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Feuilleton

TALENT ZU REPORTAGE UND KLEINKUNSTBÜHNE

1945 1960 1980 2000 2020

EIN LESEBUCH BETTET JURA SOYFERS TEXTE IN BERICHTE ÜBER SEIN LEBEN, ERINNERUNGEN UND KOMMENTARE.

1945 1960 1980 2000 2020

EIN LESEBUCH BETTET JURA SOYFERS TEXTE IN BERICHTE ÜBER SEIN LEBEN, ERINNERUNGEN UND KOMMENTARE.

Drei Jahre sind vergangen seit der Gala im Wiener Rabenhof Theater zu Jura Soyfers 100. Geburtstag im Dezember 2012. Nun legen die beiden Organisatorinnen von damals, Margit Niederhuber und Erna Wipplinger, verstärkt durch Christoph Kepplinger-Prinz, das Buch dazu vor, samt einer CD mit dem Veranstaltungsmitschnitt, der auch auf YouTube zu sehen ist. In sieben chronologischen Kapiteln mit vorangestellten kurzen "Einleitungen" präsentieren die Herausgeber dem Entstehungskontext folgend Texte Jura Soyfers, Zeugnisse, Erinnerungen und Berichte über sein Leben sowie Kommentare zeitgenössischer Autoren, etwa von Heinz R. Unger, Elisabeth Reichart oder Doron Rabinovici. Vielleicht hätte man sich ein Mehr an Begegnungsmöglichkeit mit Soyfer selbst gewünscht. Auch ob Details über die Brutalität der SS im Fall Soyfer, einem hochbetagten Zeitzeugen nach langer Verweigerung doch noch abgerungen, wirklich mitgeteilt werden sollen, ist eine Frage, die man unterschiedlich beantworten kann. Und erschreckend ist immer wieder, wie frauenverachtend diese Generation war. "Loch ist Loch", schreibt der 22-jährige Soyfer über ein beiläufiges Liebesabenteuer an sein "Schatzerl" Marika Szecsi, was schon etwas mehr als "befremdlich" wirkt. Im selben Brief vom September 1934 gibt Soyfer Marika auch spannende Ratschläge, wie sie ihre Arbeit bei Josef Nadler anlegen soll, auf dass sie dem völkischen Ordinarius, bei dem auch Soyfer studiert hat, gefalle. Überraschend ist im übrigen die Parteinahme des Literaturwissenschaftlers Soyfer für Hofmannsthal, während seine Begeisterung für Villon oder Nestroy naheliegt.

Aktuell und frisch

Dass viele von Soyfers literarischen Arbeiten aktuell und frisch wirken, hat mit zeithistorischen Parallelen zu tun - nur dass die Erwartung vom Ende des bürgerlichen bzw. kapitalistischen Systems mittlerweile verlorenging. Vor allem aber liegt die Wirkung an seinem Talent, unterschiedlichste Formate für seine Zwecke zu adaptieren, von Reportagen und Gedichten in der Arbeiterpresse bis zu Couplets und Stücken für die Kleinkunstbühne. Er beherrscht die leichtfüßige Paraphrase auf bekannte Melodien, die kecke Montage von Schlagerphrasen und unheimlicher Wienerlied-Gemütlichkeit ("Lied zur Laute"). Er schreibt mit seiner "Geschichtsstunde im Jahr 2035" mehr als ein halbes Jahrhundert vor Walter Wippersbergs "Das Fest des Huhnes" eine historisch-ethnografische Satire über Altwiener Bräuche, etwa die mysteriösen Opferfeste, bei denen sich zwei Sekten bekriegen, während "zwanzig alte Wiener in bunten kultischen Gewändern den rituellen Tanz um eine aufgeblasene Lederkugel" zelebrieren. Auf die Frage des Professors, wie die damals verehrten Götzen geheißen haben, antwortet Schüler Müller "Sindelehar", in irrtümlicher Kontraktion von (Matthias) Sindelar und (Franz) Lehár.

Unter dem Titel "Motorräder" verbirgt sich eine Demontage des Narrativs vom Tellerwäscher zum Millionär bzw. vom Startup in der Garage, und wo andere New Yorks Glanz und Glamour sahen, schaute Soyfer auf das "Barackenlager Shanty-Town" - denn "Ansichten sind verschieden. Auch Städte". Er schickt Maler wie Nationalökonomen zum Anschauungsunterricht auf den Wiener Naschmarkt um zwei Uhr früh und liest aus einem der ersten Stahlbetonbauten Wiens -"Ein Haus wird zusammengestellt" - die technologische wie ökonomische Entwicklung samt ihren Folgen für die Menschen heraus. Und immer wieder beschäftigt ihn die Frage der Jugend; der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise hatten den sogenannten "Generationenvertrag" ähnlich radikal destabilisiert wie das heute die Generation Praktikum dank der Börsencrashes von 2000 und 2008 erlebt. Selbst die "Ballade der Drei" aus Soyfers "Broadway-Melodie 1492" ("Voran der Mann mit dem harten Schlag. - Eins! / Sodann der Mann mit den Lügen im Sack. - Zwei! / Und schließlich der Herr mit dem Reinertrag") muss man für heutige Zwecke nur geringfügig adaptieren.

