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Feuilleton

Total flexibel, gehorsam und gestreßt

1945 1960 1980 2000 2020

"Was wird aus dem Menschen?" Diese Frage stellt sich angesichts der Globalisierung, eines entfesselten Marktes und der damit verbundenen, vermeintlichen "Sachzwänge" immer drängender. Zwingt der Druck zu marktgerechter Flexibilität und Mobilität immer mehr dazu, sich in unmenschlicher Weise verrenken zu müssen?

1945 1960 1980 2000 2020

"Was wird aus dem Menschen?" Diese Frage stellt sich angesichts der Globalisierung, eines entfesselten Marktes und der damit verbundenen, vermeintlichen "Sachzwänge" immer drängender. Zwingt der Druck zu marktgerechter Flexibilität und Mobilität immer mehr dazu, sich in unmenschlicher Weise verrenken zu müssen?

Geht es mit der menschlichen Lebensführung heute nicht so ähnlich wie mit der Politik? Diese war früher dazu da, entweder den Kurs einer gesellschaftlichen Entwicklung zu halten - das heißt, das Schiff weiterfahren zu lassen, wie es immer schon fuhr. Oder einen neuen Kurs einzuschlagen - das heißt, Visionen zu haben und diese auch umzusetzen. Und heute? Politik hat keine Visionen mehr, reagiert nur mehr, getrieben von irgendwelchen "Sachzwängen". Früher gab es Konservative und Andersmacher (Erneuerer, Reformer, Revolutionäre). Heute dagegen wird nichts mehr verlangt, außer eines: die Anpassung an "Sachzwänge".

Die tiefgreifenden Veränderungen von heute werden mit großem Unbehagen registriert. Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis zeigen: Die Angst geht um vor dem Heraufziehen einer kalten, ungemütlichen Arbeitswelt. Nicht nur, daß die Aktienmärkte jubeln, wenn die Leute entlassen oder in Frühpension abgeschoben werden. Nicht nur, daß Fünfzigjährige scheel angesehen werden, weil sie doch die begehrten Arbeitsplätze für die Jungen "blockieren". Nicht nur, weil die mittlere Generation in absehbarer Zeit zwischen allen Stühlen sitzen wird.

Die ordnende Aufteilung des Lebens in Ausbildung, Berufstätigkeit und des abgesicherten Ruhestandes beginnt sich zu verschieben. Dazu die volle Technisierung des Lebens und nicht nur der Arbeit, Teleworking, Cyberspace, Web-Disgner, Internet-Informationsbroker ... Es wird immer schwieriger, sich zurechtzufinden. Zählt in dieser Welt des permanent Neuen überhaupt noch etwas Bewährtes? Erfahrung? Wissen? Der Aufbau eines menschlichen Miteinander?

Jobs gehen verloren und irgendwie glaubt jeder: Eines Tages erwischt es auch mich.

Wir sind verunsicherte Wesen geworden. Natürlich könnte man sagen: das ist die Angst des Gewohnheitstieres vor der Veränderung. Weil die meisten halt gerne so leben, wie sie es gewöhnt sind. Ist damit alles erklärt?

Irgendwie fühlen sich die Menschen permanent überfordert, eingespannt in den Teufelskreis von Arbeit und Konsum, in den Zwang, dauernd irgendetwas entscheiden zu müssen, überflutet vom Schwall völlig nutzloser Daten und Informationen, vom dümmlichen Tratsch und Tralala einer merkwürdig gestreßt wirkenden Spaßgesellschaft.

Wie ein Feldzug Veränderung gehört zum Menschen. Aber die Wirtschaft hat eine besondere Art Eigendynamik gewonnen und preßt ihre Vorstellungen in die Gesellschaft hinein. Alles gehorcht dem Gebot der Entfesselung des Marktes. Eingefahrene Strukturen von Hierarchie, Entlohnung, Produktion und Organisation ändern sich. Die Unternehmen wandeln sich, definieren ihren Daseinszweck und ihre Produkte ständig neu. Sie verstehen sich heute als lernende Systeme, die sich den Erfordernissen des Marktes immer neu anpassen müssen, um in der globalen Konkurrenz zu überleben. Konzernherren agieren zugleich flexibel und strategisch. Wir erleben Operationen, die sich abspielen wie militärische Feldzüge ...

