Theater mit Wiedererkennungswert

Das Sommertheater in Niederösterreich wird auch heuer wieder zahlreiche Besucher anziehen. Die Zugänge zu den Stücken sind oft konventionell, die Erwartungshaltungen werden meist erfüllt.

Kein Bundesland investiert soviel in sein Sommertheater wie Niederösterreich. In den letzten zehn Jahren stiegen die Besucherzahlen von 151.000 auf 255.000, wie Landeshauptmann Erwin Pröll betont, und damit steht Niederösterreich länderweit ganz oben. Nur Salzburg – und hier leisten die Festspiele das Ihre – kann höhere Besucherzahlen aufweisen.

Für Pröll bestätigt die Auslastung seine Vorstellung von einem „neuen Niederösterreich“, das einerseits Landesbewusstsein pur meint, andererseits auch „Vorbild in Europa“ sein will. Große Vorhaben!

Tatsächlich hat sich die für das deutschsprachige Sprechtheater als unliebsame Provinzecke bekannte Region in den letzten Jahren extrem gemausert. Das Landestheater St. Pölten ist mit einer Mischung aus Eigenproduktionen und internationalen, hochkarätigen Gastspielen mittlerweile eine Bühne mit klarem Profil geworden und hat endgültig den Provinzmief hinausgelüftet. So wie das Landestheater nicht mehr zu übersehen ist, sind auch die Sommertheater wichtiger Bestandteil der niederösterreichischen – und auch der wienerischen, denn gerade die Städter flüchten im Sommer die Hitze – Kulturszene geworden, auch wenn hier ein völlig anderes Verständnis von Theater vermittelt wird.

Mehr qualitative Vielfalt gefordert

Während dem Landestheater der Anschluss an zeitgenössische Theaterformen und Auseinandersetzungen gelungen ist, dominiert an den Sommerbühnen noch immer ein extrem konventioneller Zugang, der mit Erwartungshaltungen und Wiedererkennungseffekten arbeitet. Dabei schließen sich innovative Konzepte, intelligente Unterhaltung und gute Auslastung keineswegs aus. Die Zahlen zeigen ja eine enorme quantitative Entwicklung, die in Zukunft allerdings auch mehr qualitative Vielfalt vertragen kann: 29 Produktionen und über 500 Vorstellungen sind im Rahmen des Theaterfestes NÖ 09 angekündigt, und da sind jene, die außerhalb der Festspiele stattfinden, noch nicht einmal mitgezählt. Peter Loidolt, der Intendant des Festivals und der Reichenauer Festspiele, rechtfertigt diesen Boom trotz Finanzkrise; immerhin hat das Theaterfest einen bedeutenden wirtschaftlichen Stellenwert, so Loidolt.

Neben den Millionen Euro, die angeblich in den Fremdenverkehr fließen, muss aber zentral noch eine ganz andere Funktion betrachtet werden, die das Theater in Zeiten der Krise einnimmt. Und da zeigt die Gegenwart deutlich, was die Geschichte belegt: In Zeiten von wirtschaftlichen Ängsten, hoher Arbeitslosigkeit und unsicherer Zukunft stehen die Aktien in Sachen Schaulust und Vergnügen hoch wie nie. Wenn unklar ist, welchen Kaufwert der Euro zukünftig haben wird, dann zählt der Moment des unbeschwerten Lachens umso höher.

Konjunktur der Schaulust

Entsprechend unterhaltsam sieht der Spielplan der Sommerbühnen aus: In Asparn setzt man auf Neil Simons Erfolgs-Ehekomödie „Barfuß im Park“, und auch in Mödling ist Simon, hier jedoch die pointenreiche „California Suite“ mit Andreas Steppan, zu sehen. In Baden entführt Tom Stoppards Komödie „Arkadien“ in das aristokratische England des frühen 19. Jahrhunderts, der neue Intendant des Theatersommers Haag, Gregor Bloéb, spielt selbst die Hauptrolle in Rostands romantischer Tragikomödie „Cyrano von Bergerac“, und in Weitra wird Oscar Wildes „Ernst muss man sein“ gegeben. Daneben ist viel Musiktheater am Programm, vor allem Operetten, wie Carl Zellers „Der Vogelhändler“ in Langenlois, Fred Raymonds „Maske in Blau“ und Johann Strauß’ „Der Zigeunerbaron“ in der Arena Baden.

Musicals nehmen heuer eine besondere Rolle ein, etwa Schwartz’/Tebelaks „Godspell“ in Altenburg, und in Gutenstein, wo man nun Raimunds acht Stücke endgültig abgespielt hat, setzt der neue Intendant Ernst Neuspiel auf Musik. Mit der Uraufführung von Gerald Gratzers „Gustav Klimt“ wird das Interesse und die Mystifizierung von Persönlichkeiten aus der österreichischen Geschichte („Freud“, „Elisabeth“ in Wien) fortgesetzt.

„Krieg und Frieden“ mit Napoleon

Auch Susanne Wolfs Dramatisierung von Tolstois „Krieg und Frieden“ in Melk zeigt in Verbindung mit der Napoleon-Ausstellung auf der Schallaburg Bildungsanspruch. Melk ist aber auch beispielhaft für das Risiko, wenn man ohne festes Haus spielt: Inmitten der Flusslandschaft der Donau angesiedelt, hat die Hochwasser-Katastrophe die Premiere unmöglich gemacht, die nun um zehn Tage verschoben wurde.

Blickt man über die niederösterreichischen Grenzen hinaus, wecken die Schlossfestspiele Kobersdorf Interesse: Intendant und Romy-Preisträger 09 Wolfgang Böck hat das Haydn-Jubiläum zum Anlass genommen und spielt Michael Korths Intrigenkomödie „Der Kopf des Joseph Haydn“. Auch hier dreht sich alles um eine Figur aus der Geschichte, die geheimnisvoll und dramatisch ausgeleuchtet sommerliches Vergnügen mit Bildung verbindet.

Die Festspiele Reichenau bedienen mit Doderers „Strudlhofstiege“ und Schnitzlers „Spiel im Morgengrauen“ die erfolgreiche nostalgische Schiene, ebenso Helga David im Thalhof mit Schnitzlers „Im Spiel der Sommerlüfte“ und „Virginia und Orlando“. Dass jene außerordentlichen (Spiel-)Räume zu neuen Konzepten, mehr Risikobereitschaft und Zukunftsorientierung auch im Sinne eines „neuen Niederösterreich“ geradezu einladen, hat Paulus Manker vor Jahren mit „Alma“ im Sanatorium Purkersdorf erkannt. Der NÖ Theatersommer wartet dringend auf eine Fortsetzung.

www.theaterfest-noe.at

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