Textbeschau in Klagenfurt

Die 36. Tage der deutschsprachigen Literatur gingen vergangenen Sonntag erfreulich zu Ende: mit der Verleihung des renommierten Ingeborg-Bachmann-Preises an Olga Martynova.

Von einem rundum gelungenen Vormittag sprach Juror Hubert Winkels, nachdem Olga Martynova am vergangenen Freitag - nach Inger-Maria Mahlke und Cornelia Travnicek - ihren Text gelesen hatte. Auch die anderen Juroren lobten - oder schwiegen. Richtig ausführlich diskutiert wurde nicht, die Juroren schöpften die zur Verfügung stehende Zeit nicht aus - offensichtlich ist es schwieriger, über Texte zu reden, die einem gefallen, als in Textwadeln zu beißen, die einem nicht schmecken.

Olga Martynova also heißt die verdiente diesjährige Bachmannpreisträgerin. Aufmerksamen Beobachtern galt sie als Favoritin, andererseits sind die Abstimmungsmodalitäten derart überholt, dass man nie wissen kann, wie die Wahl ausgeht: Denn die Juroren lieben es, ungeachtet der Diskussionen in den Tagen zuvor dann doch wieder die eigenen Kandidaten zu wählen.

Martynova hat es knapp geschafft. Die sympathische Autorin fiel durch die Ruhe auf, mit der sie mitten im Klagenfurter Literaturrummel stand und - so schien es - nach Worten suchte bzw. sie prüfte. 1962 in Dudinka geboren, wuchs sie in Leningrad auf. Seit 1991 lebt sie mit ihrem Mann Oleg Jurjew in Deutschland, erst seit 14 Jahren schreibt sie auch deutsch. Bei ihr fließen die Kulturen ganz selbstverständlich ineinander, ihr Prosatext "Ich werde sagen: ‚Hi!‘“ beginnt bei Adam und Eva, steht unübersehbar in schelmischer slawischer Tradition und beweist, dass kulturelle Bildung und Humor, Sprachbewusstsein und Unterhaltung einander nicht ausschließen müssen.

Jurorin Corina Caduff wies darauf hin, dass Martynovas Text die einzige multinationale Szene auf diesem Bewerb biete. Tatsächlich standen die diesjährigen "Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt im Zeichen der Kinder und Tiere. Beiden wird nicht besonders fein mitgespielt, aber das ist nichts Neues: Katzen werden an die Wand geschmissen, Hunde ins Wasser, Hühner geköpft. Auffällig wenige Blicke gab es von den eingeladenen Autorinnen und Autoren und ihren Texten in die multikulturelle und ökonomisch geprägte Welt und mehr als ein beobachtender Journalist stellte sich die Frage, wo diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller eigentlich wohnen. Behütet hinter ihrem Schreibtisch? Doch eigentlich müsste man die Frage an die Juroren richten, denn sie haben diese Texte ausgewählt.

Corporate Identity einmal anders erzählt

Matthias Nawrat zumindest schaffte es, mit seiner "Kindergeschichte“ ein neues Unternehmertum zu entwerfen, das aussieht, als wären die Müllsammler der ehemals verächtlich sogenannten "Dritten Welt“ nun im Schwarzwald gelandet. Corporate Identity einmal anders erzählt: Das Unternehmen besteht aus Vater, Sohn, der für die Behandlung des Schrottes seinen Arm lassen musste, "weil ein Unternehmen seine Opfer fordert“, und Tochter. Diese, quasi Unternehmenssprecherin, erzählt in einer Sprache, die konsequent schräg daneben ist. "Ich finde das beim Lesen ausgesprochen witzig, ich kann mir nicht helfen“, meinte denn auch Daniela Strigl. Der Witz und Ernst verbindende Text führt den Beweis, dass ein Blick in Kindheiten nicht unbedingt jenen auf die sich verändernde Welt ausschließen muss.

