Fixpunkte der Theatersaison 2002/03. Die (Schau-)Spielpläne der Stadt- und Landesbühnen.

Die Motti der Landesbühnen für die kommende Saison versprechen wunderbare Zeiten: Das Stadttheater Klagenfurt beginnt nach einem Diktum von Peter Brook immer wieder von vorn und das Schauspielhaus Graz hält es mit Maxim Gorki: "Die Zukunft wird herrlich sein."

Neben dem alljährlichen Versuch, eine ausgewogene Mischung aus Klassikern wie Friedrich Schiller, Henrik Ibsen, William Shakespeare sowie die österreichischen Meister Johann Nestroy, Arthur Schnitzler und den nach der Schutzfrist nun auch in Österreich spielbaren Thomas Bernhard wie auch Uraufführungen heimischer AutorInnen anzubieten, ist das Programm der Landesbühnen für die kommende Saison durch zahlreiche Koproduktionen mit Festivals sowie großen nationalen und internationalen Bühnen geprägt.

Besonders interessant erscheint der Spielplan des Schauspielhauses Graz, das zu Beginn der Saison im Rahmen einer Gemeinschaftsproduktion mit dem steirischen herbst Elfriede Jelineks "Der Tod und das Mädchen I-III. Prinzessinnendramen" in Österreich zum ersten Mal aufführt und damit seine Politik der konsequenten Hinterfragung der Wechselbeziehung Kunst und Politik betont. Jelinek reflektiert in der Trilogie über die (Un)Möglichkeit, mit künstlerischen Mitteln auf gesellschaftliche und politische Zu- und Umstände eingreifen zu können.

Eine weitere Koproduktion mit dem teatro avendida Mosambik und Graz 2003 verspricht die Auseinandersetzung mit der gegenwärtig beständig problematisierten Immigration. Henning Mankell tritt in Personalunion als Autor und Regisseur mit dem vorläufig unter dem Titel "Heimat.Fremd" geführten Projekt auf. Gert Jonke verfasst in Zusammenarbeit mit dem Wiener Burgtheater und ebenfalls im Rahmen des Graz 2003 Schwerpunktes "Sprachmusik" ein Stück "Chorphantasie".

Vielversprechende Koproduktionen zeichnen auch den Spielplan des Stadttheaters Klagenfurt aus, hervorzuheben ist die zweifache Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble. Die Neufassung von Peter Turrinis "Ich liebe dieses Land", ein Stück, das Fremdenhass und Asyl thematisiert und den gewohnten scheinbar wohlmeinenden öffentlichen Diskurs in Frage stellt, leitet die Saison ein. Als weiteres Gastspiel führt das Stadttheater Klagenfurt anlässlich Peter Handkes 60. Geburtstag dessen legendäre "Publikumsbeschimpfung" in der Inszenierung von Philip Tiedemann auf. Dietmar Pflegerl zeigt die österreichische Erstaufführung von Donald Margulies erfolgreich verfilmter Komödie "Freunde zum Essen" (Koproduktion mit dem Renaissance-Theater Berlin) und Michael Schottenberg inszeniert die durch Ernst Lubitschs Verfilmung berühmt gewordene Satire "Noch ist Polen nicht verloren" in der Bearbeitung von Jürgen Hofmann.

Weiteres wesentliches Kennzeichen in der Spielplanpolitik ist die Förderung regionaler Autoren: Das Landestheater Salzburg bringt mit Bodo Hells "Tracht: Pflicht" (Koproduktion mit dem steirischen herbst), Walter Müllers "Everlasting Love" und Maria G. Hofmanns "Bulgakow" - letzteres in der Inszenierung des Regie-Altmeisters Friedo Solter - drei Salzburger GegenwartsdramatikerInnen auf die Bühne. Interessant zu sein verspricht auch Robert Wolfs "Enthüllung", Auftragswerk des Salzburger Landestheaters in Zusammenarbeit mit Next Liberty Graz.

Das brisante Thema des Suizids von Jugendlichen wird durch Igor Bauersimas "norway.today" an der Elisabethbühne verhandelt. Mit der österreichischen Erstaufführung von "Helges Leben" wird Sibylle Berg, eine der wichtigsten Gegenwartsdramatikerinnen, die Ehre erwiesen.

Innsbruck präsentiert die Uraufführung von Matthias Kesslers "MenschenMörder", eine Szenen-Collage, deren Grundlage der historische Prozess gegen den KZ-Kommandanten Amon Göth bildet, und in Linz wird die Theaterrevue "Das Herz in der Lederhose" des Schauspieler/Autorenteams Günter Rainer und Joachim Rathkolb gezeigt. Karl M. Sibelius, der bereits in den letzten Jahren mit musikalischen Abenden reüssierte, widmet sich heuer mit seinem Abend "Männer" dem auch aus kulturwissenschaftlicher Sicht heftig diskutierten Thema Fußball. Sowohl das Tiroler als auch das Linzer Landestheater erinnern sich der die neunziger Jahre prägenden englischen Dramatik, Innsbruck zeigt Mark Ravenhills "Gestochen scharfe Polaroids", Linz produziert Sarah Kanes letztes Stück "4.48 Psychose", ein verstörendes Zeugnis gewalttätiger Selbstvernichtung.

St. Pölten verspricht ebenfalls zwei spannende Uraufführungen: Die Groteske "Rebellen" von Andreas Weber und "Wegmüssen" von Alfred Komarek, eine zeitgenössiche Waldviertler-Kriminalkomödie.

Die Spielpläne der Theater der Bundesländer versprechen neben inhaltlicher Auseinandersetzung und Reflexion über brisante gesellschaftspolitische Themen auch große äußere Vielfalt. Hervorzuheben ist nochmals die Offenheit und Bereitschaft zu Gemeinschaftsproduktionen. Als Lücke erweist sich allerdings die auffallende Absenz österreichischer Autoren.

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