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Feuilleton

Tod einer Buchhandlung

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Das Buch verlässt die Luxus- meilen

Nicht grapschig, sondern kennerisch geht es zu beim Abverkauf der letzten Bücher in der Buchhandlung Gerold am Wiener Graben. "Pardon, der Stoß gehört schon mir." "Ach so. Verzeihung. Schade, dass es den Cervantes nicht noch einmal gibt." "Nehmen Sie den Borges, der ist auch schon tot." Buchkäufer unterscheiden sich auch beim Ausverkauf von Fetzenjäger & Co. Alles zum halben Preis. Aber ohne die obligaten dümmlichen Slogans. Weiße Blätter, mit der Hand beschrieben, an die Scheiben geklebt, tun es auch. Was nichts am traurigen Anlass der Frohbotschaft "Alles zum halben Preis" ändert: Gerold macht zu. Für immer. Jedenfalls an diesem Standort im innersten Zentrum Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft des "Stocks im Eisen".

"Generale sterben nicht, Generale schwinden dahin" sagte einst de Gaulle. Soll sein. Abgewandelt gefällt es mir besser: Buchhandlungen gehen nicht ein, Buchhandlungen sterben. Und verdienen daher Nachrufe. Immerhin hielt der Geist in Gestalt einer Buchhandlung, noch dazu einer internationalen mit Abteilungen für alle möglichen Sprachen, fast ein halbes Jahrhundert lang die Stellung an der denkbar zentralsten Stelle Wiens. Für die Mitarbeiter kam die Katastrophe (für sie ist es wirklich eine) wie ein Schlag aus dem Hinterhalt. Der Schuldenberg, der dazu führte, wurde, wie man von Seiten der derzeitigen Alleininhaber hört, nicht von ihnen verschuldet; sie waren es, Alleininhaber nämlich, erst seit kurzem nach einer jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzung.

"Der Gerold" ist mutmaßlich die letzte der acht von Kaiserin Maria Theresia zur Belieferung der Universitäten und staatlichen Stellen berufenen Buchhandlungen. Ist, nicht war, weil Gerold längst in der Weihburggasse 26 den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet. Ein späterer Ersatz für die Buchhandlung am Graben wird nicht ausgeschlossen, irgendwann, irgendwo, vielleicht. Mit den generellen Problemen der Branche hat das traurige Ende der Traditionsbuchhandlung zumindest direkt nämlich nichts zu tun. Indirekt wohl eher schon. Das Buch verlässt die Luxusmeilen, denn zu den Branchen, deren Gewinne die dortigen Mieten einspielen und die jeden Wink mit hohen Ablösen für beste Lagen "net amal ignorieren", zählt der Buchhandel längst nicht mehr.

Das Buch verlässt die Luxus- meilen

Nicht grapschig, sondern kennerisch geht es zu beim Abverkauf der letzten Bücher in der Buchhandlung Gerold am Wiener Graben. "Pardon, der Stoß gehört schon mir." "Ach so. Verzeihung. Schade, dass es den Cervantes nicht noch einmal gibt." "Nehmen Sie den Borges, der ist auch schon tot." Buchkäufer unterscheiden sich auch beim Ausverkauf von Fetzenjäger & Co. Alles zum halben Preis. Aber ohne die obligaten dümmlichen Slogans. Weiße Blätter, mit der Hand beschrieben, an die Scheiben geklebt, tun es auch. Was nichts am traurigen Anlass der Frohbotschaft "Alles zum halben Preis" ändert: Gerold macht zu. Für immer. Jedenfalls an diesem Standort im innersten Zentrum Wiens in unmittelbarer Nachbarschaft des "Stocks im Eisen".

"Generale sterben nicht, Generale schwinden dahin" sagte einst de Gaulle. Soll sein. Abgewandelt gefällt es mir besser: Buchhandlungen gehen nicht ein, Buchhandlungen sterben. Und verdienen daher Nachrufe. Immerhin hielt der Geist in Gestalt einer Buchhandlung, noch dazu einer internationalen mit Abteilungen für alle möglichen Sprachen, fast ein halbes Jahrhundert lang die Stellung an der denkbar zentralsten Stelle Wiens. Für die Mitarbeiter kam die Katastrophe (für sie ist es wirklich eine) wie ein Schlag aus dem Hinterhalt. Der Schuldenberg, der dazu führte, wurde, wie man von Seiten der derzeitigen Alleininhaber hört, nicht von ihnen verschuldet; sie waren es, Alleininhaber nämlich, erst seit kurzem nach einer jahrelangen gerichtlichen Auseinandersetzung.

"Der Gerold" ist mutmaßlich die letzte der acht von Kaiserin Maria Theresia zur Belieferung der Universitäten und staatlichen Stellen berufenen Buchhandlungen. Ist, nicht war, weil Gerold längst in der Weihburggasse 26 den Großteil seines Umsatzes erwirtschaftet. Ein späterer Ersatz für die Buchhandlung am Graben wird nicht ausgeschlossen, irgendwann, irgendwo, vielleicht. Mit den generellen Problemen der Branche hat das traurige Ende der Traditionsbuchhandlung zumindest direkt nämlich nichts zu tun. Indirekt wohl eher schon. Das Buch verlässt die Luxusmeilen, denn zu den Branchen, deren Gewinne die dortigen Mieten einspielen und die jeden Wink mit hohen Ablösen für beste Lagen "net amal ignorieren", zählt der Buchhandel längst nicht mehr.