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Feuilleton

Stoff, der seit jeher die Geister scheidet

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Ausstellung des Weltmuseums Wien befasst sich mit Verhüllung und Enthüllung sowie der Rolle des Kopftuchs bei Frau -und Mann.

1945 1960 1980 2000 2020

Eine Ausstellung des Weltmuseums Wien befasst sich mit Verhüllung und Enthüllung sowie der Rolle des Kopftuchs bei Frau -und Mann.

Das Stück Stoff polarisiert -und gilt mittlerweile im gesellschaftlichen Mainstream als Aufweis der patriarchalen Unterdrückung im Islam. Dabei ist auch die Verhüllungsfrage längst nicht eindimensional zu diskutieren, und Schwarzweißdenken - auch wenn solches zurzeit politisch vorexerziert wird -hilft nicht weiter. Jedenfalls trägt es nicht zur Befriedung einer von Aufgeregtheit dominierten gesellschaftlichen Auseinandersetzung bei.

Anhängern des Empörungsdiskurses wird die derzeitige Ausstellung im Wiener Weltmuseum, "Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch", allerdings wenig weiterhelfen, denn hier wird versucht, kulturgeschichtliche Statements zum Thema Kopftuch abseits tagespolitischer Befindlichkeiten zur Sprache zu bringen. Wenn man will, kann man diese absichtsvolle Herausgehobenheit aus den Mühen des Alltagsdiskurses naiv oder den Diskurs verschleiernd bekritteln.

Doch auf einer Metaebene hat die von Axel Steinmann leitend kuratierte Ausstellung natürlich mit den Diskussionen, die zurzeit vor allem in Kopftuchverbote in Pflichtschulen und Kindergärten münden, zu tun. Denn das Verhüllen des Körpers respektive des Kopfes ist weder eine Spezialität des Islam noch ein geschlechterspezifisches Phänomen, wenn es angesichts der aktuellen Debatten vielleicht auch so aussehen mag.

Dass Paulus im 1. Korintherbrief die Verhüllung des Frauenhauptes fordert, ist ebenso eine Tatsache wie Vergleichbares im Judentum. Und dass auch Männer Kopftuch tragen, mag wenig bewusst sein. Aber der orientalische Turban und die arabische Kufiyah sind gleichfalls Realität wie der Tallit, der jüdische Gebetsschal oder die Kippa.

Verhüllung als Protest und als Performance

Die kulturhistorisch einzuordnenden Exponate sind in der Ausstellung in 17 "Positionen" zum Thema Kopftuch eingebettet, die teilweise auch als Performances gestaltet sind. Bestechend ist da das Video "Undressing" der in Wien und Istanbul lebenden Künstlerin Nilbar Güreş, in der sie sechs Minuten lang einen Schleier nach dem anderen ablegt. Oder die rund um den algerischen Überwurf "Haïk" gestalteten Exponate: Der weiße Haïk ist ein traditionelles algerisches Frauengewand, das in der Re-Islamisierung der 1990er-Jahre von schwarzer "islamischer" Kleidung in den Hintergrund gedrängt wurde, das aber von jungen Frauen heute als Protest gegen diese religiöse Vereinnahmung getragen wird. Eine Performance, in der die Haïk-beschleierten Frauen sich an einem Tisch im Setting von Leonardos Abendmahl umtun, ist ein Beispiel dafür, wie eine traditionelle Verhüllung auch als Protest und als Betonung von Frauen-Identität verstanden werden kann.

Auch Mode-Studien mit "alten" Verhüllungen von Frauen aus dem europäischen Kulturkreis -etwa Susanne Bisovskys "Wiener Chic" aus dem Jahr 2018, in dem die Modeschöpferin geradezu üppige Zitate von Frauenbekleidung vergangener Jahrhunderte raffiniert kombiniert, deuten an, dass auch der spielerische Zugang zum Kopf-

Schon von alters her

Kurator Axel Steinmann weist darauf hin, dass bereits in Mesopotamien das Kopftuch die gesellschaftliche Bedeutung von Frauen markierte - und das Fehlen desselben deren sexuelle Schutzlosigkeit.

