Storyselling in Frankfurt

Am 11. Oktober wurde die diesjährige Frankfurter Buchmesse eröffnet. Auf dem großen Marktplatz für Bücher finden immer mehr andere Medien und Nichtbücher ihren Platz.

Was stellen Sie sich unter einem "StoryDrive“ vor?

"StoryDrive“ nennt sich eine Initiative der Frankfurter Buchmesse, die vermitteln will, wie man einen (dafür geeigneten) Plot zu multimedialen Entertainment-Welten formt, die "parallel als Buch, Film oder Game erfahrbar sind“, wie "StoryDrive“-Projektleiterin Britta Friedrich in einer Pressemeldung zur in dieser Woche in Frankfurt stattfindenden internationalen Buchmesse feststellt. "Geschichten sind heute nicht mehr an ein spezielles Format gebunden“, das "stellt Medienhäuser vor neue Herausforderungen - sie müssen lernen, branchenübergreifend zu denken und zu arbeiten.“ Wie das geht, soll "Frankfurt StoryDrive“ konkret und praxisnah vermitteln, heißt es. Oder anders gesagt: Beim Storytelling geht es vor allem um Storyselling. Und "Storytelling & Storyselling“ heißt denn auch ein zweitägiges Konferenzprogramm, das der Frage nachgeht: "Wie werden Geschichten in Zukunft erzählt?“ Eigene Master Classes, geleitet von internationalen Medienexperten, nehmen sich zum Ziel, so die Projektleiterin, "den Teilnehmern eine Art Zehn-Punkte-Plan an die Hand zu geben, der zeigt, wie man erfolgreich cross- und transmedial arbeitet.“

Solche Begriffe schrecken vielleicht jene ab, die Bücher nicht nur aufgrund ihrer Plots lesen, sondern weil sie Form und Sprache genießen. Solche Schwerpunkte auf der Frankfurter Buchmesse müssen aber leidenschaftliche Leserinnen und Leser nicht wundern, schließlich handelt es sich um eine Buchmesse und nicht um ein Literaturfest. Auf dieser Messe wird zudem bloß sichtbar, wie sich das Geschäft mit Büchern verschiebt.

Die Veränderungen auf dem Buchmarkt können Leserinnen und Leser aber auch außerhalb der Buchmesse wahrnehmen. Dass Nonbooks - wie man sinnigerweise alles nennt, was kein Buch ist und dennoch in Buchhandlungen verkauft wird - zunehmend das Buch verdrängen, ist von aufmerksamen Kunden nicht zu übersehen. Betreten sie eine Buchhandlung, sehen sie oft alles Mögliche, bloß kein Buch: Karten, Papier, kleine Geschenke, große Mitbringsel, Souvenirs, Kitsch und Co, also alles, was zum Betreten einer Buchhandlung verlocken soll, in deren Schlund dann erst die Bücher warten.

Nonbooks, Filme, Computerspiele

Den "Nonbooks in der Praxis“ widmet auch Frankfurt heuer eine große Sonderfläche. Längst steht das Buch nicht mehr alleine im Fokus dieser Storyselling-Messe (geschweige denn die Literatur), das Interesse verschiebt sich unübersehbar in Richtung Medien und Entertainment. Auch Filme und Computerspiele bekommen in Frankfurt ihren Platz und breiten sich aus, denn - so die Argumentation - auch in ihnen wird erzählt.

