Träumer sterben einsam

Die Bregenzer Festspiele im Zeichen von Außenseitern: "La Bohème" am See, "Of Mice and Men" im Festspielhaus.

Traumwelten" ist diesmal die dramaturgische Klammer, die die beiden großen Opernproduktionen der Bregenzer Festspiele zusammenhält: "Lebensträume" im berührenden Drama um zwei Außenseiter der amerikanischen Gesellschaft in der österreichischen Erstaufführung von Carlisle Floyds "Of Mice and Men" im Festspielhaus, "Künstlerträume" in Giacomo Puccinis zeitgeistig getrimmter, spektakulärer "La Bohème" auf der Seebühne. In beiden Fällen stirbt der Protagonist einen einsamen Tod - das Publikum leidet und jubelt mit.

Instinktsicher hat Intendant Alfred Wopmann als Opernrarität im Haus mit der 1967 entstandenen Oper "Of Mice and Men" ein Werk des zeitgenössischen amerikanischen Komponisten Carlisle Floyd (bekannt durch seine Oper "Susannah") nach Europa gebracht, das drüben längst den Rang einer Volksoper besitzt. Das Werk nach der Romanvorlage von John Steinbecks "Von Menschen und Mäusen" thematisiert den typischen "American Dream" von der eigenen Farm aus den dreißiger Jahren.

Trotz aktueller Bezüge fühlt man sich bei der Umsetzung doch über weite Strecken in einen spannenden Breitwand-Hollywood-Western aus den Sechzigern zurückversetzt. So nostalgisch lässt sich dieses 1930 entstandene Sozialdrama um eine besondere Männerfreundschaft zwischen dem geistig leicht behinderten Lennie und seinem Freund und Betreuer George auch auf der Opernbühne an. Lennie liebt Weiches, Kuscheliges, meuchelt mit seinen unkontrollierten Kräften zunächst eine Maus, später die Frau des Farmers - ohne es zu wollen. Bevor die Lynchjustiz seiner habhaft werden kann, gibt George seinem Freund den einsamen "Gnadentod". Ihre romantischen Hoffnungen sind an der Brutalität der sie umgebenden Gesellschaft gescheitert.

Den Eindruck, dass man sich eher im Kino als auf der Opernbühne fühlt, verstärken die erdigen, tristen Bühnenbilder von Richard Hudson und vor allem die Musik von Carlisle Floyd. Der gepflegte 75-Jährige, der sich in Bregenz persönlich bejubeln ließ, schreibt eine tonale, genauer: polytonale Filmmusik, die höchst illustrativ, blendend instrumentiert und leitmotivisch das Bühnengeschehen untermalt. Sie besitzt die rhythmische Stringenz eines Strawinsky und den Farbenreichtum Debussys - die wirklich zündenden Einfälle aus der Tradition etwa eines Copland oder Bernstein freilich sucht man vergebens. Die Wiener Symphoniker spielen brillant wie ein amerikanisches Opernorchester, am Pult steht Patrick Summers, Chef der Houston Opera, die diese Produktion ebenso wie Placido Domingos Washington Opera in der kommenden Saison übernehmen wird.

Dass die Story zum Ereignis wird, unter die Haut geht, verdankt man vor allem der realistischen, sensiblen und ungemein dichten Personenführung durch die Italo-Amerikanerin Francesca Zambello. Und einer blendenden Besetzung, aus der der "behinderte" Lennie von Antony Dean Griffin als eine Art Naturereignis herausragt, neben dem vollmundigen Bariton von Gordon Hawkins als George, der stimmlich und körperlich wendigen einzigen Frau, Nancy Allen Lundy, den charakterlich fein abgestimmten weiteren Rollen sowie den stimmgewaltigen Herren des Moskauer Kammerchores.

