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Tanzen? nein, überhaupt nicht!

Wiens neuer Opernchef Dominique Meyer über seine erste Saison, die Zusammenarbeit mit Franz Welser-Möst, seine Ambitionen für Kinder und den Opernball als für ihn neue Herausforderung.

Noch sind die Augen der kulturinteressierten Öffentlichkeit auf Salzburg, Bregenz und Bayreuth gerichtet. Aber schon in einem Monat beginnt an der Wiener Staatsoper eine neue Ära.

Die Furche: Herr Direktor, mit welchen Erwartungen treten Sie Ihre neue Aufgabe in Wien an?

Dominique Meyer: Ich hoffe, dass es uns möglich sein wird, einen großen Anteil unserer Ideen in der Zukunft zu verwirklichen.

Die Furche: Das Programm Ihrer ersten Saison umfasst über 280 Vorstellungen, oder anders gesagt: 47 verschiedene Opern und acht Ballette. Lässt sich ein so großes Repertoire auf einem annähernd gleichwertigen Niveau präsentieren?

Meyer: Um ehrlich zu sein, hier habe ich noch nicht die Erfahrung. Ich wünsche mir, dass man auch bei der schlechtesten Aufführung nicht sagt, sie sei unter den Erwartungen. Wir haben viel gearbeitet, um alles ordentlich vorzubereiten, wir werden auch etwas mehr probieren. Damit sollte eine gute Basis gegeben sein.

Die Furche: Wie stehen Sie grundsätzlich zum Thema Repertoiretheater?

Meyer: Mir gefällt, dass man in Wien jeden Tag eine Vorstellung hat. Nicht zuletzt deswegen bin ich hierher gekommen, weil ich weiß, dass es möglich ist, innerhalb einer Woche drei, vier verschiedene Vorstellungen zu spielen.

Die Furche: Die besondere Basis der Wiener Staatsoper ist das Orchester. Bei ihrer ersten Premiere, Hindemiths „Cardillac“, ist ein Großteil der Musiker auf Japan-Tournee. Wäre es nicht sinnvoller gewesen, diese Premiere zu verschieben? Und: Wer hatte die Idee, gerade mit dieser Oper zu beginnen?

Meyer: Verschieben kann man immer. Die Orchestertournee war schon seit Langem geplant. Aber ich weiß, dass die Orchesterbesetzung hervorragend sein wird. Was die Frage der Auswahl anlangt, so haben wir gemeinsam mit Franz Welser-Möst Verschiedenes diskutiert, sind dann zu diesem Punkt gekommen: „Cardillac“ ist eine wichtige Oper des 20. Jahrhunderts, wurde in Wien schon seit Jahren nicht mehr aufgeführt und ist auch schauspielerisch sehr interessant. Die „Cardillac“-Production vor zwei Jahren in Paris hat viel Erfolg gehabt.

Die Furche: Franz Welser-Möst ist Generalmusikdirektor der Oper. Wie viele Monate steht der auch in Cleveland als Chefdirigent tätige Musikdirektor für die Wiener Oper zur Verfügung?

Meyer: Seine Engagements waren schon bei der Vertragserrichtung bekannt, er wird fünf Monate im Jahr an der Wiener Staatsoper sein, fünf Monate seinen Verpflichtungen in Cleveland nachkommen. In der ersten Saison dirigiert er vier Premieren und zahlreiche Repertoireaufführungen. Er wird auch in Zukunft wichtige Premieren und Wiederaufnahmen leiten. Franz Welser-Möst verfügt über ein sehr breites Repertoire – es reicht von Mozart bis in die Gegenwart. Es gibt heute nicht so viele Dirigenten mit einer solchen Breite. Er bringt auch viel Erfahrung durch seine Tätigkeit an der Zürcher Oper mit. Dort hat er mehr als 60 Premieren dirigiert. Sein Vertrag verpflichtet ihn, in Wien pro Saison 35 Vorstellungen zu dirigieren. Natürlich wird er in Wien auch die Wiener Philharmoniker dirigieren – und dieses Jahr erstmals ihr Neujahrskonzert.

Die Furche: Ihre erste Saison umfasst sechs Opern- und fünf Ballettpremieren, mischt Barock, Klassik, Belcanto und 20. Jahrhundert. Hat sich das bei der Planung, für die Sie ja nur kurz Zeit hatten, so ergeben? Oder verrät das auch etwas von dem Konzept für Ihre nächsten Wiener Direktionsjahre?

