Neuen werden heute alle Möglichkeiten von Zwölf-Ton-Systemen bis zu seriellen Techniken, aleatorischen Formen, Vierteltonsystemen, elektronischen und computergesteuerten Klängen ausgeschöpft. Der Umgang mit dem Klang gestaltet sich frei und schöpferisch. Rigide Systematiken wie zur Pionierzeit vor 1950 sind kaum mehr anzutreffen. Der hierzulande bekannteste Vertreter der Klangkunst französischer Provenienz ist der 1998 jung verstorbene Gérard Grisey. Nicht hörbare Mikroprozesse im Inneren der Klänge zu erforschen und in einen für Menschen hörbaren Maßstab zu übertragen, war der Grundgedanke seiner "Spektralmusik". Sie verkörpert eine "magisch" verlangsamte Zeit, die zur diskursiven Zeit der Sprache in Kontrast steht.

Pendant zur Erforschung des Klanges ist die Erkundung der Stille. Wohl berühmtestes Beispiel für deren Bedeutung im heutigen Komponieren sind die späten Werke Luigi Nonos wie sein 1980 im Auftrag der Stadt Bonn für das 30. Beethovenfest komponiertes Streichquartett Fragmente - Stille, An Diotima. In die Partitur, die sich durch Konzentration auf den Moment auszeichnet, schrieb Nono 53 auf einzelne Wörter reduzierte, zerbrochene Hölderlin-Zitate, die die Ausführenden "innerlich singen", jedoch nicht laut vortragen sollen. Die Stille wird zum Zentrum der Musik, die dadurch ihren zielgerichteten Fortgang unterbricht. In Hinblick auf diese Haltung ist auch von einer Re-Sakralisierung der Neuen Musik gesprochen worden.

Neue Klänge - neue Stille

Die Bedeutung der Stille, Antwort auf die Überfülle des modernen Informationszeitalters, ist auch im Musiktheater auszumachen. Der 35-jährige gebürtige Ostberliner Regisseur Sebastian Baumgarten sucht in der Fülle der Bilder nach "emotionaler Auswirkung". Dies gelingt plötzlich und überraschend, wenn beispielsweise in seiner Dresdner Wozzeck-Inszenierung inmitten der überbordenden Bilderwelt - ein Hornbach-Baumarkt bildet die Kulisse - nach dem Mord nichts mehr bleibt als ein nasser Fleck, eine Leerstelle: Signal aufzumerken, aufzuhorchen, um die Stimme des Anderen wahrzunehmen inmitten unserer reizüberfluteten Gegenwart. Einmal mehr entpuppt sich hier das Neue als die Sehnsucht nach dem Neuen.

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