Stand bei dieser Hausoper eher das Gefühl im Vordergrund, ohne dass das Geschehen je in Sentimentalität abgeglitten wäre, so dominieren auf der Seebühne heuer jugendlicher Drive, Coolness, Lässigkeit - und das in einer Oper wie Puccinis "La Bohème", die doch seit jeher als Rührstück ersten Grades gilt. Dafür sorgen die beiden britischen Theatermacher Richard Jones und Antony McDonald, die bereits in den Vorjahren in Bregenz einen international vielbeachteten Verdi-"Maskenball" betreuten. Als Regisseure und Ausstatter in einem stellten sie diesmal eine revolutionierend neue Sichtweise dieser Oper zur Diskussion, die sehr viele eingefahrene Konventionen aus den vergangenen Jahrzehnten in den Opernhäusern dieser Welt über Bord wirft.

Man fühlt sich heuer auf der Seebühne munter in die Welt von "Gullivers Reisen" oder "Alice im Wunderland" versetzt. Überdimensionale, aus dem Wasser ragende Stühle und Tische als Spielflächen stellen das Pariser Café Momus dar, ein 27 Meter hoher Ansichtskartenständer dreht sich und zeigt bei jedem Akt die entsprechenden Bilder, riesige Streichhölzer werden in penibler Choreografie zu Buchstaben und Wörtern gelegt oder im dritten Akt als Fackeln angezündet - die künstlerische Überhöhung war schon immer ein besonderes Merkmal der vielgelobten "Bregenzer Dramaturgie" und ist auch ein Stilmittel der beiden britischen Theaterzauberer.

Klar, dass unter solchen Umständen nicht so sehr die zarte, tragische Liebesbeziehung zwischen Rodolfo und Mimi oder das Schicksal der Bohemiens zum eigentlichen Mittelpunkt des Geschehens werden, sondern die einzige Massenszene. Der Weihnachtsmarkt im zweiten Akt gerät zur Schicki-Micki-Party, zum Spiegelbild unserer Spaßgesellschaft mit twistenden Boys und Girls in Glitzerkleidchen, mit Tannenbäumchen in französischen Nationalfarben, minutiös in Marsch gesetzten Crêpes-Bäckern, Kellnern und Straßenkehrern. Musetta wird zum Pin-up-Girl mit Gesangsambitionen, verbannt ihren Liebhaber auf einen Riesen-Kugelschreiber aus dem Sexshop - das Café Momus als turbulentes Szene-Café, faszinierend in seiner grellen Vielfalt.

Die Entschlackung einer Traditionsoper setzt sich aber auch im (unsichtbaren) Orchestergraben fort. Ulf Schirmer, versierter Seedirigent der letzten Jahre, setzt auf Tempo und eliminiert schonungslos manch alteingesessene Rubati, die blendend disponierten Wiener Symphoniker, der Moskauer Kammerchor und das nur über Monitore und Lautsprecher geleitete Ensemble folgen ihm willig.

Daneben wird durch geschickt eingesetzte mobile Versatzstücke und eine fantastische Lichtregie (Wolfgang Göbbel) versucht, auch die vielen intimeren Szenen dieser Oper "rüberzubringen". Manches gelingt, wie der frostige dritte Akt, anderes freilich muss bei solchen Dimensionen vor 6.800 Zusehern einfach scheitern, auch wenn sich das junge internationale Ensemble voller Engagement und Begeisterung noch so sportiv wie stimmlich präsent um Erfolg müht: die Griechin Alexia Voulgaridou als Mimi, der Mexikaner Rolando Villazon als Rodolfo, die Albanerin Erla Kollaku als Musetta oder der einzige Österreicher, der Bariton Georg Nigl als Schaunard.

Echte Betroffenheit kommt erst auf, als Mimi, von ihren Freunden alleingelassen, auf der in blaues Licht getauchten Riesenfläche einen einsamen Bühnentod stirbt, währenddessen auf einer anderen Ebene munter weitergetanzt wird - zerplatzte Sehnsüchte und gefrierende Gefühle an einem kalten Premierenabend.

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