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"Suche nach Gemeinsamkeiten"

Riccardo Muti, gebürtiger Neapolitaner und am dortigen Konservatorium ausgebildet, kann heuer und in den beiden folgenden Jahren zu Pfingsten in Salzburg eines seiner Lieblingsprojekte umsetzen: Werke der neapolitanischen Schule mit jungen italienischen Musikern und Sängern. Eine verschollene Cimarosa-Oper steht am Beginn.

Die Furche: Maestro Muti, ab heuer haben Sie für drei Jahre die künstlerische Verantwortung für die Salzburger Pfingstkonzerte. Wie ist es dazu gekommen?

Riccardo Muti: Zusammen mit Jürgen Flimm hatte ich die Idee, zu Pfingsten neapolitanische Musik des 18. Jahrhunderts nach Salzburg zu bringen. Ausgangspunkt dafür ist - das will ich ausdrücklich unterstreichen -, dass wir versuchen, Europa zusammenzuführen. Wir wollen uns als Europäer fühlen, wir sind auf der Suche nach allen Gemeinsamkeiten. Im 18. Jahrhundert war Europa kulturell viel mehr verbunden, vor allem durch Dichter, Maler, Musiker. Ein wichtiger Beitrag zu diesem Vermächtnis kommt den Vertretern der neapolitanischen Schule zu: Cimarosa, Paisiello, Pergolesi, Scarlatti, Vivaldi. Sie wirkten alle in Europa. Als mich Jürgen Flimm bei einer öffentlichen Probe mit den jungen Musikern des Cherubini-Orchesters in Ravenna besuchte, fragte er: Warum heben wir nicht mit jungen Musikern und Sängern musikalische Schätze, die seit Jahrhunderten in Bibliotheken wie in Neapel liegen und weisen damit auf die Verbindungen zwischen Neapel und Österreich hin?

Die Furche: Wie würden sie grundsätzlich die Bedeutung der neapolitanischen Schule charakterisieren?

Muti: Neapel im 18. Jahrhundert mit seinen vier musikalischen Ausbildungsstätten, bevor sie zum Konservatorium San Pietro a Maiella zusammengeführt wurden, besaß die bedeutendsten italienischen Musiker. Diese vier Akademien schufen mit ihrer Ausbildung die Basis für die Opernlandschaft des 19. Jahrhunderts. Zur Zeit Mozarts war Neapel Europas Musikhauptstadt. Als er seine erste Reise nach Italien antrat, zu Padre Martini nach Bologna fuhr, Mailand besuchte, seine frühen Opern komponierte, war ihm ebenso wichtig, in Neapel als großer Musiker anerkannt zu werden.

Die Furche: Für Ihr erstes Salzburger Pfingsten haben Sie eine unbekannte Oper und ein ebenso wenig bekanntes Oratorium ausgesucht.

Muti: Es gibt tausende Manuskripte, die darauf warten entdeckt zu werden. Nicht alle sind Meisterwerke, aber viele Opern waren zur Zeit ihrer Entstehung berühmt. Cimarosa ist einer der Väter der neapolitanischen Schule. Ich habe mir eine Reihe von Partituren angesehen, nächstes Jahr werden wir eine Oper von Paisiello bringen. Das Libretto der Cimarosa-Oper ist sehr kompliziert: Es geht um Witz, Liebe, zwei Frauen lieben denselben Mann, es gibt ein Happy End. Il ritorno die Don Calandrino ist eine typische neapolitanische Opera buffa, aber wie alle diese Opern sehr von Melancholie bestimmt. Man darf das nicht mit Traurigkeit verwechseln. Das größte Meisterwerk dieses Genres ist Don Pasquale von Donizetti. Er hat die Oper "Dramma buffo" bezeichnet. Das bedeutet: Es ist ein dramatisches Werk, das aber viel Komik beinhaltet.

Die Furche: Und das Oratorium?

Muti: Das Oratorio a quattro voci stammt von Alessandro Scarlatti, einem anderen Vater der neapolitanischen Schule. Es ist ein Werk über Maria, die Mutter Christi, umfasst zwei Teile, ist sehr komplex, dauert fast zwei Stunden, nur für Orchester und vier Solostimmen geschrieben. Ein sehr dramatisches Werk, das man auch szenisch aufführen könnte. Wir werden es konzertant machen.

Die Furche: Sie werden dieses Programm mit einem Orchester aus jungen italienischen Musikern realisieren. Was war der Grund für diese Orchestergründung?