Das Stück Stoff polarisiert -und gilt mittlerweile im gesellschaftlichen Mainstream als Aufweis der patriarchalen Unterdrückung im Islam. Dabei ist auch die Verhüllungsfrage längst nicht eindimensional zu diskutieren, und Schwarzweißdenken - auch wenn solches zurzeit politisch vorexerziert wird -hilft nicht weiter. Jedenfalls trägt es nicht zur Befriedung einer von Aufgeregtheit dominierten gesellschaftlichen Auseinandersetzung bei.

Anhängern des Empörungsdiskurses wird die derzeitige Ausstellung im Wiener Weltmuseum, "Verhüllt, enthüllt! Das Kopftuch", allerdings wenig weiterhelfen, denn hier wird versucht, kulturgeschichtliche Statements zum Thema Kopftuch abseits tagespolitischer Befindlichkeiten zur Sprache zu bringen. Wenn man will, kann man diese absichtsvolle Herausgehobenheit aus den Mühen des Alltagsdiskurses naiv oder den Diskurs verschleiernd bekritteln.

Doch auf einer Metaebene hat die von Axel Steinmann leitend kuratierte Ausstellung natürlich mit den Diskussionen, die zurzeit vor allem in Kopftuchverbote in Pflichtschulen und Kindergärten münden, zu tun. Denn das Verhüllen des Körpers respektive des Kopfes ist weder eine Spezialität des Islam noch ein geschlechterspezifisches Phänomen, wenn es angesichts der aktuellen Debatten vielleicht auch so aussehen mag.

Dass Paulus im 1. Korintherbrief die Verhüllung des Frauenhauptes fordert, ist ebenso eine Tatsache wie Vergleichbares im Judentum. Und dass auch Männer Kopftuch tragen, mag wenig bewusst sein. Aber der orientalische Turban und die arabische Kufiyah sind gleichfalls Realität wie der Tallit, der jüdische Gebetsschal oder die Kippa.

Verhüllung als Protest und als Performance

Die kulturhistorisch einzuordnenden Exponate sind in der Ausstellung in 17 "Positionen" zum Thema Kopftuch eingebettet, die teilweise auch als Performances gestaltet sind. Bestechend ist da das Video "Undressing" der in Wien und Istanbul lebenden Künstlerin Nilbar Güreş, in der sie sechs Minuten lang einen Schleier nach dem anderen ablegt. Oder die rund um den algerischen Überwurf "Haïk" gestalteten Exponate: Der weiße Haïk ist ein traditionelles algerisches Frauengewand, das in der Re-Islamisierung der 1990er-Jahre von schwarzer "islamischer" Kleidung in den Hintergrund gedrängt wurde, das aber von jungen Frauen heute als Protest gegen diese religiöse Vereinnahmung getragen wird. Eine Performance, in der die Haïk-beschleierten Frauen sich an einem Tisch im Setting von Leonardos Abendmahl umtun, ist ein Beispiel dafür, wie eine traditionelle Verhüllung auch als Protest und als Betonung von Frauen-Identität verstanden werden kann.

Auch Mode-Studien mit "alten" Verhüllungen von Frauen aus dem europäischen Kulturkreis -etwa Susanne Bisovskys "Wiener Chic" aus dem Jahr 2018, in dem die Modeschöpferin geradezu üppige Zitate von Frauenbekleidung vergangener Jahrhunderte raffiniert kombiniert, deuten an, dass auch der spielerische Zugang zum Kopf-

Schon von alters her

Kurator Axel Steinmann weist darauf hin, dass bereits in Mesopotamien das Kopftuch die gesellschaftliche Bedeutung von Frauen markierte - und das Fehlen desselben deren sexuelle Schutzlosigkeit.