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Suche nach Ursprüngen

Wie sich Nationen voneinander abgrenzen. Ein kritischer Blick der Geschichtswissenschaft.

Es gehört seit jeher zur Identität von Völkern und Nationen, sich von anderen zu unterscheiden. Daraus folgt, dass auch die Dinge des eigenen täglichen Lebens ethnisiert werden. Lebensmittel und Essgewohnheiten, Waffen und Waffentechniken, Musik und Tänze, Werkzeuge, Krankheiten, sexuelle Praktiken, Tier- und Pflanzennamen und vieles andere mehr werden nach ihrer Herkunft mit einem nationalen Eigenschaftswort bestimmt oder als Fremdwort übernommen.

So stammt das slawische Wort "chl(i)eb" für Brot vom gotischen "hlaifs (=Brot)laib", wie ihn die Brotbitte des bibelgotischen Vaterunsers "hlaif unsarana thana sinteinan gif uns himma daga" erstmals bezeugt.

Für die Griechen unserer Tage sind die Orangen Portugiesen und die Dattelpalmen Phönizier.

Der böhmische Großvater benannte die Kartoffeln, für die der Enkel nach Familienbrauch Erdäpfel sagte, mit dem tschechischen Wort "Bramburi" (=Brandenburger). Während des Siebenjährigen Kriegs hatte der Preußenkönig Friedrich II. den Kartoffelanbau selbst mit harten Gewaltmaßnahmen erzwungen. Die Folgen der Missernte von 1770 wurden so nicht bloß in Brandenburg und den andern Ländern des Alten Fritz, sondern auch im Böhmen Maria Theresias gemildert. Daher der tschechische Name.

Aus Böhmen stammte aber auch der so vertraut anmutende Schmetterling, weil dort die deutsche Butterfliege mit "smetana", dem Milchrahm, übersetzt wurde und dann als Schmetterling zurückkehrte.

Böhmen selbst aber ist ein besonderer Fall. Im Tschechischen gibt es den Namen nicht. Vielmehr handelt es sich dabei um den ältesten bekannten germanischen Orts- und Ländernamen, um die Fremdbezeichnung für die ehemalige Heimat und den Zentralort der keltischen Boier. "Bis heute gibt es den Namen Boihaemum, und er kündet von der alten Geschichte des Ortes, obwohl seine Bewohner andere geworden sind", wie Tacitus nicht bloß für seine Gegenwart, sondern - wie wir heute wissen - auch prophetisch für eine ferne Zukunft sagte.

Genealogien als Grundlage

Stammbäume und "alte Lieder" enthalten die Ursprünge von Völkern und Nationen, aber auch die alter Familien und Geschlechter. Genealogien bildeten die Grundlage für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Eliten und damit für die Entstehung größerer politischer Einheiten. Vielfach wurden frühmittelalterliche Stammbäume bei ihrer Aufzeichnung aus klassisch-biblischen Traditionen und wenigen Daten der mündlichen Überlieferung konstruiert; sie sind auf dem Kontinent meist kurz, jedoch lang, wenn sie in der insularen Peripherie entstanden sind oder sich darauf beriefen.

So rühmten sich die gotischen Amaler, zu denen Theoderich der Große gehörte und die ihre Genealogie mit skandinavischen Namen begannen, eines 17-gliedrigen Stammbaums. Dagegen konnte der Schwager Theoderichs, der mächtige merowingischen Frankenkönig Chlodwig, nur seinen Urgroßvater nennen, von dem überdies das Gerücht umging, er sei ein Meerungeheuer gewesen. Deshalb legten sich die Franken bald eine weniger anrüchige, eben eine klassische Herkunft zu und wollten wie die Römer aus Troja abstammen.

Eine klassische Herkunft

Und tatsächlich: "Woher das Geschlecht und wo zu Hause?". Mit diesen Worten beginnt Aeneis 8. Buch, Vers 114. Der Held Aeneas fährt mit seiner stark dezimierten Schar den Tiber hinauf, wobei der Flussgott kräftig nachhelfen muss, um die Einwanderung "klassisch", das heißt zu Schiff, zu ermöglichen.

Da tritt Pallas auf, der Sohn des palatinischen Lokal-Heros Euander, ebenfalls eines über das Meer gekommenen Flüchtlings, und will wissen, wes Geschlechts die Fremdlinge sind, woher sie kommen. Aeneas ist über die Lohengrin-Frage keineswegs empört, nimmt nicht den nächsten Schwan, sondern gibt bereitwillig Auskunft. Er überreicht einen Ölzweig, nennt sich und die Seinen "Trojageborene" und Feinde der Latiner, weswegen sie Hilfe von Euander, ebenfalls mit den Latinern verfeindet, suchten.

