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Feuilleton

Teufels-SEIL

1945 1960 1980 2000 2020

Cowboys wie Indianer hassten ihn, im Ersten Weltkrieg feierte er sein Debüt als tödliche Barriere, 100 Jahre danach ist der Stacheldraht das Symbol für das Böse schlechthin.

1945 1960 1980 2000 2020

Cowboys wie Indianer hassten ihn, im Ersten Weltkrieg feierte er sein Debüt als tödliche Barriere, 100 Jahre danach ist der Stacheldraht das Symbol für das Böse schlechthin.

Meyer dachte noch viel zu unschuldig. In der siebten Auflage seines Kleinen Konversations-Lexikons, beschrieb er Stachelzaundraht lediglich als "Drahtlitzen mit eingeflochtenen Spitzen zum Einzäunen". Das war 1909. Schon wenige Jahre später gehört dieser Drahtlitzen zu den tödlichsten Barrieren in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Und hundert Jahre danach erscheint der Stacheldraht im Rückblick als das Symbol schlechthin für die "Banalität des Bösen" im 20. Jahrhundert. Verhängnisvoll spannt er sich über alle negativen Extremereignisse, von den Weltkriegen über die Konzentrations- und Vernichtungslager bis hin zum Eisernen Vorhang.

Der Krieg mag der Vater vieler Dinge sein, der Stacheldraht aber war 1874 die zivile Erfindung des US-amerikanischen Farmers Joseph Glidden zur schnellen wie kostengünstigen Einzäunung von Rinderweiden. Den Indianern Nordamerikas jedoch, die mit Stacheldraht aus ihren Gebieten vertrieben und in Reservate gesperrt wurden, war die teuflische Wirkung von Stacheldraht von Anfang an bewusst - sie nannten ihn deswegen "Devil's Rope"(Teufels-Seil). Ein eigenes Devil's Rope-Museum im texanischen McLean ist heute dem Stacheldraht und seinen geografischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen auf die USA im 19. Jahrhundert gewidmet.

In einem waren sich nämlich Cowboys wie Indianer einig: Dass der "Barbed wire" des Teufels ist. Bis zur Verbreitung des Stacheldrahts war der Westen Amerikas offenes Weideland, durch das die Cowboys ungehindert ihre Viehherden treiben konnten. Mit den Zäunen verloren viele ihre Jobs. Der Western "Mit stahlharter Faust" ("Man Without a Star") aus dem Jahr 1955 thematisiert diese Konflikte. Die Hauptrolle in diesem Film gehört aber laut einer Filmkritik nicht Kirk Douglas, der einen Cowboy spielt, sondern die "Schlüsselrolle spielt der vom freiheitsliebenden Westerner gehasste Stacheldraht, notwendiger Schutz der kleinen Rancher gegen die Großgrundbesitzer und übermächtiges Symbol fürs Ende des Mythos vom weiten Land".

Stacheldraht als formale Konstante

Paul Bäumer, der Anti-Held im Anti-Kriegsroman "Im Westen nichts Neues", hasst den Stacheldraht auch: "Wir müssen nach vorn zum Schanzen. Immer zwei Mann halten die Rolle, die anderen spulen den Stacheldraht ab. Es ist der ekelhafte Draht mit den dicht stehenden, langen Stacheln. Ich bin das Abrollen nicht mehr gewöhnt und reiße mir die Hand auf ..."

Nachdem ihn die Briten 1899 im südafrikanischen Burenkrieg militärisch zu nutzen begannen und er sich auch im Russisch-Japanischen Krieg bewährte, wurde der Stacheldraht zur zentralen militärstrategischen Barriere im Ersten Weltkrieg. Da der Draht den Angriff der Gegner bremste, bekamen die Verteidiger einen Zeitgewinn, den sie mit Maschinengewehrfeuer und Handgranaten zu ihrem Gefechtsvorteil nutzen konnten. "Wir hocken hinter jeder Ecke, hinter jedem Stacheldrahtgestell und werfen den Kommenden Bündel von Explosionen vor die Füße, ehe wir forthuschen", beschreibt Paul Bäumer diese Taktik. Und in einem anderen Frontbericht heißt es:

"Die Maschinengewehre haben wunderbar gearbeitet, doch sind die Verluste schwer, die der Engländer ungeheuer. Wie zum Hügel geschüttet liegen sie vor dem Drahtverhau."