Die neue Mentalität verlangt nicht nur physische Beweglichkeit, sondern die Mobilisierung aller, auch der mentalen Reserven. Dem zeitgemäßen Mitarbeiter wird heute alles abverlangt. Flexibilität ist das Zauberwort. In den Unternehmen dominiert das speed-management, die permanente Beschleunigung, die sie zum Erfolg katapultieren soll. Aber diese Mobilisierung soll nicht nur die Manager erfassen, sondern auch jeden einzelnen Mitarbeiter.

Neue Zeiten bringen einen neuen Typus Mensch nach vorne und nach oben. "Die beschleunigte Gesellschaft", heißt dazu ein neues Buch von Peter Glotz, dem ausgewiesenen Kommunikationswissenschaftler und zeitweisen SPD-Politiker. Er sieht die Gesellschaft zerfallen in eine neue ökonomische Elite der Weltgesellschaft, international zu Hause, mehrsprachig. Ihre Mitglieder sind höchst flexibel, fühlen sich an nichs anderes gebunden als den Erfolg des Unternehmens. Ihre eigene totale Beweglichkeit macht es ihnen schwer, andersdenkende oder schwächere Menschen auch nur irgendwie zu verstehen.

Der Zwang zu marktgerechter Flexibilität und Mobilität, das lebenslange Lernen nach den Vorstellungen der Unternehmen, die Nivellierung der Kulturen, die atemberaubende Beschleunigung in allen Lebensbereichen, die Aushöhlung vorhandenen Wissens - werden wir uns immer mehr verrenken müssen und aussehen wie Picassos Akrobat? Werden wir alle zu Menschen ohne Eigenschaften, ohne inneren Fundus an Sinngehalten, die das seelische Gleichgewicht sichern?

Der "fünfte Mensch" Was wird aus dem Menschen? Diese Frage war schon die Überschrift des letzten Absatzes des Buches "Kulturgeschichte als Kultursoziologie" des Soziologen Alfred Weber. Darin hat er ein Problem dargestellt, das dann noch zum Titel eines weiteren Buches wurde: "Der dritte oder der vierte Mensch: Vom Sinn des geschichtlichen Daseins" (1953).

Er sagte: Der Mensch ist historisch wandelbar. Es gibt den "ersten Menschen", der ist der Primitive. Den "zweiten", der hat schon Kultur und Höhlenkunst. Dann trat der "dritte Mensch" auf, das ist der der Hochkultur und auch noch der unserer modernen Zivilisation. An ihn denken wir, wenn von Menschenwürde, Vernunft, Gewissen und Verantwortung die Rede ist.

Nun aber besteht die Gefahr, daß er vom "vierten Menschen" abgelöst wird. Das ist der, der zum Funktionär der Apparate und zum gewissenlosen Handeln fähig wird, der aber doch noch die Vorstellungen des dritten Menschen in sich trägt.

Dieser "vierte Mensch" war der ferngesteuerte Massenmensch des Zeitalters der Totalitarismen. Aber nicht nur dort kannte man ihn - in der Konsequenz ist der "vierte Mensch" ein Wesen der Selbstverwandlung und Selbsterniedrigung, flexibel und immer gehorsam dem "System" gegenüber. Übrigens hat Alfred Weber auch vorhergesagt, daß das alles zu einer Wiederkehr der Angst führt, wie man sie überwunden glaubte. Von der heutigen "Globalisierung" und den damit verbundenen Auswirkungen wußte er noch nichts -bringt sie den "fünften Menschen"? Wird der Unterschied sein, daß der "vierte Mensch" in die Masse hineingedrückt wurde, während man vom Menschen in Zeiten des Diktates der Wirtschaft auch noch verlangt, daß er sich freiwillig in das System einschmelzen läßt?

Was sich heute entwickelt, ist ein Mensch, der sich nicht mehr in Arbeits- oder Marschkolonnen eingliedert, wie bei Hitler oder Stalin, sondern der "fähig" (oder dazu verurteilt) wird, sich selbst so zu manipulieren, daß er sich jeweils benutzen (mißbrauchen?) läßt. Und zwar mithilfe der Fähigkeit, sofort zu reagieren auf neue Signale, unverzüglich umzulernen, sich umzustellen. Je nachdem, wie es "das System", "der Apparat" die "Sachzwänge" von ihm verlangen.

An der Spitze der totalitären Regime stand ein Diktator, oder ein Politbüro. Im System der entfesselten Wirtschaft sind es "anonyme" Marktkräfte, nach denen sich alle richten (müssen) - bei Strafe des Job- und Chancenverlustes.

