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Sturm im Wasserglas

Auch wenn ein medialer Cocktail aus Kirchenverschwörung, Unterdrückung von Texten erneut gemixt wird: Das so genannte "Evangelium des Judas" birgt keinen Sprengstoff.

Es war in den vergangenen drei Jahren still geworden um das Judasevangelium. Heuer zu Ostern hörte man dann, dass weitere Papyrusfragmente des antiken Buches aufgetaucht seien. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel brachte eine Titelgeschichte in üblicher Machart, zurück bleibt Unbehagen. Dan Brown hätte es nicht viel besser erfinden können: ein geheimnisvolles Buch als Spielball des illegalen Antiquitätenhandels, ein von der Kirche verurteilter Text, es fließt viel Geld, einige Wissenschafter spielen mit und, ja, und was eigentlich?

Ein Evangelium des Judas Iskariot als vermeintliches Schlaglicht auf das Frühchristentum? Das ist ja wohl doch eine sehr steile These. Die Gruppe, die diesen Text gebrauchte, beruft sich auf eine Persönlichkeit, die im Christentum, um es vorsichtig zu sagen, ein eher schlechtes Ansehen genoss. Ein weiteres leuchtendes Vorbild dieser Gruppe war, so berichtet uns der Kirchenvater Irenäus gegen Ende des 2. Jahrhunderts, Kain, der seinen Bruder Abel ermordet hat.

Anhänger des Kain

Nach ihm nannten sich die Mitglieder der Gruppierung, die das Evangelium des Judas verwendete, dann auch Kainiten. Das klingt heute wenig schmeichelhaft. Und so stellt sich die grundsätzliche Frage: Was bezweckt eine Gruppe, die sich derartige Persönlichkeiten als Gewährsleute und Vorbilder aussucht? Doch wohl auf jeden Fall eines: Eine Distanzierung von der Christenheit. Diese beruft sich auf die Überlieferung der zwölf Apostel, zeichenhaft wird ja auch am Anfang der Apostelgeschichte Matthias nachgewählt, der den Platz des Verräters einnehmen soll (Apg. 1,15-26). Und die Person, die nach dem biblischen Bericht elendiglich zugrunde gegangen ist, die aufgrund ihres Verrates an dem "Meister" ihren Platz im Kreise der Apostel verloren hat, diese Person gilt einer Gruppe aus frühchristlicher Zeit als derartiger Gewährsmann, dass ein Evangelium den Namen dieser Person trägt.

So stellt sich die Frage, ob man hier nicht übertreibt, wenn man den Eindruck erweckt, dass es sich um eine binnenchristliche Gruppierung handelt. Nur weil ein Text aus frühchristlicher Zeit stammt, muss er deswegen noch nicht zu einer frühchristlichen Gruppierung gehören. Und nur weil ein "völlig neuinterpretierter" Jesus in diesem Text begegnet, ist bereits aufgrund der Zuschreibung an Judas Iskariot die brutale und gewollte vollständige Distanzierung von der frühchristlichen Überlieferung offensichtlich. Völlig folgerichtig ist dann auch die kurze Rahmenhandlung davon geprägt, dass alles, was sich an kirchlichen Strukturen bereits gebildet hat, lächerlich gemacht wird. Die übrigen Apostel, das heißt, die Personen, welche als die Säulen der kirchlichen Überlieferung gelten, werden von Jesus verhöhnt und verlacht. Ihre Reaktion auf das Verhalten Jesu, von der dieses Judasevangelium berichtet, ist bezeichnend: Sie werden wütend und ärgerlich auf Jesus und beginnen, ihn in ihrem Herzen zu verfluchen. Das ägyptische Wort, das in diesem Zusammenhang Verwendung findet, könnte härter nicht sein. Von der Gotteslästerung das griechischen Äquivalent liegt dem im Deutschen gut bekannten Fremdwort Blasphemie zugrunde ist die Rede. Die Jünger verstehen Jesus nicht, deswegen reagieren sie so. Bei aller Offenheit des Geistes: Das ist etwas völlig anderes als das Unverständnis der Jünger, von dem in den Evangelien berichtet wird. Ist es wirklich so völlig abwegig, dass fromme Christen des 2. Jahrhunderts einen derartigen Text mit scharfen Worten ablehnen?

Apostel als fluchende Idioten?