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler beschreibt in seinem Buch "Der Große Krieg", wie nicht einmal ein sechs Tage lang dauerndes Trommelfeuer an der Somme dem Stacheldraht beikommen konnte. Nachdem 12.000 Tonnen Stahl und Explosivstoffe auf die deutschen Linien niedergegangen waren, erwiesen sich "die Drahtverhaue an manchen Stellen noch weitgehend intakt, andernorts hatten die Granaten sie zwar aus ihrer Verankerung gerissen, aber nicht beseitigt. Nun lagen sie, in langen Rollen ineinander verknäult, vor den deutschen Stellungen und waren genauso undurchdringlich wie vor dem Artilleriebeschuss".

Mit dem Einsatz von Gefechtspanzern gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Wirksamkeit des Stacheldrahts als Verteidigungswaffe geringer. Paul Bäumer: "Die Tanks sind vom Gespött zu einer schweren Waffe geworden. Sie kommen, gepanzert, in langer Reihe gerollt und verkörpern uns mehr als anderes das Grauen des Krieges.

Wir schrumpfen zusammen vor ihnen in unserer dünnen Haut, vor ihrer kolossalen Wucht werden unsere Arme zu Strohalmen und unsere Handgranaten zu Streichhölzern. Granaten, Gasschwaden und Tankflottillen - Zerstampfen, Zerfressen, Tod."

Zerstörung und Tod bleiben aber auch dann ständige Begleiter des Stacheldrahts, als dieser seine Bedeutung auf den Schlachtfeldern verliert und vor allem an den Heimatfronten zum Einsatz kommt. "Auch hier markierte der Stacheldraht wieder Räume extremer Gewalt", heißt es in einem vom Demokratiezentrum Wien veröffentlichten Beitrag zur Bildikone Stacheldraht: "Bei aller nicht zu unterschätzenden Unterschiedlichkeit der diversen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager gab es doch einige formale Konstanten: Neben den Baracken für die Gefangenen zählten dazu Wachtürme und eine Stacheldrahtumzäunung."

Leicht, biegsam und gefährlich - die tödlichen Eigenschaften von Stacheldraht werden aber nicht nur in Nazi-Deutschland, sondern weltweit genutzt, um Menschen abzusondern und wegzusperren. Nicht ohne Grund heißt ein Teil im "Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn "Seele und Stacheldraht". Drahtlitzen mit eingeflochtenen Spitzen stehen überall für Unterdrückung und Unfreiheit. Deswegen ist unter anderem der Stacheldraht des Konzentrations-und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau als "Symbol des grausamen Umgangs des Menschen mit seinen Mitmenschen im 20. Jahrhundert" in der Liste des Unesco-Welterbes verzeichnet. Und das Symbol von "Amnesty International" ist aus diesem Grund eine von Stacheldraht umwickelte brennende Kerze.

Einfach und effizient

In einem Beitrag über die politische Geografie des Stacheldrahts in "Le Monde diplomatique" wundert sich der französische Philosoph Olivier Razac über die Langlebigkeit dieser primitiven Erfindung. Während unzählige Industrieprodukte auf den Schrottplätzen der Moderne gelandet sind, erfüllt der Stacheldraht immer noch äußerst effizient seinen Zweck. Seine Schlussfolgerung: "Die Diskrepanz zwischen seiner Einfachheit und Effizienz beweist, dass sich die Vollkommenheit eines Werkzeugs nicht an seiner technischen Raffinesse misst, dass seine Wirkung nicht zwangsläufig einen großen Einsatz an Energie verlangt und dass die brutalste Gewalt gar nicht besonders beeindruckend sein muss."

Umgekehrt zeigte sich aber auch, dass zwei beherzte Außenminister mit Drahtzangen genügten, um das Ende des "Eisernen Vorhangs" besser als alles andere zu symbolisieren. So geschehen, als Alois Mock und Gyula Horn am 27. Juni 1989 den Stacheldraht an der Grenze bei Sopron mit zwei Bolzenschneidern durchtrennten.

Der Stacheldraht wird auch in Zukunft nicht aus den westlichen Gesellschaften verschwinden, prognostiziert Olivier Razac. In vielen Bereichen wird er aber durch technologische Mittel wie Kameras, elektronische Türöffner und Sensoren ersetzt werden. Und durch Zäune auf pflanzlicher Basis. So wie Glidden vor 140 Jahren seinen Stacheldraht hat sich das französische Unternehmen Sinnoveg 2005 das Konzept "natürlich verflochtener Schutzhecken" mit besonders aggressiven Dornen patentieren lassen. Die Standorte sind damit geschützt, ohne von außen aggressiv oder gar schockierend zu erscheinen. "Wie Stacheldraht, der den Vorteil hätte, im Frühjahr zu blühen." - Unschuldiger könnte es Meyer in einer Neuauflage seines Kleinen Konversations-Lexikons nicht beschreiben.

