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Töne des Todes und das GEZEIGTE MORDEN

1945 1960 1980 2000 2020

Mit seinem ersten Langspielfilm "Son of Saul" setzt László Nemes die Standards für den filmischen Umgang mit der Schoa völlig neu: Auch das Unzeigbare wird zu Bildern - zumindest im Kopf.

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Mit seinem ersten Langspielfilm "Son of Saul" setzt László Nemes die Standards für den filmischen Umgang mit der Schoa völlig neu: Auch das Unzeigbare wird zu Bildern - zumindest im Kopf.

Die Diskussion über die - filmische - Darstellbarkeit der Schoa wird seit Jahrzehnten kontrovers geführt. Man kann, wie Claude Lanzmann, dessen "Shoah" 1985 Standards setzte, radikal auf das Erzählen vertrauen und sich jeder Visualisierung des (maschinellen) Tötens widersetzen - auch kein Archivbild eines Toten war in diesem, 540 Minuten monströs langen Dokumentarfilm zu sehen. Oder man kann wie Hollywood-Ikone Steven Spielberg in "Schindlers Liste"(1993) bzw. auch wie Stefan Ruzowitzky im gleichfalls Oscargekrönten "Die Fälscher"(2007) auf Fiktionaliserung setzen: das Überleben nach, wie es heißt, "einer wahren Geschichte" als Ausweg, um nicht das Grauen und das Monster Mensch bebildern zu müssen. Lanzmann hatte seinerseits angesichts von "Schindlers Liste" gemeint, die Schoa sei in einem fiktionalen Film "nicht darstellbar".

Lob von Lanzmann und Didi-huberman

Interessant, dass der heute 90-jährige Lanzmann nun den fiktionalen Spielfilm "Son of Saul" von László Nemes über alle Maßen gelobt hat. Mindestens ebenso außergewöhnlich, dass der französische Philosoph und Kunsttheoretiker Georges Didi-Huberman, der Claude Lanzmann in Sachen der Bewertung von Auseinandersetzung mit dem Holocaust in inniger Feindschaft zugetan ist, über "Son of Saul" einen offenen Brief an Nemes schrieb, der auch als Buch veröffentlicht wurde, und der mit der Feststellung beginnt, der Film sei ein Monster: "Un monstre nécessaire, cohérent, bénéfique, innocent - ein notwendiges, stringentes, heilsames, unschuldiges Monster."

"Son of Saul" spielt im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und porträtiert den ungarischen Juden Saul Ausländer, der dort im Jahr 1944 bei einem Sonderkommando beschäftigt ist. Diese besonders perfide Einsatzart für KZ-Insassen macht diese kurz vor dem eigenen Ende noch zu Mitwissern und Mittätern an der Judenvernichtung: Die Sonderkommandos mussten Hilfsdienste bei der Ankunft der ins Gas gehenden Transporte verrichten, die Leichenberge dann in die Krematorien schaffen und die Gaskammern nach der jeweiligen Vernichtungstat reinigen. Im Allgemeinen wurden die Angehörigen der Sonderkommandos später selber exekutiert, denn Mitwisser konnten die SS-Schergen mitnichten brauchen.

Verzweifelte Suche nach einem rabbiner

Saul Ausländer (Géza Röhrig), erzählt der Film, vermeint nun unter den wegzuschaffenden Toten seinen Sohn zu entdecken. Er entwendet den Leichnam mithilfe eines ungarischen Häftlingsarztes aus der Prosektur und will ihn vor dem Verbrennen retten. Verzweifelt sucht er unter den Gefangenen einen Rabbiner, der dem Toten das Kaddisch-Gebet spricht. Ein völlig irre(eale)s Setting, diesem Toten unter lauter um ihr Leben Kämpfenden die Würde zu retten. Aber es gibt etwas, das inmitten dieses Wahnsinns einen fast Wahnsinnigen treibt - ein religiöser Impetus, ein letztes Aufflackern von Menschsein, wenn einer dem anderen, auch wenn der tot ist, die letzte Ehre, den Lobpreis, das Kaddisch eben zu erweisen sucht.

Doch das tödliche Leben konterkariert in "Son of Saul" beinahe alles. Das Sonderkommando, dem Saul angehört, plant eine Revolte, der Aufstand wird aber aufs Äußerste gefährdet, weil Saul sich nicht an seinen Part hält, sondern weiter nach dem Rabbiner für den vermeintlichen Sohn sucht. Die noch am Leben sind, verstehen nicht, was Saul umtreibt. Einer wirft ihm vor, dass er die Lebenden für die Toten aufgibt. Diese Anklage hält als zentraler Satz des Films her.

Bilder, die nicht mehr weggehen

Das, was an "Son of Saul" so neu ist, und was seine visionäre und visuelle Kraft ausmacht, ist die Dramaturgie, die Bildsprache und die Ikonografie, mit der diese Geschichte erzählt wird. László Nemes beschränkt sich auf die Darstellung von 24 Stunden im Herbst 1944, als die Rote Armee schon nah ist, und die Vernichtungsmaschinerie nur noch hektisch "funktioniert". Völlig einzigartig ist der Kamerablick, der alles aus der Perspektive Sauls zeigt und gerade ein paar Zentimeter über seinen Kopf und Hals hinwegschaut. Diese radikale Subjektivität der Bilder ist natürlich ein dramaturgischer Kniff, der den Zuschauer Teil des Sonderkommandos werden lässt - die Betroffenheit darüber lässt einen nicht mehr los.

Und Nemes filmt, was man bislang - fiktional - nicht zeigen durfte: die Massen, die ankommen und sich ausziehen, dann in die "Duschen" gehen Nachdem die Türen geschlossen wurden, hört man das Treten dagegen und Schreie. Das Morden wird nicht gezeigt und gleichzeitig doch - die Bilder entstehen im Kopf und gehen nicht mehr weg.

Dann das Bergen der Leichen und deren Verbrennen. Das Verbringen der Aschenberge in den Fluss. Oft sieht man dies alles bloß schemenhaft und unscharf im Hintergrund, denn scharf ist nur das Bild von Saul und den anderen Gefangenen. Dazu das Bellen der Hunde und die gebrüllten Kommandos der SS-Leute. Noch nie wurde das so gezeigt, noch nie war das so zu sehen. Der Grand Prix in Cannes und der Auslands-Oscar zeugen davon, dass die Filmwelt anerkennt, was László Nemes mit seinem ersten Langspielfilm leistet.

Der junge ungarische Regisseur erweist sich dabei auch als Schüler von Georges Didi-Huberman (siehe oben), der ja gegen den lautstarken Protest von Claude Lanzmann schon lang darauf insistiert, dass Bilder vom Grauen der Schoa zu zeigen sind (Didi-Huberman editierte etwa einige Fotos von den Sonderkommandos in Auschwitz). Mit "Son of Saul" setzt Nemes diese Theorie in unüberbietbarer Weise fürs Kino um. Und es gelang ihm - siehe gleichfalls oben - dies mit dem Segen von Lanzmann zu tun.

Son of Saul (Saul Fia)

H 2015. Regie: László Nemes. Mit Géza Röhrig, Levente Molnár, Urs Rechn. Thimfilm. 147 Min.

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