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"Strukturpeitsche für beide Seiten"

Peter Mayerhofer und Peter Huber, Experten des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), über Herausforderungen und Vorteile der Centrope-Region. Dieser Markt ist keine "g'mahte Wies'n" - und bis auf weiteres lockt der Osten mit niedrigen Löhnen.

Die Furche: Welche Vorteile haben Firmen, wenn sie in der Centrope-Region tätig sind?

Peter Mayerhofer: Man hat Transportkostennachteile, wenn man von Centrope aus "nur" den Zentralraum der EU oder "nur" den Osten bearbeiten will. Der eigentliche Vorteil von Centrope ist, dass man die beiden Markttypen Ost und West gleichzeitig nützen kann. Es gilt Produktionsnetze aufzubauen und ein gutes Westprodukt zu Ostpreisen herzustellen. Das ist nur in wenigen Regionen der EU machbar.

Die Furche: Warum wird von der Region als Ganzes gesprochen, wenn die Teilräume so verschieden sind?

Peter Huber: Ich glaube, es gibt niemanden, der ernsthaft daran zweifelt, dass Wien und Bratislava "eine" Region wären, hätte es den Eisernen Vorhang nicht gegeben. Aus regionalökonomischer Analyse muss man aber sagen, dass die Austauschbeziehungen jetzt noch nicht so stark sind. Das ist eine Planungsregion, wo sich politische Akteure zusammengefunden und das zum Thema gemacht haben.

Mayerhofer: Natürlich ist es ein politisches Konstrukt, das ist klar. Aber in diesem Raum besteht die Notwendigkeit, gemeinsam Dinge zu planen. Die Teilregionen wachsen aufgrund ihrer geringen Distanz zueinander und der ökonomischen Potenziale zusammen. Beispiel Verkehr: In Centrope ist keine Konzeption denkbar, welche die Region auf der anderen Seite der Grenze nicht miteinbezieht.

Die Furche: Und gerade bei der Infrastruktur tut sich wenig ...

Huber: Es ist schwierig. Es gibt Bürgerinitiativen und dergleichen. Baut man eine Straße, ist es schlecht, baut man keine, ist es auch nicht gut.

Die Furche: Österreich wurde in Sachen Verkehr von der EU-Osterweiterung sichtlich überrascht, oder wird nichts gebaut, weil man sich vor "Heuschrecken" aus dem Osten fürchtet?

Mayerhofer: Das sagt natürlich niemand, aber anders kann ich mir das kaum erklären, dass die zehn Kilometer Autobahn Richtung Bratislava noch immer fehlen. Es ist wirklich lächerlich, man fährt 15 Jahre über Landstraßen Richtung Osten und kommt an die Grenze, und es beginnt eine vierspurige Autobahn.

Die Furche: Für welche Investoren ist Centrope trotz der teilweise noch schlechten Verkehrsanbindung interessant?

Huber: Centrope ist eine zentrale Übergangsregion zwischen dem hoch entwickelten Kern Westeuropas und den entwicklungsschwächeren, aber dynamischen Peripherien Ost-Zentraleuropas. Ein Zulieferbetrieb hat hier sehr gute Chancen (niedrige Lohnkosten im Osten und kurzer Transportweg in den kaufkräftigen Westen; Anm.). Auch die Dienstleister werden kommen.

Die Furche: Es gibt also große Chancen für Zulieferbetriebe und auch die Dienstleister kommen. Klingt nach einer einfach zu bearbeitenden Region?

Huber: Es muss klar sein, dass das kein nationales Gebilde ist. Darum gilt es Sprachbarrieren, juristische Barrieren, alles was mit Nationalstaaten verbunden ist, zu überwinden. Interessant finde ich immer, dass die Unternehmen, die es geschafft haben zu kooperieren, dann sagen: die Kulturunterschiede sind schon auch groß. Da werden dann die "weichen" Faktoren auf einmal wichtig.

Mayerhofer: Da existiert noch ein Phänomen, das mich stört: Es gibt sehr viele grenzüberschreitende Projekte - ohne jetzt Centrope generell da hineinzuwerfen -, die sich nicht im Alltagsgeschäft der Verwaltung und der Planung niederschlagen. Es werden viele Projekte gemacht, meist von der EU finanziert, und für die ist dann auch eine eigene Abteilung zuständig. Doch im Endeffekt bleiben die Abläufe hüben wie drüben dieselben. Es müsste ja so sein, dass derjenige, der in Wien für die Müllabfuhr zuständig ist, gemeinsam mit dem Beauftragten von Bratislava überlegt, wie die Müllprobleme in der Region zu lösen sind. So läuft es aber derzeit nicht. Centrope ist eine Plattform und wollte man wirklich Dinge grenzüberschreitend verändern, bräuchte man Staatsverträge.

Die Furche: Wie hoch sind die Lohnunterschiede zwischen Ost und West wirklich?

Mayerhofer: Zu beachten ist, dass es auch innerhalb der Länder große Lohnunterschiede gibt. Das ist problematisch, weil nur auf nationaler Ebene verglichen wird. Aus einer WIFO-Studie über die Lohnkosten pro Stunde (Sachgütererzeugung) geht der Unterschied deutlich hervor, 2005: 21% des österreichischen Niveaus in der Slowakei und 27% in Ungarn.

