Gschnitzer - © Foto: APA / Barbara Gindl

Julia Gschnitzer: Ein Leben für die Bühne

1945 1960 1980 2000 2020

Sie gilt als Grande Dame der österreichischen Schauspielkunst: die Tirolerin Julia Gschnitzer. Vor fünf Jahren hat sie ihren Bühnenabschied gefeiert, doch in Radio und TV ist sie weiterhin aktiv. Am 21. Dezember feiert sie ihren 90. Geburtstag.

1945 1960 1980 2000 2020

Sie gilt als Grande Dame der österreichischen Schauspielkunst: die Tirolerin Julia Gschnitzer. Vor fünf Jahren hat sie ihren Bühnenabschied gefeiert, doch in Radio und TV ist sie weiterhin aktiv. Am 21. Dezember feiert sie ihren 90. Geburtstag.

E ine großes, sommerliches Bergpanorama. Grüne Wiesen, die Serles im Hintergrund, Innsbruck nur schemenhaft durch die Bäume erkennbar. Am Rand, gleichsam über der Stadt thronend, ein einzelnes Haus: Es ist dieses Bild eines bekannten Tiroler Malers, das als erstes ins Auge fällt, wenn man Julia Gschnitzers Wohnzimmer betritt. In ihrer kleinen Wohnung in Elsbethen nahe Salzburg ist es für die Schauspielerin gleichermaßen Erinnerung wie Sehnsuchtsort. Schließlich stammt die Grande Dame der österreichischen Schauspielkunst, die am 21. Dezember ihren 90. Geburtstag feiert, aus Innsbruck. Aufgewachsen in und mit den Bergen, hat ihre fast 75 Jahre währende Karriere sie auf die großen Bühnen ebenso geführt wie auf die kleinen Bühnen in Dörfern und Kulturzentren, vor die Kamera und das Radio-Mikrofon.

Und doch zieht es Julia Gschnitzer immer wieder zurück in die alte Heimat, zu den wenigen Freunden, die ihr angesichts ihres Alters blieben, und zur Familie. Das Haus auf dem Bild – es ist ihr Elternhaus, das Gschnitzer-Haus. In ihrer Kindheit noch freistehend im Grünen, heute eingeengt von verwinkelten Gassen und anderen Häusern, die sich an die Hänge der Nordkette drücken. Der Schlüssel zu ihrem Erfolg und zu ihrer im Alter gar noch gewachsenen Beliebtheit beim Publikum – er liegt nicht allein in ihrer schauspielerischen Qualität, sondern wohl auch in diesen Quellen, die ihren Charakter speisen: die leichtfüßige, weltoffene Heimatverbundenheit und ihre gänzlich allürenfreie und unverstellte Authentizität.

Wildfang aus gutem Haus

„Ich habe mein Leben lang viel Glück gehabt“, blickt Gschnitzer auf ihre Karriere, aber wohl auch auf ihre Herkunft zurück: Ihr Vater, Franz Gschnitzer, war Jurist, Professor an der Innsbrucker Universität, zugleich Politiker, Staatssekretär im Außenministerium und Literat mit Wurzeln „angeblich bis zu Andreas Hofer zurück – auch wenn ich ihm das nie recht geglaubt habe“. Ihre Mutter, Maria Pallweber, stammte ursprünglich aus einer Budweiser Industriellen-Familie. Sie war eine der ersten Frauen, die in Innsbruck in den 1920er Jahren Jus studierten. „Es war eine Intellektuellen-Familie durch und durch, zugleich aber angesichts von sechs Kindern, die durchs Haus wirbelten, eine Familie, die eine für damalige Zeiten fortschrittliche Offenheit auszeichnete.“

Aufgewachsen unter fünf Geschwistern, die später bekannte Innsbrucker Persönlichkeiten, Mediziner, Altphilologen, Volkskundler, Juristen wurden, war sie von Kindesbeinen an der ungezähmte Wildfang – und die einzige, die nicht maturierte, lacht Gschnitzer. Dafür wusste sie schon früh, was sie wollte: „Ich will eine Spielerin werden“, artikulierte sie bereits als Kind ihren Berufswunsch. Und sie sollte ihn stringent verfolgen. 1945, der Krieg war gerade vorüber, stand sie erstmals mit 14 Jahren auf einer Bühne – einer Jugendbühne in der katholischen Pfarre von St. Nikolaus. Der Froschkönig wurde gespielt, sie war die Prinzessin, „wie in Folge so oft wegen meiner langen blonden Locken“ – einer ihrer Mitspieler war damals der spätere prominente Kunstsammler und -Experte Peter Wolf.

Künstler, Schauspieler, Literaten – sie alle verkehrten im elterlichen Haus. Und so kam es, dass die jugendliche Julia mit nur 16 Jahren plötzlich im Landestheater in einer kleinen Rolle im Hauptmann von Köpenick auf der Bühne stand. Bis dato ohne jede Schauspielausbildung, erarbeitete sie sich die Rolle und den Berliner Dialekt. „Es war wie eine Fremdsprache für mich. Ich sprach ja bis dahin nur Dialekt.“ Man wurde auf sie aufmerksam, doch für eine Aufnahme in ein Ensemble war es zu früh. Daher nahm sie Schauspielunterricht, brachte sich zielstrebig in Erinnerung, absolvierte eine Schneiderlehre – schließlich wollten ihre Eltern, dass sie „was G’scheits lernt“, bevor sie sich ganz ihrem Traum, der Schauspielerei, widmete. Der Rest ist Geschichte: Engagements führten sie nach Vorarlberg, in die Schweiz und schließlich dann für 30 Jahre bis zu ihrer Pensionierung ans Wiener Volkstheater.

Hohe Gagen, Glamour, Ehrungen – all das bedeutete ihr zeitlebens nie etwas: „Ich wollte einfach nur spielen – und in jeder freien Minute raus und in die Berge“. Das Glück sollte ihr hold bleiben: „Ich habe mich nie irgendwo bewerben müssen“ – alles habe sich stets glücklich gefügt, von Rolle zu Rolle, von Jahresengagement zu Jahresengagement. Und das bis heute.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau