Symbiose von Kunst und Geist

1945 1960 1980 2000 2020

Der St. Georgs-Chor Wien macht sich in der Wotruba-Kirche an eine Opern-Uraufführung.

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Der St. Georgs-Chor Wien macht sich in der Wotruba-Kirche an eine Opern-Uraufführung.

Abseits der ausgetrampelten Pfade bewegt sich der St. Georg Chor nicht nur musikalisch: in der Uraufführung von Heinz Kratochwils Oper "Franziskus" in der Wiener Wotruba-Kirche wird man sich davon überzeugen können. "Wir waren so eine Gruppe von Mitzwanzigern, die alle singen wollten," schildert Chorleiter Gustav Danzinger die Anfänge des St. Georgs Chors vor 22 Jahren. Die damals Jungen sind inzwischen in die Jahre gekommen, an musikbegeisterten Neuzugängen mangelte es allerdings nie. "Von 19 bis ins zarte Pensionsalter," umreißt Danzinger das altersmäßige Spektrum seiner Sänger und Sängerinnen.

Aus 35 Aktiven rekrutiert sich der St. Georgs-Chor, das Verhältnis Damen zu Herren beträgt etwa zwei zu eins. Willkommen ist jeder, der gerne singt. Stimmausbildung und Professionalität zählen weniger als die Begeisterung zur Musik. Eine gemischte Truppe singt ein gemischtes Repertoire, das allerdings durchaus mit Ehrgeiz: "Unsere Konzerte sind sehr, sehr bunt. Wir singen Weihnachtskonzerte genauso wie weltliches", erklärt Danzinger. "Einen reinen Amateurchor an seine Leistungsgrenzen zu führen, ist ein mühsamer, aber sehr, sehr lohnender Weg", zeigt sich der Chorleiter auch nach 22 Jahren noch vollauf begeistert. Von alter Musik, über Renaissance, Romantik, a capella Gesang bis hin zu Werken des 20. Jahrhunderts spannt sich der musikalische Bogen.

Originalität ist Trumpf, die Zusammenstellung macht das Programm: so gab man ein "Concerto bestiale", das sich über alle Epochen hinweg dem Thema "Tier" annahm. Die große Lust am Unkonventionellen spiegelt sich auch im Aufführungsort: am allerliebsten singt der St. Georgs Chor in der Wotruba Kirche, wo auch die Uraufführung der Oper "Franziskus" von Heinz Kratochwil über die Bühne gehen wird - ein Werk, das wie angegossen zum Spielort paßt.

"Es ist die Kargheit des Raumes, und diese 360gradige Anwesenheit der Natur, die für mich franziskanisch wirkt," betont Danzinger das Zusammenwirken mehrerer archaischer Komponenten: ein ornamentloser Raum, eine Musik, die vom expressionistischen bis hin zum schroffen Klang wesentliche Seinszustände auszudrücken vermag und eine konzertante Aufführungsform, die sich ohne Bühnenaufbau und Ausstattung auf das Wesentliche beschränkt. 15 Musiker werden den Chor unterstützen.

"Der Heinz Kratochwil war ein Freund von mir, seine Frau singt heute noch bei uns mit," hat Danzinger einen ganz persönlichen Zugang zum Werk. Die Komponistengattin als Mitwirkende einer Opernuraufführung erlebt man selten. Auch das Werk selbst trägt das Potential zur musikalischen Sternstunde in sich: die Stigmatisierung des heiligen Franziskus in der Wotrubakirche könnte durchaus zu einer geglückten Symbiose zwischen Kunst und Geist geraten.

10. und 11. Juni, 20 Uhr. Wotruba-Kirche, Wien-Mauer, Rysergasse

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