Meyer dachte noch viel zu unschuldig. In der siebten Auflage seines Kleinen Konversations-Lexikons, beschrieb er Stachelzaundraht lediglich als "Drahtlitzen mit eingeflochtenen Spitzen zum Einzäunen". Das war 1909. Schon wenige Jahre später gehört dieser Drahtlitzen zu den tödlichsten Barrieren in den Materialschlachten des Ersten Weltkriegs. Und hundert Jahre danach erscheint der Stacheldraht im Rückblick als das Symbol schlechthin für die "Banalität des Bösen" im 20. Jahrhundert. Verhängnisvoll spannt er sich über alle negativen Extremereignisse, von den Weltkriegen über die Konzentrations- und Vernichtungslager bis hin zum Eisernen Vorhang.

Der Krieg mag der Vater vieler Dinge sein, der Stacheldraht aber war 1874 die zivile Erfindung des US-amerikanischen Farmers Joseph Glidden zur schnellen wie kostengünstigen Einzäunung von Rinderweiden. Den Indianern Nordamerikas jedoch, die mit Stacheldraht aus ihren Gebieten vertrieben und in Reservate gesperrt wurden, war die teuflische Wirkung von Stacheldraht von Anfang an bewusst - sie nannten ihn deswegen "Devil's Rope"(Teufels-Seil). Ein eigenes Devil's Rope-Museum im texanischen McLean ist heute dem Stacheldraht und seinen geografischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen auf die USA im 19. Jahrhundert gewidmet.

In einem waren sich nämlich Cowboys wie Indianer einig: Dass der "Barbed wire" des Teufels ist. Bis zur Verbreitung des Stacheldrahts war der Westen Amerikas offenes Weideland, durch das die Cowboys ungehindert ihre Viehherden treiben konnten. Mit den Zäunen verloren viele ihre Jobs. Der Western "Mit stahlharter Faust" ("Man Without a Star") aus dem Jahr 1955 thematisiert diese Konflikte. Die Hauptrolle in diesem Film gehört aber laut einer Filmkritik nicht Kirk Douglas, der einen Cowboy spielt, sondern die "Schlüsselrolle spielt der vom freiheitsliebenden Westerner gehasste Stacheldraht, notwendiger Schutz der kleinen Rancher gegen die Großgrundbesitzer und übermächtiges Symbol fürs Ende des Mythos vom weiten Land".

Stacheldraht als formale Konstante

Paul Bäumer, der Anti-Held im Anti-Kriegsroman "Im Westen nichts Neues", hasst den Stacheldraht auch: "Wir müssen nach vorn zum Schanzen. Immer zwei Mann halten die Rolle, die anderen spulen den Stacheldraht ab. Es ist der ekelhafte Draht mit den dicht stehenden, langen Stacheln. Ich bin das Abrollen nicht mehr gewöhnt und reiße mir die Hand auf ..."

Nachdem ihn die Briten 1899 im südafrikanischen Burenkrieg militärisch zu nutzen begannen und er sich auch im Russisch-Japanischen Krieg bewährte, wurde der Stacheldraht zur zentralen militärstrategischen Barriere im Ersten Weltkrieg. Da der Draht den Angriff der Gegner bremste, bekamen die Verteidiger einen Zeitgewinn, den sie mit Maschinengewehrfeuer und Handgranaten zu ihrem Gefechtsvorteil nutzen konnten. "Wir hocken hinter jeder Ecke, hinter jedem Stacheldrahtgestell und werfen den Kommenden Bündel von Explosionen vor die Füße, ehe wir forthuschen", beschreibt Paul Bäumer diese Taktik. Und in einem anderen Frontbericht heißt es:

"Die Maschinengewehre haben wunderbar gearbeitet, doch sind die Verluste schwer, die der Engländer ungeheuer. Wie zum Hügel geschüttet liegen sie vor dem Drahtverhau."

Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler beschreibt in seinem Buch "Der Große Krieg", wie nicht einmal ein sechs Tage lang dauerndes Trommelfeuer an der Somme dem Stacheldraht beikommen konnte. Nachdem 12.000 Tonnen Stahl und Explosivstoffe auf die deutschen Linien niedergegangen waren, erwiesen sich "die Drahtverhaue an manchen Stellen noch weitgehend intakt, andernorts hatten die Granaten sie zwar aus ihrer Verankerung gerissen, aber nicht beseitigt. Nun lagen sie, in langen Rollen ineinander verknäult, vor den deutschen Stellungen und waren genauso undurchdringlich wie vor dem Artilleriebeschuss".

