Köhler - © Foto: picturedesk.com / DPA / Christian Charisius
Feuilleton

Sturm um den Gesang für die Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Karen Köhlers erster Roman „Miroloi“ löst eine Debatte über die Literaturkritik aus, es rauscht und rumpelt im Feuilleton.

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Karen Köhlers erster Roman „Miroloi“ löst eine Debatte über die Literaturkritik aus, es rauscht und rumpelt im Feuilleton.

„In mir drinnen ist alles möglich, das begreife ich jetzt. Mein Miroloi muss ich mir selber singen, damit kann ich nicht warten, bis ich gestorben bin, sonst wird es mich nicht gegeben haben.“ Diese Gedanken wälzt eine namenlose junge Frau, die man in einem hermetisch abgeschotteten Inseldorf schon von Anfang an ausgeschlossen hat, weil sie einst als Findelkind auf den Stufen des Bethauses abgelegt worden ist. Anderssein, die Kraftanstrengung, sich den widerwärtigen Aktionen der Dorfgesellschaft zu stellen, Rebellion. So weit die Eckdaten zum Roman „Miroloi“, den die Hamburger Autorin Karen Köhler soeben veröffentlicht hat.

Seit seinem Erscheinen rauscht und rumpelt es gewaltig im Feuilleton. „Ein ärgerlicher Roman“, heißt es etwa in der Zeit, als „ermüdend“, „naiv“, „nicht plausibel“ und „simpel gestrickt“, aber auch als „packend erzähltes Stück Literatur“ wird Köhlers Debütroman wahrgenommen. Je kritischer die Stimmen, desto häufiger vernimmt man den Ruf nach „neuen Maßstäben für die Literaturkritik“. Hanser habe ­„Miroloi“ schließlich als Spitzentitel dieses Bücherherbstes herausgebracht. Unabhängig davon ­mahlen die Mühlen des Literaturbetriebs weiter. Mittlerweile ist der Roman auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Es kommt auch vor, dass in der Kritik nicht mehr der Text im Vordergrund steht, sondern die daran geknüpfte Diskussion des Literaturmarkts und seiner ­Phänomene.

Obwohl die Sprache des Romans mitunter auch heftig kritisiert worden ist, kann die ­Stärke dieses Textes gerade in der erzählerischen Kraft und Vitalität gesehen werden.

Bislang war Karen Köhler mit Theaterstücken sehr erfolgreich. 2014 hat sie den viel beachteten Erzählband „Wir haben ­Raketen geangelt“ herausgebracht. Worum geht es nun in ihrem Roman? Der Plot ist laut Köhler frei erfunden; es gibt kein Vorbild für das Dorf und seine Gesellschaft samt starrer, übermächtiger Religion. Eine Mischung aus archaischen kulturellen Gefügen? Für ihren Text hat sie auf einer griechischen Insel recherchiert und alte Menschen über die Zeit vor der Einleitung des Stroms interviewt. Hier sei sie auch auf das titelgebende Miroloi gestoßen, was so viel wie „Totenklage“ bzw. „Klagelied“ bedeutet. Im SWR2 erklärt sie, dass man in abgelegenen Regionen Griechenlands noch heute das Leben der Verstorbenen nach deren Tod ein letztes Mal besinge. In Anlehnung daran fungiert das Miroloi als strukturelles Wasserzeichen für ihren Roman, eine originelle Idee. Köhler hat den Text in 128 Strophen mit schlichten Unterüberschriften als umfangreichen Gesang konzipiert.

Hierarchien und heilige Ordnungen

Die von der Außenwelt gänzlich abgeschnittenen Insulaner leben im Rhythmus der Natur, nahezu autark mit nur wenigen zugekauften Waren, mit eigener Währung, eigener Religion und eigenem Rechtssystem. Die Dorfgemeinschaft fügt sich der strengen patriarchalen Hierarchie, an ­deren Spitze der Ältestenrat steht. Fremd­einflüsse und Neuerungen lehnt man ab, Frauen werden rigoros unterdrückt, auch missbraucht. Sie bleiben Analphabetinnen, arbeiten im Haus und auf dem Feld und erziehen die Kinder. Dass dies laut Schöpfungsbericht und heiliger Ordnung so zu geschehen hat, steht in der „Khorabel“, dem heiligen Buch. Die Protagonistin hat ein entbehrungsreiches, schweres Leben. Ihr „Finder“, der Betvater, und die alte ­Mariah unterstützen sie. Heimlich lernt sie lesen und schreiben und verliebt sich in einen Betschüler, der ihr einen Namen gibt. Damit ist ihr Leben in Gefahr. In Alina wuchert und gärt die Wut. Sie bricht Gesetze, wird in ihrer Hinwendung zum Leben eine Rebellin und lässt sich von ihrer Sehnsucht nach Freiheit tragen.

Gemessen an unserem kulturellen Verständnis muss man sich natürlich fragen, wo die hier dargestellte reaktionäre Gesellschaft anzusiedeln ist. Rund um die ­Insel herum Fortschritt, nur an diesem Fleck ticken die Uhren wie selbstverständlich anders. Das erstaunt tatsächlich und ist bereits kritisch angemerkt worden. Köhler sieht das Dorf als eine „Stellvertreter­gesellschaft“, das Dorfleben als „Versuchsanordnung“; mit dem Blick auf totalitäre Strukturen fragt sie im NDR: „Wie viel Androhung von Strafe, wie viele Gesetze braucht es, um eine Gesellschaft zusammenzuhalten?“ Hier exerziert sie eine Reihe von brisanten Themen durch: Alina steht paradigmatisch für den Widerstand gegen unhinterfragte Macht, die Enttabuisierung des sexuellen Missbrauchs oder ganz generell für den Kampf um Freiheit inmitten von Unterdrückung, Gewalt und Bildungsfeindlichkeit. Und die inhaltlichen Brüche? Der Wissensstand der Insulaner, besonders Alinas, in ihrer Begegnung mit dem Fremden ist oft nicht schlüssig oder auch die Tatsache, dass Flucht einfach unmöglich ist und alle Einflüsse abgewehrt werden können.

Obwohl die Sprache des Romans mitunter auch heftig kritisiert worden ist, kann die Stärke dieses Textes gerade in der erzählerischen Kraft und Vitalität gesehen werden. Köhler bricht – sicher auch gratwandernd – mit radikalen Wortneuschöpfungen („tiefstenachtstill“), additiv gesetzten Verben, eindringlichen Teilsätzen, Wiederholungen, mit emotionalen Bildern und unvermuteten regionalen Einsprengseln Konventionen. Jedenfalls herrscht Sturm in diesem Gesang für die Freiheit.

Miroloi - © Hanser
© Hanser
Literatur

Miroloi

Roman von Karen Köhler
Hanser 2019
464 Seiten, geb., € 24,70

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