Soyfers politische Texte können auch manche Urteile hinterfragen helfen, die sich im Zuge der medienwissenschaftlichen Revision der Kulturgeschichte eingeschlichen haben. Die Begeisterung für die Geschichte des Films lässt leicht übersehen, was die typische deutsche Verwechslungskomödie der Zeit politisch implizierte -nachzulesen in Soyfers Gedicht "Mondäner Film". Und Josef Sternbergs Verfilmung von Heinrich Manns "Professor Unrat" ist und bleibt samt Emil Jannings und Marlene Dietrich eine hoffnungslose Verkitschung der Vorlage. Soyfers eigenes Filmexposé "Der Streik der Diebe" überschreibt die in den Filmkomödien vorgegaukelte Durchlässigkeit der Sozialrollen mit jener zwischen Kriminalität und "normalen" Geschäftsusancen.

Ein rundes Bild

Dass manche seiner Texte noch im Austrofaschismus erscheinen konnten, ist verwunderlich, am wenigsten vielleicht bei jenem, den die Herausgeber dafür als Beispiel nennen: Sein Gedicht "Boykott" reduziert sich auf die Begriffsgeschichte rund um den englischen Grundstücksverwalter Charles C. Boycott, den irische Nationalisten mittels Boykott erfolgreich verjagten. Das thematisierte im Oktober 1937 ein aktuelles und politisch schillerndes Thema. Ein Boykott war die "Tausend-Mark-Sperre" Hitler-Deutschlands gegen das austrofaschistische Österreich im Mai 1934, zu einem Boykott riefen amerikanische und englische Geschäftsleute 1933 auf, was NS-Deutschland umgehend als Vorwand zum Boykott "Kauft nicht bei Juden" uminterpretierte.

Die hier versammelten Texte Jura Soyfers bieten ein rundes Bild des Autors. Die Eingangspassage des Romanfragments "So starb eine Partei" über die Vorgeschichte der blutigen Februarkämpfe 1934 fehlt ebenso wenig wie das "Lied des einfachen Menschen","Das Lied von der Erde" oder das "Dachaulied", das letzte Gedicht vor Soyfers Tod im KZ Buchenwald am 16. Februar 1939. Er ist knapp 27 Jahre alt geworden -und dieses Lesebuch macht deutlich, was Österreich und die deutschsprachige Literatur dadurch verloren haben.

Jura Soyfer Ein Lesebuch

Hg. von Erna Wipplinger, Margit Niederhuber und Christoph Kepplinger Mandelbaum 2015

224 S., geb., € 19,90

Drei Jahre sind vergangen seit der Gala im Wiener Rabenhof Theater zu Jura Soyfers 100. Geburtstag im Dezember 2012. Nun legen die beiden Organisatorinnen von damals, Margit Niederhuber und Erna Wipplinger, verstärkt durch Christoph Kepplinger-Prinz, das Buch dazu vor, samt einer CD mit dem Veranstaltungsmitschnitt, der auch auf YouTube zu sehen ist. In sieben chronologischen Kapiteln mit vorangestellten kurzen "Einleitungen" präsentieren die Herausgeber dem Entstehungskontext folgend Texte Jura Soyfers, Zeugnisse, Erinnerungen und Berichte über sein Leben sowie Kommentare zeitgenössischer Autoren, etwa von Heinz R. Unger, Elisabeth Reichart oder Doron Rabinovici. Vielleicht hätte man sich ein Mehr an Begegnungsmöglichkeit mit Soyfer selbst gewünscht. Auch ob Details über die Brutalität der SS im Fall Soyfer, einem hochbetagten Zeitzeugen nach langer Verweigerung doch noch abgerungen, wirklich mitgeteilt werden sollen, ist eine Frage, die man unterschiedlich beantworten kann. Und erschreckend ist immer wieder, wie frauenverachtend diese Generation war. "Loch ist Loch", schreibt der 22-jährige Soyfer über ein beiläufiges Liebesabenteuer an sein "Schatzerl" Marika Szecsi, was schon etwas mehr als "befremdlich" wirkt. Im selben Brief vom September 1934 gibt Soyfer Marika auch spannende Ratschläge, wie sie ihre Arbeit bei Josef Nadler anlegen soll, auf dass sie dem völkischen Ordinarius, bei dem auch Soyfer studiert hat, gefalle. Überraschend ist im übrigen die Parteinahme des Literaturwissenschaftlers Soyfer für Hofmannsthal, während seine Begeisterung für Villon oder Nestroy naheliegt.