Meyer: Wir haben zuerst das Repertoire analysiert, überlegt, was fehlt, was ist zu renovieren, was ist zu wechseln. So haben wir versucht, eine Balance zu finden zwischen Stücken im Repertoire, die neu zu machen sind, wie beispielsweise die Mozart-Opern, und Stücken, die nicht im Repertoire sind, wie etwa „Anna Bolena“. Zusätzlich haben wir eine Tür zum Barockrepertoire geöffnet. Natürlich ist eine solche Planung auch abhängig von der Verfügbarkeit der Künstler. Im Konzertbereich ist es viel einfacher auf die Schnelle jemanden zu finden, da man zum Beispiel die Dirigenten nur für eine kurze Periode braucht. Im Opernbereich müssen die Künstler natürlich länger zur Verfügung stehen.

Die Furche: Ihre zweite Premiere gilt Händels „Alcina“. Ist das der Auftakt für einen Händel-Zyklus im Haus am Ring oder hängt diese Wahl vor allem damit zusammen, dass Sie Minkowski und Vesselina Kasarova nach Wien bringen wollten?

Meyer: Mir ist es darum gegangen, Stimmen, aber auch Instrumentalisten nach Wien zu holen, die das Publikum kennt und die die Fähigkeit für dieses Repertoire mitbringen. Im Übrigen ist es nicht der Auftakt zu einem Händel-Zyklus. Ich habe noch andere Barockkomponisten im Visier, gegenwärtig gibt es noch ein weiteres Projekt, aber das kann sich ändern.

Die Furche: Die Uraufführung von Reimanns „Medea“ war eine der erfolgreichsten Staatsopernpremieren der letzten Jahre. Wie stehen Sie zur Musik der Gegenwart?

Meyer: Wir werden „Medea“ wiederholen, mit „Cardillac“ und „Kátja Kabanová“ gelten zwei Premieren der Musik des 20. Jahrhunderts. Der JanáÇcek-Zyklus wird in den folgenden Spielzeiten weitergeführt, ebenso planen wir in den kommenden Jahren weitere Produktionen mit Werken des 20. Jahrhunderts, auch eine Uraufführung. Aber darüber zu reden, ist noch zu früh.

Die Furche: Zu den schwierigsten Themen zählt die Heranführung der Jugend. Welche Möglichkeiten sehen Sie hier?

Meyer: Wir werden die Kinderproduktionen auch dem Dach fortführen. Wenn die Probebühne fertig ist, werden wir mehr Zeit haben, auf der Hauptbühne Aufführungen für die Kinder zu spielen. Das habe ich auch in Paris gemacht. Es ist sehr schön, wenn Kinder Aufführungen besuchen, sie sind auch das Publikum von morgen.

Die Furche: Zum 100. Todestag von Mahler steht ein Mahler-Konzert mit den Wiener Philharmonikern auf dem Programm. Wollen Sie damit die von Ihrem Vorgänger begonnene Tradition der Mahler-Konzerte wieder aufleben lassen?

Meyer: Nicht unbedingt regelmäßig, aber der 100. Todestag war für mich ein Anlass, mit einem Konzert an Mahler zu erinnern. Gilbert Kaplan wird einen Vortrag halten, dazu kommt eine Ausstellung mit allen Fotos über Mahler. Das finde ich sehr schön.

Die Furche: Wie stehen Sie zum Opernball, wie sehr freuen Sie sich auf die Rolle als Gastgeber?

Meyer: Warum nicht? Das ist eine großartige Veranstaltung. Man soll Respekt vor dem Opernball haben und muss alles tun, dass es ein Erfolg wird. Frau Treichl-Stürgkh macht eine sehr gute Arbeit. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ein Ball eine so wichtige Rolle spielt.

Die Furche: Tanzen Sie gerne?

Meyer: Nein, überhaupt nicht (lacht)! Aber ich weiß, dass es für Wien und die Österreicher eine wichtige Tradition ist. Es gehört jetzt zu meiner Arbeit, und das tue ich gerne.

Die Furche: Einer Ihrer Vorgänger hat seine Zeit in der Staatsoper in einem Buch mit dem Titel „Palast der Gefühle“ beschrieben. Wie haben Sie dieses Haus bisher kennen gelernt?

Meyer: Bisher habe ich viel Freude an meinen Mitarbeitern gehabt, das Haus ist wunderbar, hat ein hohes Niveau, es ist eine reine Freude, hier arbeiten zu dürfen. Natürlich liegt der schönste Teil der Arbeit hinter mir, Probleme, und die gibt es immer, werden erst kommen, aber ich bin darauf vorbereitet.

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