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Stille, die glänzte

Eugenie Kain reißt in ihrer neuen Erzählung eine Trauerlandschaft auf.

Gibt es untrügliche Zeichen für das Sterben? Wenn es mit dem Leben eines Menschen zu Ende geht, kniet bei den Arabern, so heißt es in der Überlieferung, ein schwarzes Kamel vor der Haustür nieder. In unseren Breiten erzählt man, dass sich nachts mit durchdringendem Schrei der Steinkauz meldet, um den Tod anzukündigen.

Aber in Eugenie Kains Flüsterliedern ist kein Kamel da, kein Kauz, wohl aber ein lächerlicher Traum und ein Rabe und außer einer schlimmen Krankheit nichts, was sie, eine namenlose Frau, unmittelbar davor gewarnt hätte. Da hat sich einer auf leisen Sohlen davongemacht. Hat sie die Zeichen übersehen oder nicht sehen wollen? Er ist allein gegangen, ohne sein Leben und das Danach zu regeln; vielleicht, weil er es so leichter ertragen hat.

Ganz plötzlich

Die oberösterreichische Autorin Eugenie Kain hat bereits mit ihren Büchern "Atemnot" und "Hohe Wasser" nachdrücklich auf sich aufmerksam gemacht. In ihrer jüngsten Erzählung führt sie den Leser mit dem plötzlichen Tod eines lungenkrebskranken Mannes in die Seelenfluchten einer Frau, über deren Leben Schmerz und Verlust wie schleierhafte Schemen hereinbrechen, fremd, kalt und grau. In vier Teilen breitet Kain mit poetischer Sicherheit die innere Trauerlandschaft dieser Frau aus, Stimmungen des ersten Schmerzes, fest durchwoben von der Unbegreiflichkeit, die dem Tod innewohnt. Dabei ist dieser Erzählfluss getragen von einem genauen Blick, der sich mitunter auch auf Bilder legt, die wir in uns tragen.

Mit traumwandlerischer Nachhaltigkeit rollt Kain die Szenen aus, die sich für Hinterbliebene auftun. Bohrende Fragen, Leere, Fremdheit, das Gefühl der Hilflosigkeit und Kälte, der erschrocken zur Seite gelegte, unabsichtlich in die Hand genommene Pulli des Toten - all dies schildert sie präzise, markant und gerade deshalb besonders eindringlich. Kain zeigt unpathetisch, wie fremd das Selbstverständliche wird, wie einschneidend der Verlust die Zeit danach prägt. Sogar die Angst vor dem Trost ist da, diese Angst vor den gut gemeinten und dennoch unerträglichen Sätzen, wenn der Tod plötzlich zur Erlösung wird, ja überhaupt zum Besten, was dem Toten passieren hat können.

Tod kein Thema

Vom Sterben selbst ist - trotz Wissens um die Krankheit - bei den beiden nie die Rede gewesen. Nach dem unerwarteten Anruf aus einem Linzer Krankenhaus bleibt der Protagonistin nur mehr das "lächerliche Antlitz des Todes", "als Zahnweh verkleidet, über dem linken Ohr die verknoteten Zipfel einer Baumwollwindel", und die leblose Hand des Gefährten. "Sie hatten sich auf die Gegenwart konzentriert, ihr viel Licht und kräftige Farben gegeben, um sie nicht zu übersehen."

Kain legt ihre Erzählung zeitlich an um diese Nacht danach, emotional wohl austariert, als stummes Zurücktasten an das (mitunter auch unangenehme) Gemeinsame, als Versuch den anderen in seiner Vielfalt zu fassen, seinem Bild, das sich im Laufe der Erzählung immer mehr und mehr entzieht, näher zu kommen.

Hier ist kein Platz für Rührseliges und Sentimentales. Lapidar, ja nüchtern lässt sie diese Frau mit sozialistischem Background, die schon früher als kleine Heidin anders als die anderen gewesen ist, in ihrer Wohnung mit dem Aufreißen der Fragmente aus der Vergangenheit zugleich auch das eigene Leben neu ergründen, um sich selbst zu positionieren. Im Nebenraum das schlafende Kind, sitzend vor einer Fotoschachtel schüttet sie ihre Erinnerungen aus; dabei frieren ihr die Tränen ein. "Erstarrt wie unter einer Sinterschicht" beginnt sie die Fäden abzuspulen, die den Trauerteppich durchwirken. Immer ist "er ihr fremd geblieben", und doch "vertraut in seiner Fremdheit". Seine Musik, die Gitarre, seine Konzerte. Er hat sie, die bislang Klanglose, gelehrt, "zwischen Fender und Gibson zu unterscheiden" und sich von Klängen ausheben zu lassen, und schließlich sind hier noch die gemeinsamen Reisen und das Tauchen.

Vor allem die Höhlen, Verborgenes, Geheimnisvolles und Dunkles haben ihn gereizt. Aber auch das ist nur eine Facette von vielen. Unvergessen bleibt die eine: "Ich lebe gerne", entfährt ihm, als er erfährt, dass beide Lungenflügel vom Krebs befallen sind. Mit ihrem Gedankengewebe versucht sie ihm wieder Konturen zu geben, das Bleibende hervorzukehren. Denn "es kam darauf an, was hinter den Bildern war. Was hinter den Bildern war, hatte vielleicht Bestand."

In dieses Erinnerungsgemälde hinein driftet zugleich auch ein Stück kollektiver Geschichte. Die Ermordung ihres Großonkels in Mauthausen, die jährlichen Gedenkfeiern und die ritualisierte Beteiligung am Maiaufmarsch. "Im Spalier beim Einzug der Überlebenden. Es gibt eine Würde. Es gibt ein Erbe, das sich nicht ausschlagen lässt. Es gibt Dinge, die sich nicht delegieren lassen. Es gibt keine Ausrede ... Im Mai würde die Hand fehlen, nach der sie in den letzten Jahren gegriffen hatte."

Sein Sterben, das sie jäh in diese Trauer geschleudert hat, lässt sie aus der Zeit fallen, ins Bodenlose stürzen, weil niemandem auffällt, dass der Stadt der Himmel weggeschmolzen ist. Zugleich wird ihr auch bewusst, dass selbst Erinnerungen an gemeinsame Genüsse durch Reflexionen über den Tod nicht auszulöschen sind.

Vorboten des Sterbens

Behutsam legt Kain, deren Text man ein weniger nachlässiges Lektorat gewünscht hätte, ihre Fährten im Spiel mit den Erzählstrukturen. So wischt sie Vorboten des Sterbens leitmotivisch in die Erinnerung, etwa bei der letzten gemeinsamen Reise in slowenisches Karstgebiet, wo die "Grenze zwischen Ober-und Unterwelt durchlässig" wird, oder auch dann, wenn klar wird, dass er ihr immer wieder einen Schritt voraus ist.

Nichts erweckt hier den Eindruck des Unvermittelten, vielmehr zeigt sich diese Gedankenreise als Kondensat psychologischer Feinzeichnung, die Kains konzentrierte, häufig poetisch aufgeladene Sätze noch zusätzlich an Intensität gewinnen lässt. Dieser Erzählung ist ein ungewöhnlicher Ton eingeschrieben: "Noch einmal sein Flüstern. Dann war es still. Eine Stille, die glänzte."

Flüsterlieder

Eine Erzählung von Eugenie Kain

Otto Müller Verlag, Salzburg 2006

128 Seiten, geb., e 16,-

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