Muti: Es geht nicht darum, mit einem weiteren Orchester in den weltweiten Konkurrenzkampf einzugreifen. Mir ging es um ein Orchester, dem ich meine weltweiten Erfahrungen aus 40 Jahren weitergeben kann. Die Idee hatte ich schon lange. Es ist nicht leicht, ein solches Orchester zu gründen. Man braucht eine wirtschaftliche Grundlage, einen geeigneten Platz, ein Theater, eine Stadt, die einen aufnimmt. Das Orchestra Giovanile "L. Cherubini" repräsentiert alle italienischen Regionen. Wir haben es darauf nicht angelegt, es ist das Ergebnis aus 700 Probespielen. Nur einige wenige Musiker stammen nicht aus Italien, aber sie leben und studieren hier. Sie dürfen maximal drei Jahre im Orchester spielen, das Alterslimit ist 30 Jahre.

Die Furche: Wie sehen Sie als einer der führenden Mozart-Interpreten das zurückliegende Mozart-Jahr?

Muti: Ein so wichtiges Ereignis wie Mozarts 250. Geburtstag muss gefeiert werden, wie etwa Verdis hundertster Todestag 2001. Ich glaube nicht, dass das Verdi-Jahr entsprechend gefeiert wurde. Verdi, der auch sonst viel gespielt wurde, wurde noch mehr aufgeführt, ohne sich näher mit ihm auseinander zu setzen. Bei Mozart war es genauso: Auch hier mehr Aufführungen seiner Werke als sonst, auch hier ohne die entsprechenden wissenschaftlichen Diskussionen.

Die Furche: So gesehen benötigen wir 2009 kein Haydn-Jahr …

Muti: Mit Joseph Haydn ist es anders: Er ist einer jener Komponisten, von dem wir zwar den Namen kennen, allerdings werden immer nur einige wenige Symphonien aufgeführt - und immer dieselben. Deshalb habe ich mit den Wiener Philharmonikern begonnen, bis 2009 weniger bekannte Symphonien zu spielen. Selbst wenn man Musikern eine unbekannte Haydn-Symphonie vorlegt, zeigt sich immer, wie beeindruckt sie von der Größe dieser Werke sind. Haydn ist ein Komponist, den wir erst dabei sind zu entdecken. Zu hoffen ist auch, dass im Gefolge dieses Haydn-Jahres auch seinen Opern endlich die gebührende Aufmerksamkeit zukommt.

Die Furche: Wann immer eine Chefposition bei einem großen Orchester oder in einem bedeutenden Opernhaus vakant ist, wird Ihr Name genannt. Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?

Muti: Nach meinem Rückzug von der Mailänder Scala habe ich zahlreiche Angebote aus dem symphonischen und dem Opernbereich bekommen. Im Moment genieße ich meine Freiheit. Ich konnte immer machen, was ich wollte, aber nun kann ich morgens aufwachen, ohne mit administrativen Problemen belastet zu sein. Gegenwärtig mache ich mehr Konzert als Oper. Mein erstes größeres Opernprojekt wird 2008 bei den Salzburger Festspielen ein neuer Otello und die Wiederaufnahme der Zauberflöte sein sowie Così fan tutte in der Staatsoper mit einem anschließenden Gastspiel in Japan.

Das Gespräch führte Walter Dobner.

Neapel, Salzburg, Europa

Mit dem 1941 in Neapel geborenen Dirigenten Riccardo Muti bekommen die Salzburger Pfingstkonzerte ein neues Profil: Nach Karajan und den Berliner Philharmonikern und den Barockprogrammen der letzten Jahre setzen die Salzburger Festspiele für drei Jahre ganz auf die Neapolitanische Schule. Entstanden ist die Idee im Anschluss an eine öffentliche Probe von Beethovens fünfter Symphonie mit dem eben gegründeten Luigi Cherubini-Jugendorchester unter Riccardo Muti beim Ravenna Festival 2005. Jürgen Flimm und Markus Hinterhäuser, gerade erst zum Intendanten und Konzertchef der Salzburger Festspiele designiert, wollten mit Muti über seine künftige Mitwirkung in Salzburg sprechen. Plötzlich wurde nicht nur das Sommerfestival, sondern auch Pfingsten ein Thema. Nach einem gemeinsamen Besuch in Neapel waren sich Muti, Flimm und Hinterhäuser einig: Mit unbekannten Werken der Neapolitanischen Schule kann es gelingen, den Pfingstkonzerten neue Attraktivität zu geben und damit zusätzlich einen Beitrag zur europäischen Idee zu leisten. Denn zwischen 1707 und 1734 stand Neapel unter österreichischer Herrschaft, während des gesamten 18. Jahrhunderts wetteiferten Wien und Neapel um die europäische Vorherrschaft in der Musik.

Pfingstfestspiele 2007

25. bis 28. Mai

www.salzburgfestival.at

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