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Theater Burg Direktor

Mit Matthias Hartmann tritt ein – überaus neugieriger – Regisseur an die Spitze der größten und berühmtesten deutschsprachigen Bühne, des Burgtheaters.

Der 1963 in Osnabrück geborene neue Burgtheaterintendant Matthias Hartmann galt Anfang der neunziger Jahre – das deutschsprachige Stadttheater steckte wieder einmal tief in der Krise – als eine der großen Regie-Hoffnungen. Er kam über Umwege zum Theater. Nach einer kaufmännischen Lehre holte er das Abitur nach und landete mehr zufällig gleich beim Theater. In Berlin war er vier Jahre lang Regieassistent bei Heribert Sasse. In der Provinz bekam er Gelegenheit, mit eigenen Regiearbeiten hervorzutreten. Er inszenierte in Kiel, Mainz, Wiesbaden, Hannover und sogar in Wien, wohin ihn Claus Peymann eingeladen hatte.

„Oberflächenpolierer“

Seinen Arbeiten war ein durchaus wechselhafter Erfolg beschieden. Nach ersten ungestümen Experimenten, von denen die Kritik meinte, Hartmann wolle damit Leander Haußmann den Rang des „Theaterkraftkerls“ streitig machen, haftete ihm bald das Etikett an, eher ein „Oberflächenpolierer“ zu sein. Tatsächlich ist er nicht der große Analytiker. Vielleicht fehlt ihm die Geduld zur Genauigkeit im Erschließen der Texte, vielleicht sind ihm Leichtigkeit und gute Unterhaltung oft wichtiger als interpretatorischer Tiefgang. Dass ihm Botho Strauß gleich mehrere seiner Stücke („Pancomedia“, „Kuss des Vergessens“ und „Nach der Liebe beginnt ihre Geschichte“) zur Uraufführung überlassen hat, spricht für die Leichtigkeit, mit der er zu inszenieren versteht.

Hartmann ist ein überaus neugieriger Regisseur, der viele Möglichkeiten des theatralen Erzählens auslotet, vom eher traditionellen, texttreuen bis hin zum experimentellen Erzählen. Autoren wie Beckett, Kleist, Bernhard oder Fosse begegnet er mit Respekt vor dem Text, da versteht er die Rolle des Regisseurs eher dem Dirigenten vergleichbar, der die Partitur transparent und lebendig zu machen habe, während er bei Dramatisierungen von Romanen wie etwa Christian Krachts „1979“ als Co-Fabulierer auftritt. Da liebt er es dann zu zeigen, was Theater kann, indem er es unter Verwendung der Bühnentechnik als gigantische Maschine mit vielfältigen Verwandlungsmöglichkeiten vorführt. Dabei scheut er sich nicht, das Sprechtheater zeitgeistig mit modernen technischen Ausdrucksmitteln wie Live-Cams, Video und Projektionen bildmächtig zu unterstützen.

Das Inszenieren war ihm aber nicht genug. Hartmann fühlte sich schon früh zu höheren Aufgaben berufen. Die ersten Meriten als Intendant hat er sich in Bochum verdient, wo er 2000 den amtsmüden Haußmann beerbte. Unter seiner Ägide wurde das Bochumer Theater zu einer der lebendigsten Bühnen Deutschlands. Er verstand es, innerhalb kürzester Zeit ein gutes Ensemble aufzubauen, präsentierte attraktive Spielpläne mit zahlreichen Ur- und Erstaufführungen – und nicht zuletzt gelang es ihm, Fernsehberühmtheiten wie Harald Schmidt zur Theaterarbeit zu überreden, was ihm hervorragende Besucherzahlen bescherte. Als besonderes Adelsprädikat kann gelten, dass man damals sogar aus Berlin zu den Premieren nach Bochum gefahren ist. Seitdem zählt er zu den Machern unter den Theaterintendanten und war immer im Gespräch, wenn es irgendwo eine Theaterleitung neu zu besetzen gab.

Der „typische Deutsche“ als Feindbild

Im Herbst 2005 wechselte er schließlich in die Schweiz, um als Regisseur und Intendant mit Managerqualitäten das unter der unglücklichen Direktionszeit von Christoph Marthaler arg ins Schlingern geratene Schauspielhaus Zürich wieder in geordnetere Bahnen zu lenken. Obgleich seine Direktionszeit von Anfang an durch so manche Misstöne begleitet wurde, kann man sagen, dass ihm das gelungen ist. Kaum hatte er seine erste Spielzeit in Zürich gestartet, kam es zum Streik des technischen Personals. Obwohl Hartmann für die Lohnsituation nichts konnte, hatte man im deutschen Direktor bald das Feindbild gefunden. Anstatt auf Deeskalation zu setzen, ließ sich Hartmann unglücklicherweise öfters provozieren. Bald fühlte er sich auch von der Politik alleine gelassen und warf der Stadt vor, ihr sei das Kaufmännische wichtiger als die Kunst. Dazu kam, dass er nach nur einer Spielzeit verkündete, dem Ruf der größten und berühmtesten deutschsprachigen Bühne, des Burgtheaters, zu folgen, um dort 2009 Nachfolger des scheidenden Klaus Bachler zu werden.

