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Sterben zum Spartarif

Umfassende Konzepte für die würdevolle Betreuung von Pflegebedürftigen und Sterbenden gibt es längst. Ihre Umsetzung und Finanzierung steht indes aus.

Es wurde ein schönes Papier mit einem visionären Titel: Zukunft denken heißt der Abschlussbericht jenes Arbeitskreises, der sich unter der Ägide der ehemaligen steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic den Kopf über die Herausforderungen im Bereich Pflege und Altenbetreuung zerbrochen hat. Die Wunschliste der Expertinnen und Experten ist lang: Sie reicht von der Unterstützung pflegender Angehöriger bis zu einer "österreichweiten, lebensraumnahen Versorgung im Palliativ-und Hospizbereich".

Fehlender politische Wille

"Das Papier ist schön. Auch die Erkenntnisse sind da. Aber das hilft uns noch lange nicht", klagt indessen eine, die es wissen muss: Hildegard Teuschl, Vorsitzende des Dachverbandes Hospiz Österreich und seit Jahrzehnten um einen würdevollen Umgang mit Pflegebedürftigen und Sterbenden bemüht. "Es fehlt ja noch immer der politische Wille, auch etwas zu investieren." Vor allem für den Pflegebereich brauche es endlich eine konkrete Zuständigkeit. "In Österreich wird aber immer alles zwischen Bund und Ländern, Sozialbereich und Gesundheitsbereich hin-und hergeschoben. Das ist ganz schlimm!"

Nicht viel rosiger sieht es nach Ansicht der Expertin im Hospiz-und Palliativbereich aus. Zwar sei etwa die Bettenkapazität von Hospizen und Palliativstationen in Krankenhäusern und Pflegeheimen ausgebaut worden. Auch seien mittlerweile im Studienplan angehender Ärztinnen und Ärzte verpflichtende Lehrveranstaltungen zur Palliativmedizin vorgesehen - also jener Medizin, deren Ziel nicht unbedingt die Verlängerung der Lebenszeit eines schwer kranken Patienten ist, sondern die Erhöhung seiner Lebensqualität und die Minderung seiner körperlichen, psychischen und spirituellen Probleme.

Woran es nach Teuschl freilich noch mangelt, ist die interdisziplinäre Palliativausbildung auf allen Ebenen - vom ehrenamtlichen Befähigungskurs bis zum vollen Masterprogramm mit akademischem Abschluss. "Da muss noch mehr investiert werden", fordert Teuschl. Vor allem aber fehle es an stationären Hospizen, in denen Sterbende langfristig betreut werden könnten, ohne am Ende - wenn sich das Sterben hinauszögert - doch wieder in herkömmlichen Betreuungssystemen zu landen. Nur zwei solcher Hospize gibt es in Österreich: das Albert Schweitzer Hospiz in Graz und das Helga Treichl Hospiz des Österreichischen Roten Kreuzes in Salzburg - dem dieser Tage auf Grund finanzieller Probleme die Schließung droht.

Insgesamt ist man von der Umsetzung einer "abgestuften Hospiz-und Palliativversorgung", wie sie das Österreichische Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) entworfen hat, noch weit entfernt. "Eine stehende Finanzierung gibt es derzeit nur für die Palliativstationen im Spital, die über LKF-Punkte, also über die leistungsorientierte Krankenanstaltenfinanzierung, abgerechnet werden", weiß Claudia Nemeth vom ÖBIG. "Für alle anderen - etwa mobile Palliativteams oder Tageshospize - gibt es nur Modellfinanzierungen. Die müssen sich selbst darum kümmern."

Für den Wiener Caritas-Direktor Michael Landau ein unerträglicher Zustand. "Die Versorgung am Lebensende darf nicht weiter Spielball zwischen dem Gesundheits-und Sozialwesen bleiben", fordert Landau. Es könne auch nicht sein, dass man für das eigene Mobile Hospiz, mit dem man im Jahr 2005 auf dem Gebiet der Erzdiözese Wien rund 1100 Patientinnen und Patienten zuhause betreut habe, weiterhin auf Spenden angewiesen sei. Nicht zuletzt plädiert Landau für eine existenzielle Absicherung jener Menschen, die eine Familienhospizkarenz zur Betreuung ihrer sterbenden Verwandten in Anspruch nehmen. Der bestehende Härteausgleichsfonds mit seinen "Kannbestimmungen" sei "sicher zu wenig".

"Wir sollten jedenfalls den österreichischen Weg des Ja zur Hospizarbeit entschlossen weitergehen", wünscht sich Landau. "Der Umgang mit Menschen am Lebensende ist schließlich entscheidend für das menschliche Antlitz einer Gesellschaft."

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