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Tage der Falschheit

Die Schuld am Scheitern der Friedensbemühungen der UNO und der Uneinigkeit in der EU anzuhängen, ist absurd.Diese Organisationen bieten die Bühne, betreten müssen sie die Spieler selber.

George W. Bush hat Saddam Hussein eine letzte Frist gesetzt, auf die der Diktator dem Präsidenten schon vor Jahren geantwortet hat: "Wir haben uns die Sonnenstrahlen gegriffen", erklärte Saddam einmal, "und wir werden nicht weichen." Dieser Satz ist ehrlich, einer der seltenen Momente, in denen sich Saddam Hussein zur Wahrheit hinreißen ließ. Doch der Iraker ist mit seiner üblichen Verschlagenheit in guter Gesellschaft. Auch wenn das Finale zum Krieg noch so oft zur Stunde oder zum Tag der Wahrheit hochstilisiert wird - es bleiben Stunden und Tage der Falschheit, der Verlogenheit, des eigennützigen Taktierens. Im Irak, in den USA, weltweit.

Krieg ist nicht gut für die Moral, auch wenn der Diktator in Richtung Mekka betet, der Präsident den Tag mit einer Andacht beginnt und die Soldaten auf beiden Seiten sich dem Schutz ihrer Heiligen anvertrauen. Kriege sind Rückfälle ins Kannibalentum, hat einer gesagt. Und diese Ahnung, dass ein Krieg, jeder Krieg tatsächlich eine Schranke durchbricht, eine Grenze auflöst, einen Rückwärtsschritt setzt, dahin, wo der Mensch nicht (mehr) hingehört, steckt hinter dem Widerstand gegen jeden, gegen diesen Krieg. Das schlechte Gefühl beim Irak-Krieg mobilisiert die Straße viel mehr als die guten Argumente gegen den Irak-Krieg.

Denn die Frage, wie man gegen den Krieg sein kann und damit nicht einem üblen Diktator in die Hände arbeitet, ist nicht beantwortet, kann nicht zufriedenstellend beantwortet werden. Wenn alle Pros und Kontras ausgetauscht sind, bleibt nur ein gestammeltes "So nicht" - nicht mit Gewalt, nicht mit Krieg - übrig.

Das Nein gegen diesen Krieg hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen buchstabiert. Das gereicht ihm zur Ehre und ist gleichzeitig in den Augen vieler Kommentatoren seine größte Blamage. "Zahnloser Papiertiger" lautet die Kurzformel der Beschimpfung, die jetzt auf die UNO niederhagelt. Und weil man schon in Fahrt ist, kriegt die EU und ihre gescheiterte Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik auch noch gleich ihr Fett ab. Wenn es drauf ankommt, so der Tadel gegen beide Institutionen, kommt es auf beide nicht an, macht jeder Staat, was ihm passt.

Die gern mit Schadenfreude unterfütterte Kritik an UNO und EU würde anders aussehen, wenn der Frieden im eigenen Land von der Einigkeit oder Uneinigkeit in diesen Organisationen abhinge. Aus sicherer Distanz formuliert, fehlt der Schimpferei über die Unfähigkeit dieser Organisationen aber jene berechtigte Angst, die in diesen Tagen die Iraker befällt, wenn sie die UN-Waffeninspektoren ihre Koffer packen und abreisen sehen.

Dableiben müssen, wenn alle die können, abhauen - an diesem Gefühl mangelt es den Kommentatoren in unseren friedlichen Breiten. Sonst würde die Analyse über die schwer beschädigte Funktionsfähigkeit der Vereinten Nationen nicht so leicht über die Lippen kommen. Sonst würde das missglückte Zusammenwachsen der europäischen Staaten nicht mit einem lässigen Achselzucken zur Kenntnis genommen werden.

Oder ist die Jammerei über das Scheitern von UNO und EU am Ende gar nicht so ernst gemeint? Der Gedanke drängt sich auf, da im Moment nach dem warnenden Lamento wie gewohnt zur Tagesordnung übergegangen wird. Als ob mit dem Alleingang der USA und einiger Verbündeter nicht wirklich ein Schaden in der Weltordnung eingetreten sei, als ob die Sicherheit, dass dieser Bruch zu kitten ist, es weitergehen wird und letzten Endes gut weitergehen wird, unerschütterlich sei.

Erleichterungs-Rallye nennt die Finanzwelt den Kursanstieg an den Börsen, der mit der definitiven Kriegsdrohung des amerikanischen Präsidenten eingesetzt hat. Aber genauso scheint es, greift auch eine Erleichterungs-Politik um sich. Die dafür sind und die dagegen sind, stehen fest, schauen sich bitterböse an und wissen doch genau, dass sie einander brauchen. Und wenn sie an der Kriegsfront nicht gemeinsam stehen, an der humanitären Front haben Deutsche und Franzosen neben Amerikanern und Engländern, und mit und über allen die UNO, bereits Stellung bezogen.

Auf dieses Miteinander jetzt und nachher wird es ankommen - und es wird passieren. Dass das Miteinander vorher nicht funktioniert hat, darf aber nicht jenen Institutionen vorgeworfen werden, die eine Bühne für dieses Miteinander bieten, sondern denen, die diese Bühne aus Eigeninteresse verlassen haben. Die Bühne UNO und auch die letztlich gescheiterten Bemühungen der EU verdienen Respekt. Denn sie erinnern auch in Kriegszeiten daran, dass die Weltgemeinschaft einmal beschlossen hat, nach den Sonnenstrahlen zu greifen. Und sie wird nicht weichen.

wolfgang.machreich@furche.at

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