Der Kirchenvater Irenäus von Lyon war Nachfolger des Bischofs Pothinus, der unter Marc Aurel (161-180) den Märtyrertod gestorben war. Warum sollte er ein gutes Wort für einen derartigen Text haben? In Rom hatte er, wohl im Jahr 177, an den Gräbern von Petrus und Paulus gestanden, die für ihren Glauben gestorben waren. Dass diese im Judasevangelium zusammen mit den anderen Aposteln als fluchende Dummköpfe dargestellt werden, kann nur verständliche und berechtigte Entrüstung über einen solchen Text bei einem Kirchenmann hervorrufen, für den diese Apostel eben keine Idioten, sondern Vorbilder im Glauben sind.

Und doch werden Verschwörungstheorien geschmiedet. Bereits die frühe Kirche habe mit heimtückischen Mitteln derartige Gruppierungen zum Schweigen gebracht, habe ihre Texte vernichtet und die Wahrheit über das Frühchristentum verfälscht. Hier gilt es wohl doch, die Kirche im Dorf zu lassen. Die Christen des 2. Jahrhunderts waren eine verschwindend kleine Minderheit im Römischen Reich. Vielleicht waren es zwei, vielleicht auch vier Prozent der Bevölkerung. Wie soll eine derartige Minderheit, die noch dazu von der Mehrheitsgesellschaft, um es einmal sehr vorsichtig zu sagen, immer wieder unter Druck gesetzt wird, überhaupt die Machtstrukturen aufbauen, um derartige Gruppierungen wie die, welche hinter dem Judasevangelium steht, zu unterdrücken? Das geht doch eben nur durch verbale Abgrenzung wenn man nicht aufgrund einer Verfolgung mal wieder dringlichere Probleme hat. Es ist sicherlich auffällig, dass aus dem 4. Jahrhundert aus Ägypten zahlreiche Briefe auf Papyrus existieren hierüber gibt es eigene Untersuchungen , deren Verfasser und Empfänger unterschiedlichsten religiösen Gruppierungen zuzuordnen sind. Von den Gnostikern, und bei den Anhängern der Judastradition handelt es sich um eine gnostische Gruppierung, findet sich dabei keine Spur. Dies lässt sich nur so erklären, dass diese Gruppierungen von selbst "verschwunden" sind.

Alles andere als eine "Frohbotschaft"

Von den Christen hatten sich die Kainiten abgesondert, und vielleicht war eine Botschaft, die sich auf den Brudermörder Kain und den sprichwörtlichen Verräter als Gewährsmänner stützte, tatsächlich nur für wenige Menschen anziehend. Und vielleicht ist hier auch der Ort zu erwähnen, dass bei der Bezeichnung der Schrift als "Evangelium" gegenüber den biblischen Büchern ein großer Unterschied besteht. Die biblischen "Frohbotschaften" heißen "Evangelium nach" und dann folgt der Name des Evangelisten. Das Eigentliche der "Frohbotschaft" ist jedoch der Bericht über das Wirken Jesu. Der ägyptische Text, der so lange verborgen war und jetzt wieder für Aufsehen gesorgt hat, ist ein "Evangelium des Judas". Es ist also die Frohbotschaft, die dieser zu berichten hat. Und diese "Frohbotschaft" ist die Mitteilung angeblicher geheimer Offenbarungen, die Jesus diesem Jünger, der aus der Sicht der übrigen Anhänger Jesu jeden Kredit verspielt hat, mitgeteilt haben soll.

Die Geheimniskrämerei beginnt bereits am Anfang des Judasevangeliums. Es handelt sich, so liest man in der Einleitung, um einen "verborgenen Bericht". Dieser Bericht kann, darüber herrscht Einigkeit, nicht vor der Mitte des 2. Jahrhunderts entstanden sein. Dafür sind die gnostischen Lehrgebäude, die dort ihren Niederschlag gefunden haben, viel zu weit entwickelt. Vom Tod des Judas trennt also mehr als ein Jahrhundert. Und so muss der unbekannte Verfasser in der Einleitung behaupten, dass dieser Bericht "verborgen" gewesen sei. Das ist ein literarischer Kunstgriff. Der Text lässt sich nicht auf den historischen Judas zurückführen. Und mit dem Christentum hatte die Gruppe, die ihn verwendete, wenig am Hut.

* Der Verfasser forscht gefördert vom Wissenschaftsfonds (FWF) in der Papyrussammlung der Österr. Nationalbibliothek

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