Aber die Texte der Autorinnen und der Autoren machen bekanntlich nur die eine Hälfte der "Tage der deutschsprachigen Literatur“ aus. Die andere besteht aus der Textbeschau, den öffentlichen Diskussionen der Juroren. Wären diese ein Text und würden als solcher mit jenen strengen Kriterien bewertet, die Juroren an die Texte der Literaten anlegen, wäre das Ergebnis nicht gerade brillant: Der Unterhaltungswert gering, kaum Lebendigkeit, es reihte sich Monolog an Monolog, gleich hochschulartigen Kurzreferaten, Spannung erzeugte das keine. Nur gestrafft und literarisch dramatisiert liest sich das Hin und Her der Stimmen und Ansichten witzig, treten Charaktere und Eigenheiten der einzelnen Juroren hervor. In Zeitraffung und als Remix könnte man das Setting der (immer wieder gleich) handelnden Figuren so erzählen: Hubert Winkels eröffnet mit einem enormen Ausgreifen in Literatur und Theorie, Burkhard Spinnen schweigt, Hildegard E. Keller versucht den Inhalt nachzuerzählen, Spinnen schweigt, Meike Feßmann konstatiert sprachliche Armut, Spinnen schweigt, Paul Jandl fragt Feßmann entsetzt, wo da sprachliche Armut sei, Spinnen schweigt, Daniela Strigl plädiert für anstrengende Literatur, Spinnen schweigt, Corina Caduff konstatiert einen Übergang von Prosa in Poesie, Spinnen schweigt, Keller entsetzt zu Caduff, wo sie denn da Poesie wahrnehme, etwa in den abgesetzten Zeilen?, Spinnen schweigt - nein, zu guter Letzt doch eine Wortspende von ihm: "Wieder höre ich fasziniert zu, was ihr sagt, und nicke wieder zu allem und allem“. Es folgt ein Grundsatzreferat, das die Klammer zum Eröffnungsstatement von Winkels schließt. So oder so ähnlich könnte man die Typologie der Akteure in den Gesprächen jener Tage pointieren.

Keine Störung zugelassen

Literatur hat mit Leben zu tun, sagt man, und zum Leben gehört der Tod. Der soll in Klagenfurt nur in den Texten stattfinden. Leider hält sich die Dramaturgie des Lebens nicht an ästhetische Konzepte. Jan Jenrich, der Lektor von Lisa Kränzler (und also in gewisser Weise mit ihr ausgezeichnet), ist in der Nacht auf Donnerstag in Klagenfurt im Schlaf an einem Herzschlag gestorben. Hubert Winkels gab das am Sonntag sehr kurz in seiner Laudatio auf Lisa Kränzler bekannt, so kurz, dass man es leicht überhören konnte. Dass man während des Bewerbs nicht darauf hinweisen wollte, ist verständlich, doch der Juryvorsitzende Burkhard Spinnen hätte die Gelegenheit gehabt, am Ende der "Tage der deutschsprachigen Literatur“ zumindest eine Gedenksekunde einzulegen. Immerhin versammeln sich in diesen Tagen hochintellektuelle Menschen zum Gespräch über Literatur, fordern den Bezug zum Leben ein und erinnern an ihr Potenzial, die gewöhnliche Sicht der Dinge zu stören. Das Störpotenzial Tod aber, wenn es real ist, lassen sie draußen?

Der Juryvorsitzende sprach nach der Preisverleihung vom Schock, den ihm der Umstand bereitete, dass er sich in der Abstimmung zwischen seinen beiden Kandidaten entscheiden musste. Der Tod des Lektors in Klagenfurt war Spinnen in seiner Schlussrede aber kein Wort wert. Statt dessen wies er noch einmal (er tat das schon in seiner Eröffnungsrede) darauf hin, dass er vor 20 Jahren das erste Mal hier war, und umarmte Klagenfurt.

Im Preisregen

In Klagenfurt wird alljährlich viel Geld vergeben, und die Wahrscheinlichkeit, mit einem Preis nach Hause zu kommen, ist groß wie selten. Denn auf 14 Kandidaten kommen fünf Preise. Der diesjährige Ingeborg-Bachmann-Preis geht an Olga Martynova (rechts im Bild) für ihren Text "Ich werde sagen: ‚Hi!‘“. Ihr Roman "Mörikes Schlüsselbein“ wird nächstes Jahr bei Droschl erscheinen. Soeben erschien ihr Lyrikband "Von Tschwirik und Tschwirka“. Nach Maja Haderlap im Vorjahr hat nun auch mit Martynova eine Lyrikerin die hohe Auszeichnung für Prosa erhalten - und mit ihr 25.000 Euro Preisgeld. Der kelag-Preis in der Höhe von 10.000 Euro geht an Matthias Nawrat für seinen Text "Unternehmer“. Für den 3sat-Preis (7.500 Euro) wählte die Jury Lisa Kränzler. Über den Ernst-Willner-Preis (5.000 Euro), gestiftet von Verlagen, kann sich Inger-Maria Mahlke freuen. Den BKS Bank Publikumspreis (7.000 Euro, verbunden mit einem Stadtschreiberstipendium in Klagenfurt) erhält Cornelia Travnicek.

Alle Texte und Diskussionen auf www.bachmannpreis.eu

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