Diesen frühzeitig verkündeten Abschied nahm man ihm in Zürich übel, und er hat nicht dazu beigetragen, die ohnehin schon recht brüchige Liebe der Zürcher zu ihrem deutschen Schauspielhaus-Direktor zu festigen. Den Abgang vor Augen, ist er in Zürich immer ein Fremder geblieben, zuletzt galt er gar als arroganter, typischer Deutscher, und man hat sich wieder an seine markigen Worte bei seiner ersten Pressekonferenz erinnert: „Ich bin 1,93 groß, spreche hochdeutsch und drücke mich klar aus.“ Der Abschied von der Limmatstadt war entsprechend unversöhnlich, und es ist wohl seinem Temperament zuzuschreiben, dass dabei alles andere als seine künstlerischen Verdienste im Zentrum stand. Denn auch wenn seine Programmierung von der Kritik naserümpfend als Edelboulevard bezeichnet wurde – das Zürcher Publikum fand mehrheitlich Gefallen daran.

Zurückhaltung und Bescheidenheit, so konnte man sich schon im Juni anlässlich der ersten Pressekonferenz auch in Wien überzeugen, gehören kaum zu den Tugenden des Matthias Hartmann, vielmehr charakterisiert ihn ein ostentatives Selbstvertrauen. So verkündete er der versammelten Presse ganz ohne Ironie: „ Sie haben das Beste gewollt, das haben Sie auch verdient, und das kriegen Sie auch.“

Erst- und Uraufführungstheater

Nun, was kriegen wir? Ein Blick auf den Spielplan der ersten Saison lässt kaum einen Verdacht zu, dass das nicht auch so sein würde. Hartmann hat unmissverständlich klar gemacht, wie er die Aufgaben der führenden deutschsprachigen Bühne versteht, und das hat seinen unmittelbaren Niederschlag im Spielplan gefunden: Das Burgtheater sei ein Erst- und Uraufführungstheater, müsse Stückaufträge an zeitgenössische Autoren vergeben (wobei er ein besonderes Augenmerk auf die österreichische Dramatik richten will) und brauche selbstverständlich auch Klassiker. Insgesamt wird die erste Spielzeit beeindruckende 24 Premieren sehen, wobei das Wiener Publikum reichlich Gelegenheit bekommen wird, das künstlerische Potenzial des neuen Burgdirektors zu beurteilen, denn sechs Premieren werden von Hartmann selbst inszeniert, wobei allerdings fünf Übernahmen aus Bochum bzw. Zürich sind. Starten wird die Saison am 4. September, und Hartmann hat es sich nicht nehmen lassen, als Regie führender Intendant seine Ära mit einer eigenen Arbeit zu eröffnen. Auch hier zeigt er sich wenig bescheiden: Im großen Haus am Ring wird Goethes „Faust I und II“ gegeben, mit zwei richtigen Stars in den Hauptrollen: Tobias Moretti als Faust und Gert Voss als Mephisto.

Dann geht es Schlag auf Schlag im Eröffnungsreigen: Am 5. September wird im Akademietheater Roland Schimmelpfennig sein neues Stück „Der goldene Drache“ in einer eigenen Inszenierung vorstellen, einen Tag später setzt David Bösch am selben Ort Dea Lohers „Adam Geist“ in Szene, und Tags darauf darf man gespannt sein auf die jüngste Kreation des amerikanischen Nature Theatre of Oklahoma mit dem Titel „Life and Time – Episode 1“, eine insgesamt auf 16 Stunden gedachte musikalische Arbeit über das Alltagsleben in New York (im Kasino am Schwarzenbergplatz). Den Abschluss des Eröffnungsmarathons bildet Stefan Puchers Inszenierung von Phelim McDermotts Junk Opera „Struwwelpeter“, in der Birgit Minichmayr die Hauptrolle singen wird.

Interesse weckt auch die musikalische Bearbeitung von Péter Esterházys Erfolgsroman „Harmonia Caelestis“ oder die theatralische Fortsetzung des dänischen Dogma-Filmerfolgs von Thomas Vinterbergs „Festen“, dem er den Titel „Das Begräbnis“ gegeben hat und das er gleich selbst inszenieren wird. Für ästhetische Vielfalt werden auch Jan Lauwers und seine Needcompany sorgen, die Hartmann als Artists in Residence eingeladen hat und die alte und neue Arbeiten vorstellen werden.

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