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Tirol, ein National-Epos

Das Bundesland Tirol pflegt und lebt sein Bewusstsein einer außerordentlichen historischen Rolle und Identität. Die Erhebung von 1809 schuf die Grundlage, die Feuernacht von 1961 war die Fortsetzung dieses nationalen Epos. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages sind in Tirol Feierlichkeiten und Gedenken angesetzt. Geboten ist aber auch eine kritische Bilanz.

Auch aus historischen Niederlagen kann man seinen Nationalstolz beziehen; die Serben mit ihrem Amselfeld haben uns das nachhaltig demonstriert. Kleinen Völkern bleibt ja meist nichts anderes übrig. Sie haben im Lauf der Geschichte dauernd eins auf den Deckel bekommen, sonst wären sie ja nicht klein, sondern groß. Für den Nationalstolz an und für sich macht das allerdings nichts aus; denn auch anhand von Niederlagen lässt sich erzählen, wie edel, tapfer und geradezu übermenschlich man einst gewesen ist. Allerdings schleicht sich dann wegen dieser Niederlagen eine Art von säuerlichem, gesamtgeschichtlichem Beleidigtsein, ein kleinbürgerliches "Immer-geht-es-gegen-unsereinen“ in das Selbstgefühl, das die sieggewohnten Größeren weniger kennen.

Wir Tiroler sehen uns als Volk, auch wenn das unter dem postmodern-hedonistischen Schillern der globalen Gegenwartskultur normalerweise verborgen liegt. Allein in der Art, wie wir "in die Berg“ gehen, definieren wir uns als Tiroler. Und ein leises Staunen können wir lebenslang nicht darüber unterdrücken, dass auch Leute von anderswo "in die Berg“ gehen, zumal in unsere. Zur Nation haben wir es wie viele andere Kleine nie gebracht; doch die oben skizzierte Sorte Nationalstolz ist durchaus vorhanden und mangels Siegen stammt sie ganz wesentlich aus historischen Niederlagen, deren jüngste gerade fünfzig Jahre alt wird, und die Besonderheit hat, dass aus ihr über die mittlere Frist fast so etwas wie ein Sieg geworden ist - und das ganz ohne Waffengewalt.

Aufstand als Fundament der Identität

Der zentrale Baustein für unser Geschichts-Gefühl ist die "Erhebung Tirols im Jahre 1809“, wie das einschlägige Standardwerk betitelt ist. Der Aufstand gegen die bayerisch-französische Besatzung, anfangs erfolgreich, weil unterschätzt, wurde dann binnen Jahresfrist mit aller Härte niedergeschlagen, Andreas Hofer, der Anführer und nachmalige Nationalheld, auf persönlichen Befehl Napoleons exekutiert. Dann war, wie man in Ostdeutschland zu sagen pflegt, erstmal Ruhe im See. Auch nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft und der Rückkehr der treuen Tyroler unter die angestammte habsburgische Regierung wurde um die "Rebeller“ kein Aufhebens gemacht. Kanzler Metternich hielt es für äußerst unklug, eine derartige Aufstandsbewegung nachträglich aufzuwerten, auch wenn sie gegen die Feinde des Hauses Habsburg gerichtet gewesen war. Er fürchtete, dass es zu einer romantischen Idolisierung solcher ohne behördliche Genehmigung veranstalteten Volksaufstände und entsprechenden Aufwallungen im Volke käme.

Der schlechte Einfluss kam wie üblich aus dem Ausland. Die Engländer, die schon damals ein entspannteres Verhältnis zur Volkssouveränität hatten, waren die ersten, die den Tiroler Aufstand erwähnens- und preisenswert fanden, und wenig später folgten ihnen die damals sehr mit der Freiheit beschäftigten deutschen Intellektuellen des Vormärz. Als Heinrich Heine in Innsbruck im Goldenen Adler logierte, zeigte ihm der Wirt ganz verschämt Immermanns Andreas-Hofer-Drama und wollte dann gar nicht glauben, dass Immermann mit Heine gut bekannt und überdies - kein Tiroler sei!