Aktuell und frisch

Dass viele von Soyfers literarischen Arbeiten aktuell und frisch wirken, hat mit zeithistorischen Parallelen zu tun - nur dass die Erwartung vom Ende des bürgerlichen bzw. kapitalistischen Systems mittlerweile verlorenging. Vor allem aber liegt die Wirkung an seinem Talent, unterschiedlichste Formate für seine Zwecke zu adaptieren, von Reportagen und Gedichten in der Arbeiterpresse bis zu Couplets und Stücken für die Kleinkunstbühne. Er beherrscht die leichtfüßige Paraphrase auf bekannte Melodien, die kecke Montage von Schlagerphrasen und unheimlicher Wienerlied-Gemütlichkeit ("Lied zur Laute"). Er schreibt mit seiner "Geschichtsstunde im Jahr 2035" mehr als ein halbes Jahrhundert vor Walter Wippersbergs "Das Fest des Huhnes" eine historisch-ethnografische Satire über Altwiener Bräuche, etwa die mysteriösen Opferfeste, bei denen sich zwei Sekten bekriegen, während "zwanzig alte Wiener in bunten kultischen Gewändern den rituellen Tanz um eine aufgeblasene Lederkugel" zelebrieren. Auf die Frage des Professors, wie die damals verehrten Götzen geheißen haben, antwortet Schüler Müller "Sindelehar", in irrtümlicher Kontraktion von (Matthias) Sindelar und (Franz) Lehár.

Unter dem Titel "Motorräder" verbirgt sich eine Demontage des Narrativs vom Tellerwäscher zum Millionär bzw. vom Startup in der Garage, und wo andere New Yorks Glanz und Glamour sahen, schaute Soyfer auf das "Barackenlager Shanty-Town" - denn "Ansichten sind verschieden. Auch Städte". Er schickt Maler wie Nationalökonomen zum Anschauungsunterricht auf den Wiener Naschmarkt um zwei Uhr früh und liest aus einem der ersten Stahlbetonbauten Wiens -"Ein Haus wird zusammengestellt" - die technologische wie ökonomische Entwicklung samt ihren Folgen für die Menschen heraus. Und immer wieder beschäftigt ihn die Frage der Jugend; der Erste Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise hatten den sogenannten "Generationenvertrag" ähnlich radikal destabilisiert wie das heute die Generation Praktikum dank der Börsencrashes von 2000 und 2008 erlebt. Selbst die "Ballade der Drei" aus Soyfers "Broadway-Melodie 1492" ("Voran der Mann mit dem harten Schlag. - Eins! / Sodann der Mann mit den Lügen im Sack. - Zwei! / Und schließlich der Herr mit dem Reinertrag") muss man für heutige Zwecke nur geringfügig adaptieren.

Soyfers politische Texte können auch manche Urteile hinterfragen helfen, die sich im Zuge der medienwissenschaftlichen Revision der Kulturgeschichte eingeschlichen haben. Die Begeisterung für die Geschichte des Films lässt leicht übersehen, was die typische deutsche Verwechslungskomödie der Zeit politisch implizierte -nachzulesen in Soyfers Gedicht "Mondäner Film". Und Josef Sternbergs Verfilmung von Heinrich Manns "Professor Unrat" ist und bleibt samt Emil Jannings und Marlene Dietrich eine hoffnungslose Verkitschung der Vorlage. Soyfers eigenes Filmexposé "Der Streik der Diebe" überschreibt die in den Filmkomödien vorgegaukelte Durchlässigkeit der Sozialrollen mit jener zwischen Kriminalität und "normalen" Geschäftsusancen.

Ein rundes Bild

Dass manche seiner Texte noch im Austrofaschismus erscheinen konnten, ist verwunderlich, am wenigsten vielleicht bei jenem, den die Herausgeber dafür als Beispiel nennen: Sein Gedicht "Boykott" reduziert sich auf die Begriffsgeschichte rund um den englischen Grundstücksverwalter Charles C. Boycott, den irische Nationalisten mittels Boykott erfolgreich verjagten. Das thematisierte im Oktober 1937 ein aktuelles und politisch schillerndes Thema. Ein Boykott war die "Tausend-Mark-Sperre" Hitler-Deutschlands gegen das austrofaschistische Österreich im Mai 1934, zu einem Boykott riefen amerikanische und englische Geschäftsleute 1933 auf, was NS-Deutschland umgehend als Vorwand zum Boykott "Kauft nicht bei Juden" uminterpretierte.

Die hier versammelten Texte Jura Soyfers bieten ein rundes Bild des Autors. Die Eingangspassage des Romanfragments "So starb eine Partei" über die Vorgeschichte der blutigen Februarkämpfe 1934 fehlt ebenso wenig wie das "Lied des einfachen Menschen","Das Lied von der Erde" oder das "Dachaulied", das letzte Gedicht vor Soyfers Tod im KZ Buchenwald am 16. Februar 1939. Er ist knapp 27 Jahre alt geworden -und dieses Lesebuch macht deutlich, was Österreich und die deutschsprachige Literatur dadurch verloren haben.

Jura Soyfer Ein Lesebuch

Hg. von Erna Wipplinger, Margit Niederhuber und Christoph Kepplinger Mandelbaum 2015

224 S., geb., € 19,90