Die Frage nach dem Bild des Menschen in der Gesellschaft ist gerade jetzt unverzichtbar. Lassen wir uns dazu verurteilen, als verrenkte Akrobaten zu leben oder werden wir zum aufrechten Gang zurückfinden? Wie gesagt, Politik und Lebenführung spiegeln einander wider ...

Geht es mit der menschlichen Lebensführung heute nicht so ähnlich wie mit der Politik? Diese war früher dazu da, entweder den Kurs einer gesellschaftlichen Entwicklung zu halten - das heißt, das Schiff weiterfahren zu lassen, wie es immer schon fuhr. Oder einen neuen Kurs einzuschlagen - das heißt, Visionen zu haben und diese auch umzusetzen. Und heute? Politik hat keine Visionen mehr, reagiert nur mehr, getrieben von irgendwelchen "Sachzwängen". Früher gab es Konservative und Andersmacher (Erneuerer, Reformer, Revolutionäre). Heute dagegen wird nichts mehr verlangt, außer eines: die Anpassung an "Sachzwänge".

Die tiefgreifenden Veränderungen von heute werden mit großem Unbehagen registriert. Gespräche im Freundes- und Bekanntenkreis zeigen: Die Angst geht um vor dem Heraufziehen einer kalten, ungemütlichen Arbeitswelt. Nicht nur, daß die Aktienmärkte jubeln, wenn die Leute entlassen oder in Frühpension abgeschoben werden. Nicht nur, daß Fünfzigjährige scheel angesehen werden, weil sie doch die begehrten Arbeitsplätze für die Jungen "blockieren". Nicht nur, weil die mittlere Generation in absehbarer Zeit zwischen allen Stühlen sitzen wird.

Die ordnende Aufteilung des Lebens in Ausbildung, Berufstätigkeit und des abgesicherten Ruhestandes beginnt sich zu verschieben. Dazu die volle Technisierung des Lebens und nicht nur der Arbeit, Teleworking, Cyberspace, Web-Disgner, Internet-Informationsbroker ... Es wird immer schwieriger, sich zurechtzufinden. Zählt in dieser Welt des permanent Neuen überhaupt noch etwas Bewährtes? Erfahrung? Wissen? Der Aufbau eines menschlichen Miteinander?

Jobs gehen verloren und irgendwie glaubt jeder: Eines Tages erwischt es auch mich.

Wir sind verunsicherte Wesen geworden. Natürlich könnte man sagen: das ist die Angst des Gewohnheitstieres vor der Veränderung. Weil die meisten halt gerne so leben, wie sie es gewöhnt sind. Ist damit alles erklärt?

Irgendwie fühlen sich die Menschen permanent überfordert, eingespannt in den Teufelskreis von Arbeit und Konsum, in den Zwang, dauernd irgendetwas entscheiden zu müssen, überflutet vom Schwall völlig nutzloser Daten und Informationen, vom dümmlichen Tratsch und Tralala einer merkwürdig gestreßt wirkenden Spaßgesellschaft.

Wie ein Feldzug Veränderung gehört zum Menschen. Aber die Wirtschaft hat eine besondere Art Eigendynamik gewonnen und preßt ihre Vorstellungen in die Gesellschaft hinein. Alles gehorcht dem Gebot der Entfesselung des Marktes. Eingefahrene Strukturen von Hierarchie, Entlohnung, Produktion und Organisation ändern sich. Die Unternehmen wandeln sich, definieren ihren Daseinszweck und ihre Produkte ständig neu. Sie verstehen sich heute als lernende Systeme, die sich den Erfordernissen des Marktes immer neu anpassen müssen, um in der globalen Konkurrenz zu überleben. Konzernherren agieren zugleich flexibel und strategisch. Wir erleben Operationen, die sich abspielen wie militärische Feldzüge ...

Die neue Mentalität verlangt nicht nur physische Beweglichkeit, sondern die Mobilisierung aller, auch der mentalen Reserven. Dem zeitgemäßen Mitarbeiter wird heute alles abverlangt. Flexibilität ist das Zauberwort. In den Unternehmen dominiert das speed-management, die permanente Beschleunigung, die sie zum Erfolg katapultieren soll. Aber diese Mobilisierung soll nicht nur die Manager erfassen, sondern auch jeden einzelnen Mitarbeiter.

