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Subversion und Poesie

Zum 250. Geburtstag von William Blake.

Wer richtig sieht, sieht visionär! Diese Überzeugung prägte das Gesamtwerk des Malers und Schriftstellers William Blake, der sich in einer Welt von Halluzinationen und Ekstasen bewegte. Er entwarf eine höchst komplexe Privatmythologie, in der die rebellischen Gestalten einer poetischen Weltsicht gegen die Kräfte der Rationalität kämpften. Blake verachtete sämtliche kirchliche oder staatliche Normenkataloge. Sein anarchischer Impuls wurde im England des 18. Jahrhunderts als Verrücktheit bezeichnet; erst Dichter wie William Butler Yeats, Ezra Pound oder Georges Bataille erkannten die Sprengkraft seines Werks. Besondere Faszination übte Blake auf die amerikanische Beat-Generation aus. Allen Ginsberg sprach von "gnostisch-psychedelischen Blitzen, die alle Seelen ermutigen, dass sie auf ihr eigenes Genie und ihre Inspiration vertrauen".

Rebellische Mythologie

Geboren wurde William Blake am 28. November 1757 als Sohn des Strumpfwarenhändlers James Blake und seiner Frau Catherine in London. Schon als Kind suchte er die Gesellschaft von Engeln und Propheten. Sein frühes Verweilen in einer imaginären Welt ersparte ihm den regulären Schulunterricht. Er besuchte eine Zeichenschule, später absolvierte er eine Lehre bei einem Kupferstecher. Diese Ausbildung ermöglichte ihm in späteren Jahren den materiellen Unterhalt.

Als Autodidakt, der sich vorerst an der Bibel und John Milton orientierte, verfasste er erste philosophische Texte. Darin findet sich bereits eine Bemerkung, die als zentrale These immer wiederkehrt: "Wenn es nicht die Wesenheit des Poetischen oder Prophetischen gäbe, wäre das Philosophische und Experimentelle bald bei der Ratio aller Dinge angelangt & stände still, unfähig, etwas anderes zu tun, als ständig denselben dumpfen Zirkelschlag zu wiederholen."

Das Poetische war dann das Thema der "Lieder der Unschuld und Erfahrung", die 1794 erschienen. Für die Publikation entwickelte Blake ein eigenes revolutionäres Gravurverfahren, das er "illuminiertes Drucken" nannte. Den handgeschriebenen Text mit den Illustrationen gravierte er auf eine Platte, um ihn danach mit der Hand zu kolorieren. Jedes Exemplar erhielt eine singuläre Form; der uniforme Warencharakter des Buches wurde somit aufgehoben. "Die Lieder der Unschuld und Erfahrung" beschreiben zwei gegensätzliche Zustände der menschlichen Seele: Auf der einen Seite singt Blake ein Loblied auf die Unschuld des Kindes und auf das Erleben des intensiven Glückszustandes. Symbol dafür ist das Lamm: "Weich und wollig, dicht und weiß", das mit seinem Blöken "die Täler glücklich macht". Im übertragenen Sinn verkörpert das Lamm - gemäß dem Johannesevangelium 1,29 - Jesus, "das Gotteslamm, welches der Welt Sünde trägt". Auf der anderen Seite steht der Tiger - die Inkarnation des Bösen, des Aggressiven - der sich die Welt der Unschuld rücksichtslos aneignet: "Tiger! Tiger! Brand, entfacht / In den Wäldern tiefer Nacht / Welch unsterblich Aug und Hand/Hat dich in dein Maß gebannt?"

In den "Liedern der Erfahrung" thematisierte Blake bereits die Folgen der Industriellen Revolution in England. Blake war nicht nur Visionär, sondern auch ein radikaler Kritiker des sozialen Elends. In dem Gedicht "London" heißt es: "Wenn ich durch graue Straßen geh / Wo grau die Themse fließt im Trüben / Sind in jed' Antlitz, das ich seh / Nur Weh und Schwäche eingeschrieben. // In jedem Schrei von Kind und Mann / In jeder Angst die unbefriedet / In jeder Stimme, jedem Bann / Klirr'n Ketten, die der Geist geschmiedet".

Ketten des Rationalismus …

Diese vom Geist geschmiedeten Ketten sollten gesprengt werden. Mit Geist meinte Blake vornehmlich den Rationalismus, der mit seinen begrifflichen Schemata der kosmischen Lebensenergie ein Korsett anlegt. Den Inbegriff des Rationalismus sah Blake in der Gestalt von Isaac Newton, den er für die Verherrlichung des Wissens verantwortlich machte. Den neuzeitlichen Rationalismus interpretierte Blake als "Wille zum Messen", als Sucht nach Limitierung.

