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Tastend das Wissen der Welt begreifen

Die deutsche Kindheitsforscherin Donata Elschenbroich setzt bei der Förderung von Kindern auf Alltagsgegenstände. Damit stellt sie direkte Erfahrung gegen Medien- und Freizeitkonsum.

Sie rüttelt die Welt der Pädagogen auf.Kindheitsforscherin und Autorin Donata Elschenbroich sorgt seit ihrem Bestseller "Weltwissen der Siebenjährigen“ (2001) für lebendiges Erfahren. Als Vortragende des 3. Pädagogischen Tages der St. Nikolaus-Kindertagesheimstiftung war Elschenbroich in Wien. DIE FURCHE traf sie zum Gespräch.

Die Furche: In Ihrem letzten Buch "Die Dinge“ stellen Sie das Konzept der "Weltwissen-Vitrine“ vor. Familien können Gegenstände entnehmen und zu Hause erkunden. Wozu?

Donata Elschenbroich: In den Dingen steckt das Wissen der Welt. Das müssen sich die Kinder von Ding zu Ding aufschließen. Beim Lernen, wie ein Reißverschluss oder ein Kugelschreiber funktioniert, durchlaufen sie im Zeitraffer die Kulturgeschichte der Menschheit.

Die Furche: Die "Weltwissen-Vitrine“ enthält sehr ursprüngliche Gegenstände.

Elschenbroich: Ja, aber es können auch sehr komplizierte Dinge sein, wie zum Beispiel ein Stethoskop. Für gewöhnlich ist einem das Stethoskop aus der Arztpraxis bekannt oder als Kinderspielzeug aus Plastik. Familien probieren diesen Gegenstand gemeinsam aus und bereichern dabei ihre Erfahrung. Zudem holen die Gegenstände die Eltern wieder ins Gespräch mit den Kindern.

Die Furche: An welchen Gegenstand aus Ihrer Kindheit können Sie sich besonders gut erinnern?

Elschenbroich: Mir fällt als erster ein Stimmschlüssel ein. Ich fand es sehr interessant, dass der Klavierstimmer dem gepflegten Flügel mit so einem großen, brutalen Ding zu Leibe rückt. Mein Vater war Pianist und ich spiele ebenfalls Klavier. Jetzt lerne ich gerade selber Klavier stimmen. Es ist sehr schwer und nicht umsonst ein Lehrberuf, aber seitdem höre ich noch genauer.

Die Furche: Dieser Bezug zur Welt ist sehr direkt, materialistisch. Welche Rolle spielen neue Medien bei der kindlichen Entwicklung?

Elschenbroich: Kinder und Eltern sind sehr umstellt von Medien und aggressiver Werbung für Medien. Die Idee der "Weltwissen-Vitrine“ mit ihren sehr einfachen Gegenständen ist der Versuch, dem etwas entgegenzusetzen. Kinder müssen auch reale Erfahrungen machen. Auf dem Bildschirm regieren nicht die Naturgesetze, sondern die Gesetze Bill Gates. Man muss schon erfahren haben, wie eine Margerite in der Natur wächst und nicht wie sie auf dem Bildschirm ausschaut.

Die Furche: Bei Ihrem Projekt der "Weltwissen-Vitrine“ haben Sie auch Familien mit Migrationshintergrund zu Hause besucht. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Elschenbroich: Ich fand es schön, dass hinter armseligen Fassaden in schwierigen Stadtteilen sehr schöne Wohnungen liegen. Ich traf dort gute Lebensgewohnheiten an, oft bessere als bei den einheimisch Deutschen. Da war viel gutes Gemüse und Obst in der Küche. Die Frauen öffneten ihre Haare. Das hatte etwas Festliches. Man versteht hier, dass Familien starke Systeme sind. Und die Bildungserwartung der Eltern für ihre Kinder lag in der Luft.

Die Furche: Sie sehen Frühförderung vor allem als Aufgabe der Eltern. Wie sollen Eltern unter dem gesellschaftlichen und zeitlichen Druck ihre Kinder fördern?

Donata Elschenbroich: Ich sehe schon, dass Eltern heute mehr Zeitdruck haben, als wir es als Eltern hatten. Aber der gesellschaftliche Druck ist nicht übermächtig. Eltern müssen dafür kämpfen, Zeit für ihre Kinder zu haben. Manchen gelingt das.

Die Furche: Raubt der Trend zu Frühförderung den Kindern nicht nötigen Freiraum?

Elschenbroich: Je sicherer die Umwelt gestaltet ist, desto leichter ist es, Freiräume zu schaffen. Die Erzieher lösen das zunehmend besser. Ich habe eine Holzwerkstatt für Kinder besucht, in der Kinder unter den Augen von Erziehern mit Erwachsenenwerkzeug arbeiten. Sie spalten Holz, hantieren mit Hämmern. Aber das ist nicht Kinderarbeit, so wie es vielleicht die Großeltern der Kinder erfahren haben, sondern eine sehr moderne, pädagogisch gestaltete Tätigkeit.

Die Furche: Was sagen Sie zur amerikanischen Chinesin Amy Chua, die in ihrem Buch "Die Mutter des Erfolgs“ beschreibt, wie sie ihre beiden Töchter drillt?

Elschenbroich: Manche Leute haben das Buch gar nicht gelesen und sich furchtbar aufgeregt, noch bevor es ausgeliefert war. Ich habe mich nach den ersten Seiten zuerst auch gefragt, ob ich für einen Bestsellererfolg manipuliert werde. Aber das Buch läuft auf etwas ganz anderes hinaus. Amy Chua fordert von ihren Töchtern Leistung, weil sie im Üben und Überwinden von Widerständen ein Glück sieht, das durch Freizeitkonsum nicht erreicht wird.

Die Furche: Die Gegenpositionen wären Jan-Uwe Roggge, der zu mehr Gelassenheit rät, oder Wolfgang Bergmann, mit dem Buch "Lasst eure Kinder in Ruhe“. Unterfordern solche Positionen die Kinder?

Elschenbroich: Gelassenheit ist etwas Gutes, aber Erwachsene sollten sich nicht unsichtbar machen. Gerade wenn man sieht, mit welcher Vehemenz eine bestimmte Industrie Kinder mit schlechter geistiger Nahrung bedrängt, sollte man dem etwas entgegensetzen. Die "Weltwissen-Vitrine“ ist der Versuch, die Eltern zumindest einmal in der Woche an einen Tisch mit den Kindern zu bringen. Gemeinsam sollen sie Dinge erkunden wie Pipetten oder eine alte Waschrumpel - und schauen, was dabei passiert.

Die Furche: Können Sie einen grundsätzlichen Rat an Mütter und Väter geben?

Elschenbroich: Eltern sollten sich nicht aus der kurzen Zeit heraus wünschen, in der die Kinder noch klein sind. Es wäre schön, wenn es zumindest zwischendurch gelingen würde, die Zeit zu genießen. Es ist eine sehr spannende Zeit, in der die Eltern mit und durch die Kinder viel Neues erfahren.

Die Dinge

Expeditionen zu den Gegen- ständen des täglichen Lebens.

Von Donata Elschenbroich, Antje Kunstmann Verlag 2010.

192 Seiten, gebundene Ausgabe, e 18,90

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