Tausendsassa der Denkmalpflege

19451960198020002020

Manfred Wehdorn saniert bauliche Kronjuwelen.

19451960198020002020

Manfred Wehdorn saniert bauliche Kronjuwelen.

Ob Schönbrunn, Hofburg oder Museumsquartier - die delikatesten denkmalpflegerischen Bauaufgaben vertraut die Republik einer Person an: Manfred Wehdorn.

"Das ist so schön, genau, wie ich das will! Zum Jahrestag des Brandes ist es fertiggeworden!" Mit bubenhaftem Charme stürmt Manfred Wehdorn begeistert mit den frischen Druckfahnen seines jüngsten Kindes, einer wissenschaftlichen Aufarbeitung der Baudokumentation zur Hofburg zum Interview in sein Büro. Dabei hat die direkte Auftragsvergabe des prominenten Baus vor sieben Jahren Wogen der Entrüstung unter Kollegen hochschlagen lassen. Noch in der Nacht des Brandes hatte der damalige Präsident des Bundesdenkmalamts, Gerhard Sailer, dem Architekten seines Vertrauens, Wehdorn, die Sanierung zugesagt. "Das war auch bei mir ein Sonderfall. Irgendwie war es wie im Krieg, wir sind alle bis zu den Knien im Schutt gestanden, es war eine einmalige Vergabe, schon eine Woche später kann man das nicht mehr nachempfinden," erklärt Wehdorn diese Glücksstunde mit der außergewöhnlichen Situation.

"Als der Redoutensaal abgebrannt war, mußte schnell eine Entscheidung fallen. Wenn Sie einen Blinddarmdurchbruch haben, fragen Sie auch, wer der Fachmann ist. Mit einem Wettbewerb hätten wir ein Jahr verloren. Professor Wehdorn ist als Autorität über Angriffe erhaben," findet Sektionschef Wilhelm Kranzlmeier, im Wirtschaftsministerium mit dem Hochbau betraut, die Vorgangsweise in Ordnung. Als im Museumsquartier die mediale Entrüstung fast zum Baustopp führte, wandte man sich wie selbstverständlich an Wehdorn. Seine Mitarbeit brachte den Segen des Bundesdenkmalamts. Neu aufgetakelt, kann das beinahe zum Kentern verurteilte Schiffsmuseum nun doch in veränderter Gestalt den Hafen der Fertigstellung anlaufen. "Wenn einer tüchtig ist, wird er sich leichter durchsetzen. Das Museumsquartier ist ein klassisches Beispiel. Er ist sicher diplomatisch geschickt. Wenn Sie ein Genie sind, und Sie können nicht mit anderen umgehen, sterben Sie verarmt," urteilt Kranzlmeier realistisch. Auch Kontakte hält er für durchaus möglich.

Glück mit System Die Liste der über 100 Restaurierungsarbeiten, Neubauten und einschlägigen Gutachten, die durch das Büro Wehdorn gingen, liest sich eindrucksvoll: Hofburg, Schloß Schönbrunn, Roßauer Kaserne, die Gasbehälter Simmering, das Museumsquartier, etliche Schlösser und Palais, die Generalsanierung der Lueger-Kirche sind nur einige. Die meisten gingen direkt oder aus geladenen Vergaben an das Büro.

"Ich hab' das Pech oder Glück, daß ich lauter prominente Projekte reparieren muß," kommentiert Wehdorn den eigenen Erfolg, den er vor allem auf begeistertes Arbeiten und viel Erfahrung zurückführt. Neben reger Bautätigkeit war er als Vorsitzender des Denkmalbeirates von 1986-1991 tätig, und wirkte danach sieben Jahre als Vorsitzender des Fachbeirates für Stadtplanung und Stadtgestaltung. In dieser Funktion sprach er sich dezidiert gegen die Lugnersche Wolkenspange am Gürtel aus. "Selten bin ich von breiter Presse so zerrissen worden wie damals," bereut er seine Entscheidung nicht. Er sieht sich sogar mittlerweile bestätigt. Seit 1988 ist Wehdorn Mitglied des Wiener Altstadterhaltungsfonds. Er hört das Gras wachsen, bevor andere die ersten Halme sehen, und das gehört sicher zu seinen Stärken.