Zum besseren Kennenlernen unterhalten sich Aeneas und Euander sogleich über ihre Stammbäume und stoßen bald auf Gemeinsamkeiten. Wie es in der adeligen Gesellschaft bis heute üblich ist, weiß man um seine und seines Gegenübers Herkunft oder erkundigt sich sofort danach, um voneinander Bescheid zu wissen.

Gottlob kann Aeneas seinem Gesprächspartner mitteilen: Dardanus, der Gründer Trojas, sei ein Enkel des Atlas, den der Merkur-Sohn Euander seinerseits als seinen Urgroßvater verehrt: "So spaltete sich das Geschlecht der beiden aus einem Blut", heißt es.

Der Angesprochene reagiert darauf sofort aufs freundlichste, erinnert sich an Stimme und Gesicht des Aeneas-Vaters Anchises und setzt detailreich den Familien-Tratsch fort. Selbstverständlich wird Aeneas und seine Schar bestens aufgenommen und unterstützt.

Wer sich auf die Suche nach den ethnischen und dynastischen Ursprüngen begibt, stößt bald auf Sagen und Geschichten, von denen die betreffenden Gruppen ihr Wir-Bewusstsein herleiteten. Tatsächlich handelte es sich dabei um die Einigung auf eine gemeinsame Vergangenheit, die es niemals gegeben hat.

Fiktive Vergangenheit

Hier Klarheit zu schaffen, ist das Geschäft des Historikers, und hier liegt auch die Nutzanwendung, die Medienwirksamkeit seines Tuns. Er soll mit seinem Wissen nicht die Regale eines Kuriositäten- und Gruselkabinetts der Geschichte füllen, sondern einen wissenschaftlichen, aber auch gesellschaftspolitischen Anspruch erheben.

Wenn die Geschichtlichkeit der Ursprungsmythen festgestellt und analysiert wird, können auch Strategien zu ihrer Überwindung entwickelt werden. Der Historiker hat für diese Aufgabe eine gute treue Verbündete, die jüdisch-christliche Überlieferung.

Jeder Schöpfungsmythos außerhalb der Bibel setzt Ursprungsmythen voraus, und diese beziehen sich wieder auf andere Ursprünge. Vor Tuisto, dem Erdgeborenen, gab es die Erde, so beginnt Tacitus die Erzählung der germanischen Ursprünge. Doch wer schuf die Erde? War sie ewig, wie manche Heiden glaubten und wogegen der heilige Bonifatius polemsierte? Vor den amalischen gab es nichtamalische Goten, bevor die Langobarden ihren Namen erhielten, hießen sie Viniler, und beide Völker kamen nicht aus dem Nichts.

Allein in der Genesis schuf Gott aus dem Nichts Himmel und Erde; ein so revolutionärer Gedanke, dass noch der allerchristlichste Kaiser Karl der Große seine Hoftheologen fragte, ob das Nichts wirklich nichts sei und nicht doch wenigstens einen Rand besitze. So geschehen rund 700 Jahre, nachdem der Evangelist Johannes aufgrund seiner religiösen Überlieferung und Einsicht zum Schluss kam, dass am Beginn nicht der Mythos, sondern der Logos stehe. Will man sich daher heute auf Anfänge berufen, müssen es die logischen und nicht die mythischen Ursprünge sein, die man sucht.

Logische Ursprünge suchen

Und diese Forderung gilt für jede historische Kritik, auch für die Bibelexegese, von der wir übrigens unser Geschäft erlernten. Kein Mensch wird heute die europäische Einigung mit dem Mythos vom Zeus-Stier und der phönikischen Königstochter Europa begründen, sondern als logische Überwindung sinnlosen Leids, verheerender Krieger und menschenverachtender Ideologien ansehen. Dennoch entwickeln viele europäische Historiker immer noch nationale Geschichtsmythen vom Rang der Europa-Geschichte und sind noch nicht im heutigen Europa angekommen, wie dies jüngst Ferenc Glátz, der Präsident der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, beklagte.

Es kann jedoch durchaus eine gemeinsame Geschichte geben, die motiviert, vielleicht auch legitimiert. Aber sie muss logisch sein, das heißt, von ihrer mythischen Befrachtung und Isolation befreit und mit Hilfe der von der Aufklärung entwickelten Objektivation verwissenschaftlicht werden. Dies hat hoffentlich das Team bewiesen, das zwischen 1994 und 2006 eine Geschichte Österreichs in 15 Bänden herausgebracht hat.

Auf ihre Herkunft dürfen sich die Nationen berufen, sobald sie jedem irrationalen Mystizismus, jedem Nationalismus und Chauvinismus abgeschworen haben. Daher soll auch der Frühmittelalterforscher seinen Teil dazu beitragen, damit diese Einsicht in ruhige Alltagspolitik umgesetzt werde und die Gespenster der Vergangenheit besiegen helfe.

Der Autor ist emeritierter Professor für mittelalterliche Geschichte an der Universität Wien und Herausgeber der 15-bändigen Geschichte Österreichs.

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