Und die Literatur? Sie verkauft sich heutzutage eben nicht nur im Medium des papierenen Buches, sondern auch digital. In den Städten der Ostküste der USA, jenem Land mit den unübersehbaren Bibliotheken, die an manchen Orten selbst die nicht gerade kleinen Kirchen an Größe überragen, sah ich unlängst mehr Leser mit elektronischen Büchern denn mit Büchern aus Papier. Die zunehmende Technisierung und Digitalisierung der Literatur ist wohl (dort, wo sie ökonomisch leistbar ist) nicht aufzuhalten, sie wird sich für manche Bereiche durchsetzen, für andere vielleicht auch nicht. Verlage, die den Zug nicht verpassen wollen, müssen heute aufspringen, selbst wenn ihnen niemand sagen kann, in welche Richtung der Zug weiterfahren wird. Vielleicht auch auf ein Abstellgleis. Ob sich die Investitionen der Gegenwart lohnen werden, ob in Europa die Leser künftig Romane nicht mehr auf Papier gedruckt lesen werden: Man weiß es nicht. Aber die Digitalisierung der Buchwelt (2010 hatten 41 Prozent der Aussteller digitale Produkte im Angebot) geht so schnell vor sich, dass juristische Antworten auf die entstehenden Fragen (Stichworte Google Books, illegales Herunterladen von Büchern etc.) stets hinterherhinken. Und Literatur geht weiter online, ein Zeichen dafür sind auch die mittlerweile bereits unumgänglichen Auftritte von Verlagen und Autoren auf Facebook und Co.

Authentizität ist ein weiteres Zauberwort, ohne das auf dem Buchmarkt, sei es im Bereich der Belletristik, sei es im Bereich des Sachbuches, nichts mehr zu gehen scheint. "Niemals zuvor ist das private Selbst derart öffentlich inszeniert worden, niemals zuvor ist es so sehr auf die Diskurse und Werte der ökonomischen Sphäre zugeschnitten worden“, analysierte die Soziologin Eva Illouz in ihren Adorno-Vorlesungen die "Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“. Diese Feststellung gilt auch für die Buchbranche, der Hinweis auf das Authentische besetzt Verlagsprospekte und Klappentexte. Der Voyeurismus der Leser wird mit Tabubrüchen aller Art geweckt und bedient, am besten - erstaunlich, dass diese Strategie immer noch funktioniert - wirkt sexuelle Freizügigkeit, gepaart mit der Andeutung, was man lese, sei echt, sei wirklich erlebt. So reist Elfriede Vavrik mit ihren Büchern "Nacktbadestrand“ und "Badewannentag“ erfolgreich durch die Lande und Charlotte Roche muss sich für "Feuchtgebiete“ und "Schoßgebete“ um literarische Sprache gar nicht erst bemühen, es reichen die Verlockungen des Inhalts - und die Performance der Autorin tut dann das Übrige dazu.

Autorinnen und Autoren konkret erleben

Autoren konkret erleben, das macht wohl den Reiz von Lesungen aus, die Frankfurt auch prägen. Rund 2.200 geplante Veranstaltungen richten sich an ein breites Publikum. Etwa vierzig Autorinnen und Autoren aus dem Gastland Island lesen aus ihren Werken und stellen sich dem Gespräch. (Über die isländische Literatur informierte das BOOKLET zur Furche Nr. 40).

Die Preisverleihungen tun das Ihrige, einzelne Bücher aus der Masse hervorzuheben. Mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises begann diese Woche. Er ging an Eugen Ruge, der für sein Romandebüt "In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der Geschichte einer Familie und zugleich Deutschlands, bereits den aspekte-Literaturpreis erhalten hat. Am Freitag wird der Deutsche Jugendbuchpreis auf der Buchmesse bekannt gegeben und am Sonntag wird in der Frankfurter Paulskirche der algerische Autor Boualem Sansal mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Der promovierte Ingenieur für Maschinenbau erhebt in seinen literarischen Werken seine kritische Stimme. Obwohl er 2003 deswegen aus dem Staatsdienst entlassen wurde, lebt Boualem Sansal, dessen Roman "Das Dorf des Deutschen“ die FURCHE-Literaturbeilage BOOKLET im März vorstellte, immer noch in seiner Heimat Algerien - und hofft und schreibt.

Und dann, um sie bloß nicht zu vergessen, gibt es in den Hallen der Buchmesse ja auch noch jene Nischen mit den schönsten Büchern. Auch in manchen Buchhandlungen gibt es solche Nischen. Da ist das Buch schlicht und einfach und schön ein Buch.

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