Neue Zeiten bringen einen neuen Typus Mensch nach vorne und nach oben. "Die beschleunigte Gesellschaft", heißt dazu ein neues Buch von Peter Glotz, dem ausgewiesenen Kommunikationswissenschaftler und zeitweisen SPD-Politiker. Er sieht die Gesellschaft zerfallen in eine neue ökonomische Elite der Weltgesellschaft, international zu Hause, mehrsprachig. Ihre Mitglieder sind höchst flexibel, fühlen sich an nichs anderes gebunden als den Erfolg des Unternehmens. Ihre eigene totale Beweglichkeit macht es ihnen schwer, andersdenkende oder schwächere Menschen auch nur irgendwie zu verstehen.

Der Zwang zu marktgerechter Flexibilität und Mobilität, das lebenslange Lernen nach den Vorstellungen der Unternehmen, die Nivellierung der Kulturen, die atemberaubende Beschleunigung in allen Lebensbereichen, die Aushöhlung vorhandenen Wissens - werden wir uns immer mehr verrenken müssen und aussehen wie Picassos Akrobat? Werden wir alle zu Menschen ohne Eigenschaften, ohne inneren Fundus an Sinngehalten, die das seelische Gleichgewicht sichern?

Der "fünfte Mensch" Was wird aus dem Menschen? Diese Frage war schon die Überschrift des letzten Absatzes des Buches "Kulturgeschichte als Kultursoziologie" des Soziologen Alfred Weber. Darin hat er ein Problem dargestellt, das dann noch zum Titel eines weiteren Buches wurde: "Der dritte oder der vierte Mensch: Vom Sinn des geschichtlichen Daseins" (1953).

Er sagte: Der Mensch ist historisch wandelbar. Es gibt den "ersten Menschen", der ist der Primitive. Den "zweiten", der hat schon Kultur und Höhlenkunst. Dann trat der "dritte Mensch" auf, das ist der der Hochkultur und auch noch der unserer modernen Zivilisation. An ihn denken wir, wenn von Menschenwürde, Vernunft, Gewissen und Verantwortung die Rede ist.

Nun aber besteht die Gefahr, daß er vom "vierten Menschen" abgelöst wird. Das ist der, der zum Funktionär der Apparate und zum gewissenlosen Handeln fähig wird, der aber doch noch die Vorstellungen des dritten Menschen in sich trägt.

Dieser "vierte Mensch" war der ferngesteuerte Massenmensch des Zeitalters der Totalitarismen. Aber nicht nur dort kannte man ihn - in der Konsequenz ist der "vierte Mensch" ein Wesen der Selbstverwandlung und Selbsterniedrigung, flexibel und immer gehorsam dem "System" gegenüber. Übrigens hat Alfred Weber auch vorhergesagt, daß das alles zu einer Wiederkehr der Angst führt, wie man sie überwunden glaubte. Von der heutigen "Globalisierung" und den damit verbundenen Auswirkungen wußte er noch nichts -bringt sie den "fünften Menschen"? Wird der Unterschied sein, daß der "vierte Mensch" in die Masse hineingedrückt wurde, während man vom Menschen in Zeiten des Diktates der Wirtschaft auch noch verlangt, daß er sich freiwillig in das System einschmelzen läßt?

Was sich heute entwickelt, ist ein Mensch, der sich nicht mehr in Arbeits- oder Marschkolonnen eingliedert, wie bei Hitler oder Stalin, sondern der "fähig" (oder dazu verurteilt) wird, sich selbst so zu manipulieren, daß er sich jeweils benutzen (mißbrauchen?) läßt. Und zwar mithilfe der Fähigkeit, sofort zu reagieren auf neue Signale, unverzüglich umzulernen, sich umzustellen. Je nachdem, wie es "das System", "der Apparat" die "Sachzwänge" von ihm verlangen.

An der Spitze der totalitären Regime stand ein Diktator, oder ein Politbüro. Im System der entfesselten Wirtschaft sind es "anonyme" Marktkräfte, nach denen sich alle richten (müssen) - bei Strafe des Job- und Chancenverlustes.

Die Frage nach dem Bild des Menschen in der Gesellschaft ist gerade jetzt unverzichtbar. Lassen wir uns dazu verurteilen, als verrenkte Akrobaten zu leben oder werden wir zum aufrechten Gang zurückfinden? Wie gesagt, Politik und Lebenführung spiegeln einander wider ...