Stadt ohne Vergangenheit

Kaum eine europäische Stadt gibt so wenig auf ihre Geschichte wie das niederländische Rotterdam. Ein Bürgerkomitee kämpft seit zwanzig Jahren um die raren baulichen Zeugnisse früherer Epochen.

Der Schock über die völlige Zerstörung der Innenstadt durch die Deutsche Luftwaffe am 14. Mai 1940 hielt in Rotterdam nur wenige Wochen an. Insbesondere Architekten, Stadt- und Verkehrsplanern, aber auch Industrie und Handel schien das Bombardement der einst dicht bebauten Innenstadt geradezu entgegenzukommen, eröffnete es doch die einmalige Chance, eine völlig neue City zu errichten. So wurden - abgesehen von einem kleinen Bereich rund um das Rathaus, die Post und die Börse, die von den Bomben verschont geblieben waren - alle Ruinen und Gebäudefragmente ohne jede Diskussion abgeräumt, obwohl rund 150 Häuser durchaus rekonstruierbar gewesen wären. Allein die schwer zerstörte gotische Laurenskirche ließ man stehen.

Anforderungen der Wirtschaft

Während andere zerbombte Städte nach dem Zweiten Weltkrieg zumindest versuchten, beim Wiederaufbau die alten Plätze und Straßenzüge aufzugreifen, wurden in Rotterdam sämtliche Verkehrswege, auch das Tramwaynetz, aufgelassen sowie die komplette unterirdische Infrastruktur entfernt. In diesem Sinne wurde schließlich das gesamte verwüstete Gebiet gegen finanzielle Abfindungen enteignet, um mit den alten Grundstücksgrenzen auch die letzten Barrieren aus dem Weg zu räumen. Unter den Bürgern gab es kaum Proteste gegen dieses Vorgehen. Sie empfanden Rotterdam zu keiner Zeit als wirklich schön. Ja, es herrschte geradezu eine freudige Stimmung darüber, nun eine neue Stadt zu bekommen.

Progressiv war die Handelsmetropole seit jeher, zumal sie sich stets den Anforderungen der Wirtschaft anpassen musste. Die Stadtentwicklung orientierte sich traditionell an der merkantilen Leistungsfähigkeit Rotterdams - nach dem Motto: Was dem Hafen nützt, nützt auch der Stadt. Dass Rotterdam eine relativ junge Stadt war, begünstigte diese nüchterne Praxis: Erst im 19. Jahrhundert, als Amsterdam oder Utrecht bereits kunstvoll erbaut waren, wuchs Rotterdam an - und zwar explosionsartig. Anstelle bedeutender Architekturensembles prägten enge Wohnviertel mit unzumutbaren Lebensbedingungen und ständig verstopften Gassen das Zentrum.

Das Bombardement von 1940 machte sozusagen den Weg frei für eine durchgreifende Umsetzung der Ideen von einer funktional entmischten und autogerechten Innenstadt. Dadurch gingen freilich zahlreiche identitätsstiftende Elemente des Stadtkörpers verloren.

Mitte der 1960er-Jahre hatte die neue Innenstadt bereits konkrete Formen angenommen, auch wenn es immer noch viele unbebaute Flächen gab, wo sogar Kühe weideten. Rotterdam wurde zum vielbesuchten Anschauungsbeispiel des Modernismus, das von Delegationen aus Ost-Berlin ebenso interessiert studiert wurde wie von Planungstheoretikern aus den USA. Denn nirgends trieb man die Nachkriegsmoderne so konsequent voran wie hier. Ab den späten 1980er-Jahren aber wurde das kühne Modell der aufgelockerten City mit dem Ziel einer kompakten Stadt durch zahlreiche großmaßstäbliche Gebäudekomplexe massiv verändert, ja konterkariert - und diese Entwicklung dauert bis heute an. Dass die 600.000 Einwohner zählende Handelsmetropole ihrer Tradition der permanenten Neuerung und Veränderung stets treu geblieben ist und vor allem ihr Zentrum einer unentwegten Metamorphose unterwirft, hatte auch zur Folge, dass ganze Quartiere aus der Nachkriegszeit schon nach wenigen Jahrzehnten wieder demoliert wurden.

In kaum einer anderen Stadt scheinen Bauwerke so rasch ihr Ablaufdatum zu erreichen wie in Rotterdam. Dabei zeugen gerade die Backsteinhäuser aus den 1940er-Jahren sowie die im Stil der Moderne der 1950er- und 1960er-Jahre errichteten Objekte von einer hochstehenden Baukultur, die von den meisten der Großbauten und Hochhäuser der letzten dreißig Jahre nicht annähernd mehr erreicht wurde.

Gegen diesen sorglosen Umgang mit der ohnehin sehr jungen Baugeschichte formierten sich 1993 rund fünfzig Bürger - mehrheitlich Kunsthistoriker, Architekten und Stadtplaner - zu einem Komitee "Wiederaufbau Rotterdam“. Am Anfang standen Leserbriefe und Gespräche mit Planungspolitikern, doch schon bald zeigte sich, dass Protest allein das bedrohte Erbe der Nachkriegszeit nicht retten würde. So übernahm jeder der Aktivisten einen Baublock innerhalb der sogenannten Brandgrenze, also des im Krieg zerstörten Bereichs, und untersuchte Bauzustand, Nutzung, und architektonischen Wert aller Gebäude aus dem Zeitraum von 1940 bis 1965. Auf knapp 600 prinzipiell erhaltenswerte Häuser stießen die ehrenamtlichen Forscher dabei. Alle Ergebnisse ihrer Inventur flossen schließlich in eine der Öffentlichkeit zugängliche Computer-Datenbank, womit Rotterdam heute wohl über die beste Baudokumentation aller wiederaufgebauten Städte verfügt.

Wertschätzung des Historischen

Zu Beginn ihres Engagements standen lediglich sechs Bauten innerhalb der Brandgrenze unter städtischem Schutz. Nach zwanzig Jahren kontinuierlicher Arbeit sind es heute über vierzig. Und es wurden in der letzten Zeit auch kaum mehr Nachkriegsgebäude geschleift, sieht man von der alten Centraal Station ab, die 2007 ungeachtet alternativer Lösungsansätze des Komitees einem Bahnhofsneubau weichen musste. "Unsere Aktivitäten haben die bisherige Überzeugung, man könne alles, was nicht mehr hundertprozentig funktioniert, einfach entsorgen, nachhaltig aufgeweicht“, resümiert Cor Wagenaar, einer der Aktivisten des Bürgerkomitees. "Viele erkennen neuerdings auch den Wert historischer Architektur und setzen sich mit Adaptierungs- und Umbaumöglichkeiten auseinander.“

Der Autor ist Stadtplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien

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