Blakes 1795 angefertigter Farbdruck "Newton" zeigt einen nackten, jungen Mann, der mit einem Zirkel eine Messung vornimmt. Es ist dies - so der ungarische Literaturwissenschaftler László Földényi, der eine luzide Studie über "Blakes Newton" verfasste - die "archetypische Szene seines Schaffens". Aber auch John Locke, Hauptvertreter des Empirismus, der die sinnliche Erfahrung als die Quelle des Wissens angab, wurde heftig attackiert. Für Blake war diese These zu reduktionistisch. Das bloße Empfangen von Sinneseindrücken verhindere eine visionäre Sichtweise der Welt, argumentierte Blake, sie pervertiere die Form des Sehens.

In der Tradition von Jakob Böhme verstand Blake die visionäre Sicht als eine Synästhesie der Sinne, die einen Einblick in die bisher unbekannte Sphären des Göttlichen ermöglichte. Die Produkte dieses visionären Einblicks verarbeitete Blake in zahlreichen Schriften wie "Die Hochzeit von Himmel und Hölle", "Das Buch von Urizen", "Das Buch von Los", "Milton", Jerusalem" und "Vala".

Darin entwarf er eine äußerst facettenreiche Mythologie, in denen archetypische Gestalten agieren. Ein wichtiger Protagonist ist Urizen, der Repräsentant der instrumentellen Vernunft, "ein der Selbstkontemplation hingegebener Schatten". Er schmiedet die Ketten staatlicher und religiöser Institutionen, welche die Lebensenergie des Menschen kanalisieren und einengen.

… und der Institutionen

Der große Gegenspieler ist Orc, der als "roter Dämon", als Rebell gegen die Herrschaft der abstrakten Vernunft ankämpft. Er verbündet sich mit Los, dem Propheten und Dichter, mit dem sich Blake häufig identifizierte. Psychoanalytisch betrachtet kämpft das Über-Ich gegen die Triebimpulse des Es, wobei die Ich-Institution entfällt; "Energie ist das einzige Leben und stammt her aus dem Körper!" - so Blake - "und Vernunft ist der Einband oder äußere Umkreis der Energie".

Dieser Kampf der archetypischen Gestalten beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Individuum, sondern bestimmt auch das politische Geschehen; speziell den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution, für die sich Blake begeisterte. In dem 1793 publizierten Text "Amerika" beschrieb er auf mythisch-allegorische Weise den Krieg der amerikanischen Kolonien gegen England.

Orc ruft die dreizehn Engel der Kolonien zum Befreiungskampf gegen den Fürsten Albion auf, die mit Hilfe von Seuchen ihre Herrschaft absichern wollen. Wortgewaltig schildert Blake den bakteriellen Krieg: "Auf seine Stimme hin entflohn die Seuchen ihren Wolken / Und fielen auf Amerika, im Sturm es zu verheeren / Wie Brand das zarte Korn verheert, das eben sprießt / Dunkel der Himmel droben, und kalt und hart die Erde drunten: Und wie ein Pestwind voll Insekten Mensch & Tier befällt/ Und wie die Flut die Erde überwältigt, wenn sie bebt."

Doch gegen Orc sind die Engländer machtlos: "So rauscht ein Wind von Wut! Zorn! Wahnsinn durch Amerika"/ "Die roten Flammen Orcs, sie schlagen in wütendem Dröhnen/Ans zornige Gestade: und der Bewohner wilde Hast." Zwölf Jahre später erschüttert Orcs "wüste Rebellion" Frankreich: "Und in den Weingärten des roten Frankreichs erschien das Licht seiner Wut / Die Sonne glühte feurig rot! / Die wilden Schrecken flogen."

Radikale Visionen

Subversion und Poesie beherrschten Blakes Leben; immer mehr zog er sich in seine visionäre Welt zurück. Dennoch verstand er sich nicht als passiver Mystiker. Er verfolgte das Projekt, alle Ketten zu sprengen, um eine neue Qualität, eine neue Freiheit zu ermöglichen, welche die gesamte Lebenspraxis der Menschen revolutioniert. Der am 12. August 1827 verstorbene Visionär hat dieses Programm in radikaler Weise gelebt. "Der Schrecken seiner mythologischen Gedichte soll befreien, nicht erdrücken" - schrieb Georges Bataille - "er öffnet sich der großen Bewegung des Alls."

Literaturtipps:

Zwischen Feuer und Feuer

Poetische Werke. Von William Blake.

Deutsch/Englisch. Aus dem Engl. u. mit Anmerkungen hg. v. Thomas Eichhorn. Deutscher Taschenbuchverlag, München 2007. 501 S., kart., € 17,-

Newtons Traum

Blakes, Newton'. Von László F. Földényi. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2005. 288 S., geb., € 29,80

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