Suche nach geistiger Leitwährung

Der fünfte Pfingstdialog "Geist & Gegenwart“ im steirischen Seggauberg (15.-17. Mai) formulierte heuer eine konkrete Vision - "Vereinigte Staaten von Europa“, allerdings mit vielen Fragezeichen: Hoffnung, Wagnis …?

Eine Veranstaltungsreihe unter dem Leitmotiv "Geist & Gegenwart“, nicht zufällig im Vorfeld von Pfingsten angesiedelt, die sich dem Thema Europa verschrieben hat: Davon darf man erwarten, dass der europäische Geist von geistesgegenwärtigen Menschen in die jeweilige Gegenwart hinein übersetzt wird. Seit 2005 laden das Land Steiermark und die Diözese Graz-Seckau zweijährlich zum Pfingstdialog auf das südsteirische Schloss Seggau bei Leibnitz, bis ins 18. Jahrhundert auch Sitz der Bischöfe.

Kategorischer Infinitiv

Schon an den Titeln der einzelnen Symposien lässt sich der eingangs formulierte Anspruch ablesen: "Europa. Träume und Traumata“ (2007), "Der Geschmack Europas“ (2009), "Europa. Erzählen“ (2011) - und heuer: "Vereinigte Staaten von Europa. Hoffen. Wagen.“. So konkret war die Überschrift noch nie - aber auch noch nie so kompliziert. "Vereinigte Staaten von Europa“ - das bedeutet, im Unterschied zu den vergangenen Jahren, eine klare politische Ansage. Doch die beiden angehängten Verben lassen die tief sitzende Unsicherheit spüren. Ob aus dem kategorischen Imperativ denn nun der kategorische Infinitiv geworden sei, spottete denn auch der Dichter Robert Menasse.

Im Prinzip geht es immer um "Europa erzählen“ - wobei, je nach Standpunkt, die Klage oder einfach nur die Feststellung nicht fehlen darf, dass es Europa an einer großen Erzählung mangle. Die alte vom Friedens- und Versöhnungsprojekt habe zumindest für die jüngeren Generationen ihre Stringenz verloren, weil diese nie etwas anderes als Frieden, Freiheit und Wohlstand kennen gelernt hätten und dies demnach für selbstverständlich hielten. Eine neue Erzählung aber sei nicht gefunden.

Manche nun meinen, dass "Vereinigte Staaten von Europa“ eben eine solche sein könnten. Robert Menasse gehört zu ihnen, wenngleich er sich in seinem Statement klar gegen den Begriff aussprach: "In den USA gab es vorher keine Nationen, die Situation kann man nicht mit Europa vergleichen. Wir haben eben Nationen mit langer Geschichte …“, so Menasse. Weswegen er unter Berufung auf die europäischen Gründerväter Jean Monnet & Co. dafür plädierte, "etwas vollkommen Neues“ aufzubauen: "Es geht um die Bildung des ersten nachnationalen Kontinents der Welt, etwas, für das es sich wirklich lohnt, zu streiten und zu kämpfen, für eine gemeinsame europäische Zukunft“, so Menasse. Der Autor wurde ja durch einen gesponserten Recherche-Aufenthalt in Brüssel vom europäischen Saulus zum Paulus, hat sein Damaskus-Erlebnis unter dem Titel "Der Europäische Landbote. Die Wut der Bürger und der Friede Europas“ in Buchform gebracht und zieht seither als ebensolcher Bote durch die Lande.

Anti-Nationalstaats-Populismus

Stünde Menasse politisch woanders, würde man ihn gewiss des Populismus zeihen - und das mit Recht: Seine grob vereinfachende Anti-Nationalstaatsrhetorik übersieht etwa, dass der viel gescholtene Nationalstaat noch immer eine "funktionierende Struktur“ ist, wie etwa VfGH-Präsident Gerhart Holzinger in der Abschlussdiskussion festhielt, und, vor allem, dass er den bislang einzigen erprobten und bewährten Rahmen von Rechtsstaat und moderner Demokratie darstellt. Gewiss, der Nationalstaat alleine kann die heutigen Probleme nicht mehr lösen - und Nationalismus ist von Übel. Doch Kriege gibt es nicht erst seit der Herausbildung der Nationalstaaten, wie EU-Kommissar Johannes Hahn auf Menasse replizierend anmerkte. Und dass sich in Europa etwas "vollkommen Neues“ herausbilde, gehört seit Jahren zu den Versatzstücken jeder einschlägigen Sonntagsrede: Das sich vereinigende Europa sei ein Gebilde "sui generis“ ("eigener Art“), sagt man dann gerne. Was nicht falsch ist, aber auch nicht wirklich weiterhilft. Das, was Menasse offenbar vorschwebt, wäre jedenfalls - erraten: ein europäischer Nationalstaat, auch wenn er es partout nicht so nennen will.

Da lobt man sich den pragmatisch-nüchternen Blick des EU-Kommissars - oder aber eine Vision ganz anderer Art, wie sie der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch skizzierte: Sie führte "zu den geistigen Grundlagen Europas“ und wies gerade deswegen in die Zukunft. Koch zitierte Kardinal König ("Europa kann nur bestehen, wenn es um seine geistigen Grundlagen weiß“) und formulierte die Frage nach der geistig-geistlichen Leitwährung des europäischen Einigungsprojekts. Kardinal Koch, in der Kurie für die Ökumene zuständig, verwies auf Martin Luther: "Worauf du nun dein Herz hängst und verlässest, das ist eigentlich dein Gott.“ Wo Gott schwinde, so Koch, werde der Mensch nicht frei, sondern Opfer anderer Götter und verstrickt in deren Götzendienste.

Einheit Europas - Einheit der Kirchen

Vor diesem Hintergrund sind für Koch das Prinzip der Divinität und der Humanität zusammenzudenken, die Menschenwürde in der Transzendenz am besten verankert und geschützt. Dafür dass dieses Bewusstsein weitgehend verlorengegangen sei - was sich besonders deutlich etwa in der Diskussion um Gottesbezug und Nennung religiöser Wurzeln in einer europäischen Verfassung gezeigt habe - macht der Kardinal indes nicht einfach die "böse säkulare Welt“ verantwortlich. Die Säkularisierung als "Privatisierung“ der christlichen Religion sei durchaus "hausgemacht“, so Koch unter Verweis auf Glaubenskriege und Kirchenspaltungen. Daraus folge ein "Auftrag zur Einheit der Christen“. Aufhorchen ließ der "Ökumeneminister des Vatikans“ in dem Zusammenhang mit dem Satz, es werde keine Einheit Europas ohne Einheit der Kirchen geben. So hört man das in dieser Klarheit selten. Solch langatmige Hoffnung, aus der heraus erst Wagnis möglich ist, hat auch noch Bestand, wenn die Landboten längst weitergezogen sind.

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