Schon 1968 beschäftigte er sich mit Industriebauten. 1985 begeisterte er den damaligen Wissenschaftsminister Heinz Fischer für die Gasometer. "Ich habe Politiker immer interessiert, ohne an Aufträge zu denken," sagt er. 1989 fand in den Simmeringer Gasbehältern eine Ausstellung zu 100 Jahren Sozialdemokratie statt. Die Entscheidung, die einmaligen Räume nun für Wohnbauten zu nutzen, war stark umstritten. "Ich habe mich sehr bemüht, das technische Museum in die Gasometer zu bringen, da hätte man in den kolossalen, großen, freien Raum wunderbar die Flieger reinhängen können," trauert Kollege Friedmund Hueber, ebenfalls Denkmalpflegeexperte, einer verpaßten Chance nach. Auch Wehdorn hätte die Sinnhaftigkeit einer Ausstellungsnutzung durchaus gesehen, erkannte aber sofort den starken wirtschaftlichen Druck auf die historischen Baudenkmäler. Ein internes Gutachterverfahren zur Machbarkeit eines Wohnkomplexes wurde eingeleitet. COOP Himmelblau, Wehdorn, Wilhelm Holzbauer und Stararchitekt Jean Nouvel stellten ihre planerischen Fähigkeiten unter Beweis. "Von mir werden Sie keine Kritik an der Arbeit eines Kollegen hören," verweigert Wolf Prix von COOP Himmelblau diplomatisch einen Kommentar. Daß der Wehdornsche Beitrag mit der ringförmig angeordneten Wohnbebauung und dem Baum in der Mitte nicht zum Originellsten zählt, ist unschwer zu erkennen. Auch in einschlägigen Zeitschriften findet sich sein Name kaum, den Ruf von COOP Himmelblau, Hollein, Peichl oder Zumtobl hat er trotz reger Tätigkeit nicht. Was ihn nicht kränkt. "Ich mache Denkmalpflege, nichts Neues," sagt er. Das allein erklärt seine relative Absenz in Fachmagazinen allerdings nicht.

"Wehdorn steht für Totalrekonststruktion. Es sind keine extrem innovativen Eingriffe, die er vornimmt. Bei Ergänzungen und Erneuerungen stößt diese Haltung auf Sympathie bei Beamten und Politikern, das ist sicher ein Teil seines Erfolges," urteilt Matthias Boeckl, Chefredakteur von "Architektur Aktuell." Die meisten Kollegen haben sich resigniert damit abgefunden, daß man als Denkmalpfleger in Wien an große Dinge nicht herankommt. "Daß Professor Wehdorn vielbeschäftigt ist, ist kein Wunder. Wenn Sie Ohrenschmerzen haben, gehen Sie auch zum HNO Spezialisten.

Die Bauherrenschaft wendet sich natürlich an einen eingesessenen Platzhirschen, von dem man annimmt, daß er sein Geschäft versteht und ein Büro hat, das Großprojekte in einer gewissen Zeit durchziehen kann," erklärt der jetzige Präsident des Bundesdenkmalamtes, Georg Wilhelm Rizzi, das Phänomen Wehdorn. Bei kleineren Projekten bestätigen Ausnahmen die Regel. Die Alte Universität wurde von Hueber saniert, das Palais Strozzi vom Büro Brenner, das Historische Museum der Stadt Wien legte Direktor Düriegl vertrauensvoll in die Hände von Dimitris Manikas. Weitere Empfehlungen für kompetente Talente gibt die Lektüre von "Architektur Aktuell."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau