Träume wachsen nicht in den Himmel

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Der Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR: Wie steht es zehn Jahre nach der Wiedervereinigung um die Plattenbau-Siedlungen Ostdeutschlands?

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Der Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR: Wie steht es zehn Jahre nach der Wiedervereinigung um die Plattenbau-Siedlungen Ostdeutschlands?

Die Plattenbaugebiete Ostdeutschlands sind nicht vergleichbar mit den Großsiedlungen Westeuropas. Sie waren keine Ghettos für die Verlierer der Gesellschaft. Fast sprichwörtlich ist ihre soziale Durchmischung - Busfahrer und Professoren lebten (und leben teils auch heute noch) Tür an Tür. Die Plattenbauten sind vielmehr ein Versuch, das Recht auf Wohnen - wie es in der DDR-Verfassung stand - zu realisieren. Ohne Spekulation und Mietwucher, ohne die Enge der Altstädte.

Die ältesten Platten Ost-Berlins (aus den fünfziger Jahren) stehen noch innerhalb des Stadtkörpers. Bekanntestes Beispiel ist die Stalinallee, der "Ku'damm des Ostens", später Karl-Marx-Allee, heute Frankfurter Allee. "Für 100 neue Wohnungen gingen dabei allerdings 20 alte kaputt", erinnert sich Günter Peters, zwischen 1960 und 1980 Stadtbaudirektor von Ost-Berlin. Um dieses Verhältnis zu verbessern, baute man schließlich auf der grünen Wiese - vor der Stadt.

Auf den Gemüsefeldern rund um das märkische Dorf Marzahn entstand zwischen 1977 und 1987 die erste der drei Großsiedlungen am östlichen Rand von Berlin. Dringend benötigter Wohnraum für die wachsende sozialistische Gesellschaft, 60.000 Wohneinheiten für 160.000 Menschen. Fertige Drei-Schicht-Platten, normiert und seriell hergestellt, angeliefert aus den verschiedensten Kombinaten des Landes, ebenso wie die Fenster und Balkonbrüstungen, im "industrialisierten Wohnungsbau" montiert auf einer gigantischen Großbaustelle.

Marzahn ist die größte zusammenhängende Neubausiedlung Deutschlands. Im Süden weist sie noch die für den sozialistischen Städtebau typische Weitläufigkeit auf. Die Betonmassen - bis zu 21 Etagen hoch - sind oft als Punkthochhäuser in dichtes Grün hineingesetzt, zwischen ältere Gartenparzellen und Kleinsiedlungsgebiete. Die hohen Erschließungskosten hiefür erzwangen eine Änderung der Planungen. Gen Norden hin staffeln sich die Platten immer dichter, bis hin zu teils beklemmenden Wohnschluchten. "Städtisch" nach westeuropäischem Maßstab empfindet man weder die Zerrissenheit da, noch die Gedrängtheit dort.

Hellersdorf, westlich anschließend, wirkt da schon verträglicher: fünf- und sechsgeschoßig, kaum einmal höher, in ansprechender Dichte arrangiert, in nachvollziehbaren Strukturen angeordnet. 15 Jahre städtebaulicher Entwicklung, die sichtbar dazwischen liegen - Hellersdorf ist die jüngste der Großsiedlungen: mit Ausnahme eines Quartiers erst 1985 begonnen, war sie in der Zeit von Wende und Wiedervereinigung teils frisch bezogen, teils noch in Bau. 1992 war die letzte Platte montiert. Da hatte Marzahn mit seinem spröden DDR-Charme bereits sein unverschuldetes Stigma: die unmenschliche Schlafstadt, die künftigen Slums. Einbrüche, Autodiebstähle, sogar Morde rundeten das Bild nach außen hin ab: Marzahn, ein Ort der zu meiden ist - und wer schon dort wohnt, sollte schleunigst weg.

"Es ist ein Vorteil für Hellersdorf, dass es erst im wiedervereinten Deutschland fertiggestellt wurde", vergleicht Ralf Protz, Planer bei der Wohnungsbaugesellschaft Hellersdorf, die beiden benachbarten Wohngebiete. "Hier floss das zehn- bis zwanzigfache an Investitionen in die Außengestaltung der Siedlung. Auch mit der Sanierung der Platten begannen wir später und konnten die Erfahrungen aus Marzahn nutzen." Als im Nachbarbezirk schon über manchen Wohnblock "ein Eimer Farbe gekippt" war, holte Hellersdorf renommierte Architekten zur Umgestaltung der Gebäude.

So gelang es eindrucksvoll, den rotgrauen und graubraunen Betonklötzen zu einer völlig neuen, leichten Erscheinung zu verhelfen. Mit schlichten Fassaden, markanten aber stilsicheren Balkonbrüstungen und Eingangsbereichen - ohne die andernorts praktizierten postmodernen Nachbesserungsversuche, hart an der Grenze zum Kitsch. Manche Viertel könnten gar den Anspruch erheben, Maßstab für modernen Wohnbau zu sein. Es überrascht nicht, dass Hellersdorf an der UNO-Konferenz Habitat 1996 in Istanbul als nationaler Beitrag Deutschlands präsentiert wurde - als Lösungsmodell für Probleme, die millionenfach auf der ganzen Welt bestehen.

Soziale Entmischung Nicht alle Probleme sind hausgemacht. So etwa mussten die Nachfolgeunternehmen der DDR-Gebäudeverwaltungen einer Auflage des Bundes zufolge bis 1997 mindestens 15 Prozent des Wohnungsbestandes "privatisieren". Das Land Berlin wiederum schreibt für 35 Prozent der Wohnungen in den Plattenbaugebieten eine "Belegungsbindung" für sozial Schwache vor. Als ob es nicht Aufgabe genug wäre, die Platte als erschwinglichen Wohnstandort für Durchschnittsbürger zu erhalten und eine soziale Entmischung der Siedlung abzuwenden. Ralf Protz sah sich zur Quadratur des Kreises gezwungen: "Mit 35 Prozent Sozialfällen ist es schwer möglich, das Image der Siedlung so zu heben, dass sich Mieter finden, die ihre Wohnungen kaufen." Als Ausweg blieb den Wohnungsbaugesellschaften meist nur, die nötigen 15 Prozent ihres Eigentums zu Billigpreisen an interessierte Investoren abzutreten - in der Regel an westdeutsche Banken und Investorengemeinschaften.

Bei einem Spaziergang durch das Gebiet ist an allen Ecken zu hören, dass die Verbesserungen des Wohnumfeldes zumindest kurzfristigen Erfolg haben. Aus den Innenhöfen dringt der Lärm ausgelassenen Kinderspiels. Hellersdorf ist der jüngste Berliner Stadtbezirk mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren - entsprechend dem hohen Anteil sieben- bis zwölfjähriger Kinder wurde nahezu jeder Wohnhof in einen Kinderspielpatz verwandelt.

Jens Arndt, genannt Eddie, hat als Streetworker mit jenen zu tun, die für die Kinderspielplätze Hellersdorfs zu alt sind. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung sah er sich hauptsächlich mit der Neugier und Lust der Jugendlichen an der Kriminalität konfrontiert. Beginnend bei beschmierten Briefkästen bis hin zu politisch motivierter Gewalt wurde ausprobiert, was in der DDR nahezu unmöglich war.

Die heutigen Probleme mit den Heranwachsenden sind eher die Folge des radikalen Wandels im Alltag jedes einzelnen. Die Pflicht, eine Lehre zu machen, ebenso der außerschulische Auftrag der Schulen, der auch die Freizeitgestaltung umfasste - sie brachen mit der Wiedervereinigung über Nacht ersatzlos weg, und somit auch der Halt für die Jugendlichen. Heute schlagen die Kids vor den Hauseingängen die Zeit tot, Langeweile an allen Ecken und Enden. Selbst die zahlreichen Satellitenschüsseln an den Balkons vermögen die Tristesse nicht zu verdrängen. "Es gibt hier ja nichts", weiß der Streetworker, "keine Schwimmhalle, keine frei zugänglichen Sportplätze, keine Möglichkeit, sich zu treffen, ohne gleich etwas konsumieren zu müssen. Und in die Stadt dürfen sie nicht, weil die Eltern sagen, es wäre zu gefährlich, mit der U-Bahn zu fahren."

Die vielen Kinder in Hellersdorf werden innerhalb der nächsten fünf Jahre zu Jugendlichen heranwachsen. Jens Arndt beobachtet bereits, dass Familien vor dieser - für Großsiedlungen typischen - demographischen Welle flüchten. Sie ziehen weg, weil sie befürchten, dass ihre Kinder dann "abrutschen". So sollte laut Eddie "statt jedem zweiten Spielplatz besser ein Bolzplatz gebaut werden, mit einem Pavillon zum Sitzen, Quatschen und Rauchen." Freiräume also, wo sich die Halbwüchsigen zurückziehen aber auch austoben können, ohne die jüngeren Kinder zu stören. "Sonst", prophezeit er, "haben wir hier bald einen Krisenbezirk."

Fehlendes Verständnis Kritik an der Art der Sanierung wird auch von Seiten des Stadtsoziologen Bernd Hunger laut. Für seine Begriffe floss zuviel Geld in die Gestaltung des Wohnumfeldes: "Ich würde alles tun, damit sich die Leute ihre Loggien selbst gestalten, ihre Sandblumen wieder im Hof aussetzen - wie zu DDR-Zeiten auch." Er spricht von Aneignungsräumen, die Identifikation ermöglichen. Bernd Hunger ist der einzige Ostdeutsche unter den Spezialisten, die in der Platte planen: "Die Vorstadt ist für viele meiner Kollegen eine merkwürdige Randzone zwischen Innenstadt und Land. Oft fehlt es an Verständnis für das Funktionieren dieses speziellen Typus von Stadt."

Augenscheinlich wird das Unverständnis vieler Planer für die Platte in den neu entstehenden Gebietszentren in Hellersdorf und Marzahn. Der DDR-Städtebau hatte die Wohnhöfe nach innen orientiert. Hier lagen die Grünflächen, und auch die Grundversorgung in Form der Kaufhalle und der Kindertagesstätte fand in den Innenbereichen statt. Diese Subzentren erfüllten somit auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Die Straßen hingegen waren reine Asphaltschneisen und dienten lediglich der Erschließung der Blöcke.

Heute herrscht - auch ökonomisch bedingt - eine andere Auffassung von Stadtplanung. Neue Einkaufsmärkte entstehen an den großen Verkehrswegen oder in Kreuzungsbereichen. Alles, was nicht von der Straße aus wahrzunehmen ist, scheint minderwertig. Die intime Konzeption der Platte wird nach außen umgestülpt. Somit droht nicht nur die verkehrsfreie Nahversorgung sondern auch ein wichtiges Stück "Kiez-Kultur" verloren zu gehen.

In Ostdeutschland hat sich die extreme Unterversorgung an Verkaufsflächen binnen weniger Jahre in eine deutliche Überversorgung gewandelt. Dem letzten Stand nach haben die Ostberliner Bezirke die Westberliner an Handelsfläche pro Kopf bereits überholt. Ein Wert, der zeigt, welche Richtung der Wirtschaftsaufschwung in den Neuen Bundesländern eingeschlagen hat. Marzahn etwa war vor der Wiedervereinigung ein Produktionsstandort mit 40.000 Arbeitsplätzen. Zur Schlafstadt, wie sich die Platte heute darstellt, wurde es erst mit dem Ausverkauf der DDR-Industrie. Die wirtschaftlichen Segnungen des Westens beschränken sich auf den Konsum. Das Volk, dem jahrzehntelang vorenthalten wurde, was es im West-Fernsehen sah, ist ein dankbarer Kunde mit großem Aufholbedarf.

Auf das Leben in Marzahn angesprochen, gehen die Meinungen des Ehepaars Ludwig auseinander. Herr Ludwig, 64 Jahre, bis 1989 Oberst der Nationalen Volksarmee, heute Nachtpförtner am Robert Koch-Institut, fühlt sich wohl in der Platte: "Wenn ich aus der Stadt nach Marzahn zurückkomme, fällt die ganze Hektik von mir ab." Die Drei-Raum-Wohnung würde er allein schon wegen des herrlichen Balkons niemals aufgeben. Frau Ludwig, 58 und seit der Wiedervereinigung alljährlich um ihre staatlich geförderte Stelle bangend, könnte sich sehr wohl vorstellen, anderswo als im achten Stock des Elfgeschoßers zu wohnen: "Ich denke mir oft, das kann doch nicht mein Lebensabend sein, und träume von einem Häuschen im Grünen. Bei unserem Einkommen brauche ich diesen Traum aber nicht zu Ende träumen. Wir werden immer in Marzahn bleiben müssen."

Gemeinschaft ist out Einig sind sich beide darin, dass es nach 1990 schlechter geworden ist in der Platte. Sie erinnern sich an den Zusammenhalt der Hausgemeinschaft, an die gegenseitige Blumenpflege ebenso wie an Tanzabende und Nachbarschaftsfeste im Keller. "Heute", klagt Herr Ludwig, "ist sich jeder selbst der nächste, Gemeinschaftsdenken ist out. Der westliche Lebensrhythmus lässt uns auch nicht mehr soviel Zeit wie früher. So steht unser Keller jetzt leer und hin und wieder pinkelt jemand hinein."

Auch die Miete hat sich drastisch erhöht. Zu DDR-Zeiten noch eine Unwesentlichkeit, ist sie in den letzten Jahren zum größten Posten im Haushaltsbudget geworden. Auch wenn der Wohnblock der Ludwigs noch vor der Sanierung steht. Mit der fortschreitenden Angleichung an die Mietpreise im Westen wird selbst Wohnen in Marzahn für manche schwer erschwinglich. Eines bereitet dem Ehepaar aber nach wie vor ungetrübte Freude. Von der Loggia ihrer Wohnung im achten Stock sehen sie mühelos über die benachbarten Plattenbauten auf den freien Himmel. "Wenn wir manchmal auf unserem Balkon stehen und von Westen her die Wolken über unsere Köpfe jagen, ist es fast so, als ob wir fliegen würden."

Der Autor ist Raumplaner, Filmemacher und Fachpublizist in Wien.

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