Die Furche: Gibt es auch Verlierer, wenn derartige Lohnunterschiede geografisch so nah beieinander liegen?

Huber: Es gibt zwei Tendenzen: Einerseits habe ich einen Marktzugang, andererseits auch eine Standortkonkurrenz. Bei den Projekten, die wir gemacht haben, wurde uns immer die Geschichte erzählt: Wir haben im Niedriglohnbereich ausgelagert, haben dadurch unsere Wettbewerbsfähigkeit gesteigert und in Österreich Arbeitsplätze gesichert oder sogar ausgebaut. Wenn das stimmt, dann ändert sich hier die Struktur der Nachfrage nach Arbeitskräften. Der höher qualifizierte Bereich bleibt in Österreich, der standardisierte (Produktion) geht über die Grenze. Das bedeutet, dass es für Niedrigqualifizierte bei uns - und nicht nur aufgrund der EU-Osterweiterung - schwieriger wird. Wachstum findet statt, aber es bleibt die Frage, wie der Kuchen verteilt wird. Im Niedriglohnbereich sind die Auswirkungen sicher am stärksten. Um gegenzusteuern, muss in die Bildung investiert werden.

Mayerhofer: Das ist schwierig, da die geringqualifizierten Arbeitskräfte schlechter über Bildungsmaßnahmen zu erreichen sind. Der Strukturwandel in Centrope ist größer als in anderen Regionen, und dieser Strukturwandel geht ganz klar in Richtung der komparativen Kostenvorteile (Spezialisierungen auf ein Gut lohnt sich, da es relativ günstig produziert werden kann; Anm.). In Österreich liegt der Fokus auf den höher qualifizierten, technologieorientierten Bereichen, auf der anderen Seite der Grenze auf jenen mit der besten Ressourcenausstattung.

Die Furche: Centrope-Arbeitsteilung bedeutet also: Strategie aus dem Westen und Produktion im Osten?

Huber: Ich habe letzte Woche mit einem Kollegen aus Bratislava gesprochen, der sagte, dass man das nicht mehr so einfach sehen kann (schmunzelt). Die haben einen Technologie-Export in die EU, auf den auch Österreich stolz wäre.

Mayerhofer: Ich kann keine Arbeitsteilung im Sinne von Produktionsnetzen aufrecht erhalten, wenn derjenige, der die höheren Lohnkosten hat, nicht der technologisch Höherwertige ist. Das setzt derzeit Österreich etwas unter Druck. Wir sind nicht wirklich der Hort der Hochtechnologie. Die Situation ist eine Strukturpeitsche für beide Seiten.

Die Furche: Gibt es noch etwas Centrope Vergleichbares in der EU?

Huber: Es gibt ähnliche Regionen in Schweden und Dänemark, aber ohne diese Ost-West-Lage.

Mayerhofer: Zwischen Ost und West oder alte und neue EU, ist Centrope auf Konferenzen immer das Paradebeispiel, was mir etwas übertrieben erscheint. Aber so eine Konstellation wie Wien/Bratislava ist sicher einzigartig. Vielleicht ist deshalb die Geschichte etwas intensiver und weiter fortgeschritten, weil es, wenn zwei Hauptstädte nur 50 Kilometer voneinander entfernt liegen, einfach notwendig ist zu kooperieren.

Die Furche: Was passiert, wenn der benachbarte Osten das gleiche Lohnniveau erreicht wie Österreich? Wohin lagern dann heimische Firmen ihre Produktion aus?

Huber: Da haben wir noch eine Zeit hin, die Konvergenzprognosen gehen in die 20 bis 30 Jahre, ausgehend vom derzeitigen Lohnniveau.

Mayerhofer: Das Wachstum der Wirtschaft lebt nicht nur von der Produktionsverlagerung. Der bayerische Raum und Oberösterreich liegen ja auch nicht weit voneinander entfernt. Die prosperieren beide und leben voneinander in einem interregionalen Austausch zwischen gleich starken Partnern.

Huber: Nach der "Aufhol-Zeit" muss eine Zeit kommen, in der man sich funktional spezialisiert.

Mayerhofer: Oder auch die gleichen Dinge in verschiedener Ausprägung macht. Das ist auch im Außenhandel so: Unterschiedliche Partner spezialisieren sich je nach komparativen Vorteilen auf verschiedene Güter. Je homogener die Regionen werden, desto ähnlicher sind die produzierten und gehandelten Waren.

Die Furche: Wenn Wachstum also nicht mehr durch Auslagerung generiert wird, wodurch entsteht es dann?

Huber: Das ist eine spannende Frage. Österreich selbst und per Analogie der österreichische Teil von Centrope leben eigentlich die ganze Nachkriegszeit über gut davon, dass sie gute Imitatoren und angewandtes Wissen hatten. Die Frage ist, ob man irgendwann einen Qualitätssprung machen sollte, weg von der Imitation hin zur eigenen Innovation und Forschung und Entwicklung. Das ist allerdings eine sehr weite Perspektive, weil die Konvergenz sicher noch zwei Jahrzehnte dauern wird. Ich mache mir keine Sorgen, dass man dann nichts mehr fände, wohin man auslagern kann.

Das Gespräch führte Thomas Meickl

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