Mit dem Einsatz von Gefechtspanzern gegen Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Wirksamkeit des Stacheldrahts als Verteidigungswaffe geringer. Paul Bäumer: "Die Tanks sind vom Gespött zu einer schweren Waffe geworden. Sie kommen, gepanzert, in langer Reihe gerollt und verkörpern uns mehr als anderes das Grauen des Krieges.

Wir schrumpfen zusammen vor ihnen in unserer dünnen Haut, vor ihrer kolossalen Wucht werden unsere Arme zu Strohalmen und unsere Handgranaten zu Streichhölzern. Granaten, Gasschwaden und Tankflottillen - Zerstampfen, Zerfressen, Tod."

Zerstörung und Tod bleiben aber auch dann ständige Begleiter des Stacheldrahts, als dieser seine Bedeutung auf den Schlachtfeldern verliert und vor allem an den Heimatfronten zum Einsatz kommt. "Auch hier markierte der Stacheldraht wieder Räume extremer Gewalt", heißt es in einem vom Demokratiezentrum Wien veröffentlichten Beitrag zur Bildikone Stacheldraht: "Bei aller nicht zu unterschätzenden Unterschiedlichkeit der diversen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager gab es doch einige formale Konstanten: Neben den Baracken für die Gefangenen zählten dazu Wachtürme und eine Stacheldrahtumzäunung."

Leicht, biegsam und gefährlich - die tödlichen Eigenschaften von Stacheldraht werden aber nicht nur in Nazi-Deutschland, sondern weltweit genutzt, um Menschen abzusondern und wegzusperren. Nicht ohne Grund heißt ein Teil im "Archipel Gulag" von Alexander Solschenizyn "Seele und Stacheldraht". Drahtlitzen mit eingeflochtenen Spitzen stehen überall für Unterdrückung und Unfreiheit. Deswegen ist unter anderem der Stacheldraht des Konzentrations-und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau als "Symbol des grausamen Umgangs des Menschen mit seinen Mitmenschen im 20. Jahrhundert" in der Liste des Unesco-Welterbes verzeichnet. Und das Symbol von "Amnesty International" ist aus diesem Grund eine von Stacheldraht umwickelte brennende Kerze.

Einfach und effizient

In einem Beitrag über die politische Geografie des Stacheldrahts in "Le Monde diplomatique" wundert sich der französische Philosoph Olivier Razac über die Langlebigkeit dieser primitiven Erfindung. Während unzählige Industrieprodukte auf den Schrottplätzen der Moderne gelandet sind, erfüllt der Stacheldraht immer noch äußerst effizient seinen Zweck. Seine Schlussfolgerung: "Die Diskrepanz zwischen seiner Einfachheit und Effizienz beweist, dass sich die Vollkommenheit eines Werkzeugs nicht an seiner technischen Raffinesse misst, dass seine Wirkung nicht zwangsläufig einen großen Einsatz an Energie verlangt und dass die brutalste Gewalt gar nicht besonders beeindruckend sein muss."

Umgekehrt zeigte sich aber auch, dass zwei beherzte Außenminister mit Drahtzangen genügten, um das Ende des "Eisernen Vorhangs" besser als alles andere zu symbolisieren. So geschehen, als Alois Mock und Gyula Horn am 27. Juni 1989 den Stacheldraht an der Grenze bei Sopron mit zwei Bolzenschneidern durchtrennten.

Der Stacheldraht wird auch in Zukunft nicht aus den westlichen Gesellschaften verschwinden, prognostiziert Olivier Razac. In vielen Bereichen wird er aber durch technologische Mittel wie Kameras, elektronische Türöffner und Sensoren ersetzt werden. Und durch Zäune auf pflanzlicher Basis. So wie Glidden vor 140 Jahren seinen Stacheldraht hat sich das französische Unternehmen Sinnoveg 2005 das Konzept "natürlich verflochtener Schutzhecken" mit besonders aggressiven Dornen patentieren lassen. Die Standorte sind damit geschützt, ohne von außen aggressiv oder gar schockierend zu erscheinen. "Wie Stacheldraht, der den Vorteil hätte, im Frühjahr zu blühen." - Unschuldiger könnte es Meyer in einer Neuauflage seines Kleinen Konversations-Lexikons nicht beschreiben.