Zweiter Höhepunkt der Aufstandsgeschichte

Nachdem man sich 1848 erhoben und anschließend eines besseren belehrt worden war, gelang es, die tirolische Aufstandsgeschichte in einen anderen, nämlich den patriotisch-kaisertreuen Kontext einzuschreiben, komplett mit Heldensage, Traditionsverbänden und den nachträglich dazuerfundenen Original-Trachten, in denen die Tiroler dann 1896 auf Zeno Diemers Panoramabild der Schlacht am Bergisel gegen den Feind antreten.

Nun wird also mit überraschendem Theater- will sagen Mediendonner der sogenannten Feuernacht gedacht, dem Höhepunkt der zweiten tirolischen Aufstandsgeschichte, die durchaus nach dem Muster der ersten, der 1809er, gestrickt erscheint. Südtirol, seit 1919 zu Italien gehörig, verharrte auch in den Fünfzigerjahren, also lange nach dem Ende des Faschismus, in einem Zustand der halbkolonialen Unterdrückung und Schikanierung, der, geschichtliche Hintergründe hin oder her, im neuen demokratischen Europa nichts mehr zu suchen hatte. Den italienischen Staat kümmerte das allerdings wenig. Bezeichnenderweise gab das Jahr 1959, als man mit großen Worten die 150. Wiederkehr des ersten Aufstands feierte, den Startschuss zum zweiten. Bevor er sich, in leitender Position, mit großem Elan und dem ihm eigenen Organisationstalent an die Befreiung Südtirols machte, hatte mein lieber Vater, damals im Hauptberuf Schriftsteller, einen Roman und ein Theaterstück über 1809 verfasst. Der Roman hieß Feuer in der Nacht, und genau so etwas sollte es dann 1961 werden: ein gigantisches Feuerwerk an den Hochspannungsmasten rund um Bozen, und daraufhin sollte das süd- und nach Möglichkeit auch das nordtirolische Volk sich gegen die Welschen erheben. Die Lehre aus 1809, dass man nämlich gegen eine weit übermächtige Staatsgewalt nur gewinnen kann, wenn einem eine ebensolche andere zu Hilfe kommt, und zwar nicht vielleicht, sondern sicher, wurde im jugendlichen Überschwang von 1961 ausgeblendet. Entsprechend schlecht ging es aus. Verhaftungen, Folterungen, exzessive Gefängnisstrafen, Radikalisierung kleiner Gruppen, mehr Tote, im Endeffekt ein Desaster.

Die nationale Frage, einmal gestellt, bleibt.

Aber - oh Wunder - die Politiker begannen zu verhandeln und verhandelten viele Jahre lang und hatten endlich etwas herausverhandelt, was "Paket“ heißt, und dem lieben Frieden zum Verwechseln ähnlich schaut. Im Großen und Ganzen ist diese Geschichte so gut ausgegangen wie keine der vergleichbaren; immerhin Nordirland erweckt den Eindruck, als würde neuerdings ein glückhaftes Auftreten von Pragmatismus bei allen beteiligten Politikern und Bevölkerungsteilen zu einem dem südtirolischen vergleichbaren Friedenszustand führen.

Freilich kann die nationale Frage, einmal in die Welt gebracht, bloß ruhiggestellt, aber kaum je wieder aus ihr hinausbefördert werden. Das hat der Kanzler Metternich genau gewusst. Bloß hat niemand auf ihn gehört. - So ist auch Südtirol, wie es heute dasteht (nämlich sehr, sehr gut), nicht vor Turbulenzen in der Zukunft gefeit. Als Anlass zu einem Streit-Neubeginn genügt dann eine kleine Hakelei über Ortstafeln - oder Wegweiser.

* Der Autor lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.

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