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Die Weltakademie der Wissenschaften tagte in Wien -und ging der Frage nach, was die Forschung zur Lösung der brennenden globalen Probleme beitragen kann.

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Die Weltakademie der Wissenschaften tagte in Wien -und ging der Frage nach, was die Forschung zur Lösung der brennenden globalen Probleme beitragen kann.

Dass weniger oft mehr ist, kann immer wieder überraschend sein: so etwa beim Reisanbau, wo mit spärlicher ausgesetzten Keimlingen mehr Ertrag erzielt werden kann. "Beim 'System der Reis-Intensivierung', kurz SRI, werden die Setzlinge bereits frühzeitig ausgepflanzt und zwar einzeln in weiten Abständen statt in Büscheln auf engem Raum", erläutert Michael Hauser, Direktor des "Center for Development Research" an der Wiener Universität für Bodenkultur. "Damit werden die Regeln einer Jahrtausende-alten Reistradition auf den Kopf gestellt." Der Stress für die Pflanze wird somit verringert: Denn bei SRI konkurrieren die Keimlinge nicht um Nährstoffe, Raum und Sonne. Sie entwickeln ein kräftigeres Wurzelsystem, so dass wiederum mehr Nährstoffe aus den tieferen Bodenschichten nach oben gezogen werden. Statt die Felder zwecks Unkrautbekämpfung unter Wasser zu halten, erhalten die Pflanzen nur die gerade benötigte Wassermenge.

Feldversuche der Reisbauern

In den 1980er-Jahren wurde das Verfahren im Umfeld des französischen Agronomen und Jesuitenpaters Henri de Laulanié nach jahrelangen Feldversuchen auf Madagaskar entwickelt. Die afrikanischen Bauern konnten ihre Erträge so von zwei auf acht Tonnen Reis pro Hektar steigern -mit einem Zehntel des Saatguts. Zunächst skeptische Wissenschafter wurden vor Ort vom Erfolg überzeugt; fortan trug die akademische Forschung zur Optimierung des Systems bei. SRI ist seither exemplarisch für den Schulterschluss zwischen der Wissenschaft und dem lokalen Wissen der Kleinbauern und NGOs.

Heute wird die wissens- und arbeitsintensive Methode von Millionen Bauern in Asien, Afrika und Lateinamerika praktiziert. "Das ist ein gutes Beispiel für die fünfte Revolution, die Umstellung auf eine nachhaltige Form der Landwirtschaft", sagt Hauser. Nach zwei steinzeitlichen und zwei industriellen Wissensrevolutionen sei es nun an der Zeit für einen weiteren Sprung: "Die 'grüne Revolution' der 1970er-Jahre hat zwar viel erreicht und etwa in Indien Hungersnöte verhindert. Aber sie ging mit einer Energieintensiven Produktion und ökologischen Schäden einher - und sie hat das Problem der Armut nicht gelöst. Deshalb braucht es jetzt den nächsten Schritt."

Der Agrarökologe von der Wiener BOKU war einer der Vortragenden bei der Jahrestagung der "World Academy of Sciences", die vom 18. bis 21. November an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien stattfand. 1983 gegründet und vorerst als "Akademie der Dritten Welt" bekannt geworden, bemüht sich die Weltakademie heute um den wissenschaftlichen Austausch zwischen den Industrie-und Entwicklungsländern. Im Zentrum des Wiener Kongressprogramms standen die drängenden globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert, von der Armutsbekämpfung bis zum Klimaschutz.

Ambitionierter UN-Zielkatalog

Der aktuelle Hintergrund war nicht nur die bevorstehende Klima-Konferenz in Paris, sondern auch die neue Liste nachhaltiger UN-Entwicklungsziele, die 2016 in Kraft treten und bis 2030 umgesetzt werden sollen: Im Anschluss an die acht "Milleniums-Entwicklungsziele" hat die UNO nun den bei weitem umfangreichsten Zielkatalog formuliert, der erstmals auch den Industrie-und Schwellenländern Vorgaben zur Entwicklung macht. 169 ambitionierte Zielsetzungen werden hier zu 17 universellen Themen zusammengefasst - darunter der Kampf gegen Hunger, Armut und Infektionskrankheiten, der Zugang zu Bildung, die Versorgung mit Energie und sauberem Trinkwasser, der Schutz der Wälder und Meere sowie die Nachhaltigkeit bei Konsum und Produktion. Angesichts der aktuellen Flüchtlingskrise drängt sich die Hoffnung in den Vordergrund, dass die neuen Entwicklungsziele auch nachhaltig gegen die diversen Fluchtursachen wirksam sein sollen.

Wandel der Werte

Allein die Ernährungssicherheit bleibt ein Riesenthema, denn auch im 21. Jahrhundert ist die Welt noch nicht vom Hunger befreit: Gemäß aktuellen Zahlen der Welternährungsorganisation (FAO) haben 795 Millionen Menschen nicht genug zu essen; 98 Prozent der Hungernden leben in Entwicklungsländern. Diese Situation könnte durch Klimawandel und Extremwetterereignisse noch zusätzlich verschärft werden. Wie aber kann sich der Systemwandel zur Nachhaltigkeit konkret vollziehen? Wie CDR-Direktor Hauser bemerkt, sind technologische Lösungen allein nicht genug. Auch der Blick auf die politischen Zusammenhänge sowie ein innerer Wandel seien voranzutreiben: "Es geht darum, eine Mehrheit hinter guten Ideen wie den Nachhaltigkeitszielen zu versammeln. Das erfordert die Veränderung der Werte und Einstellungen, die unserem Verhalten zugrunde liegen."

Dass die Stärkung der internationalen Forschungszusammenarbeit ein zentrales Anliegen in unserer globalisierten Welt ist, hat Bundespräsident Heinz Fischer in seiner Eröffnungsrede betont. Kurz zuvor wurde die erste Vereinbarung über die wissenschaftliche Kooperation zwischen Österreich und Südafrika unterzeichnet, die erste dieser Art mit einem afrikanischen Land. Die Ausschreibung zur Einreichung von gemeinsamen Projektvorschlägen soll noch heuer starten. Wie nachhaltige Entwicklung schließlich auf den Punkt gebracht werden kann, hat der südafrikanische Bürgerrechtler Albert Louis bei der Wiener Tagung gezeigt. Denn die wichtigste Strategie zur Lösung globaler Probleme klingt bei ihm wie ein Mantra steter Erinnerung: "Dialog. Dialog. Dialog."

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