Bregenzer Festspiele - © Foto: © Bregenzer Festspiele / Karl Forste

Bregenzer Festspiele: Rechtschaffen zugleich und entsetzlich

1945 1960 1980 2000 2020

Am Scheideweg: Michael Kohlhaas (Max Simonischek, Mitte) hört die Schilderung seines Knechtes (Paul Grill) über das ihm widerfahrene Unrecht an. Seiner Frau (Brigitte Urhausen) steht die Sorge bereits ins Gesicht geschrieben.

1945 1960 1980 2000 2020

Am Scheideweg: Michael Kohlhaas (Max Simonischek, Mitte) hört die Schilderung seines Knechtes (Paul Grill) über das ihm widerfahrene Unrecht an. Seiner Frau (Brigitte Urhausen) steht die Sorge bereits ins Gesicht geschrieben.

Als sich Heinrich von Kleist zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der eher lückenhaft überlieferten Fehde des Kaufmanns Hans Kohlhase und dessen daraus resultierender Hinrichtung im Jahr 1540 zu einer Erzählung anregen ließ, hatte er gewiss nicht nur im Sinn, einen historischen Stoff literarisch aufzubereiten. „Michael Kohlhaas“ behandelt zeitlose Themen, es geht um Recht und Gerechtigkeit und die Möglichkeit des Einzelnen, diese zu erwirken.


Der Einfluss gesellschaftlicher Eliten und ein zermürbendes politisches Hickhack stehen diesem Unterfangen im Wege, aus dem Entrechteten und zu Recht Empörten wird im Laufe der Handlung ein blutrünstiger Rächer. „Einer der rechtschaffensten zugleich und
entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ wütete im Rahmen der Bregenzer Festspiele ab 23. Juli an drei aufeinanderfolgenden Abenden auf
der Bühne des Theaters am Kornmarkt, in einer Inszenierung von Andreas Kriegenburg.


Die dramatisierte Fassung des Stoffes ist das Ergebnis einer Koproduktion mit Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und dem Deutschen Theater Berlin, wo „Michael Kohlhaas“ schließlich Ende Oktober Premiere feiern wird. Die Bühne stellt sich so düster dar wie die Geschichte selbst, die Spuren der Gewalt und Verwüstung sind schon ab der ersten Szene sichtbar. Dennoch webt die Inszenierung auch humorvolle Elemente ein, die für einen Moment des Durchatmens während des durchaus fordernden zweieinhalbstündigen Textregens sorgen. Die vielköpfige Truppe aus Berlin wirbelt umher und wechselt, auf ironische Distanz zum Stück gehend, zwischen Rollen und Dialekten. Die Stimme der Vernunft, die Kohlhaas’ Frau Lisbeth repräsentiert, verhallt dazwischen ungehört. Am Ende gehört die Bühne jedoch allein Kohlhaas, zerschmettert wirkend und sich im besudelten Unterhemd an ein Mikrofon klammernd, akzeptiert er mit brüchig gewordener Stimme das Urteil, das über ihn gesprochen wurde.

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