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Trainingslager für Empathie

1945 1960 1980 2000 2020

Das Wiener Architekturbüro gaupenraub +/- plant nicht nur tolle Bauten, sondern engagiert sich sehr für die Vinzenzgemeinschaften. Ein Gespräch über Obdachlosigkeit als Auftrag für Architektur.

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Das Wiener Architekturbüro gaupenraub +/- plant nicht nur tolle Bauten, sondern engagiert sich sehr für die Vinzenzgemeinschaften. Ein Gespräch über Obdachlosigkeit als Auftrag für Architektur.

Das Wiener Architekturbüro gaupenraub +/- (Alexander Hagner und Ulrike Schartner) realisiert Projekte wie das schöne Eier museum für Wander Bertoni in Winden am See, engagiert sich aber auch für die Vinzenzgemeinschaften. Sie planten 2004 eine Notschlafstelle, 2010 eine Wohngemeinschaft, 2013 das vielfach international preisgekrönte Pilotprojekt VinziRast-mittendrin, 2016 die VinziRast-HOME und Ende 2018 wurde das VinziDorf Wien fertig.

DIE FURCHE: 1999 haben Sie und Ulrike Schartner das Büro gaupenraub +/- gegründet. Wie ist der Name zu verstehen?

Alexander Hagner: Das +/- ist dem Wunsch nach einem offenen System geschuldet. Es sollte ein Pseudonym sein, unter dem sich viele finden können. Wir studierten beide bei Wolf D. Prix von COOP HIMMELB(L)AU. Zur Zeit der Namensfindung hatten wir einen Dachbodenausbau. Zugunsten einer komplexeren Raumlösung wollten wir das Satteldach mit den Gaupen abräumen. Da meinte die Bauherrin: "Ihr könnt uns doch nicht unsere Gaupen rauben." Das Projekt haben wir verloren, der Name ist geblieben. Als Bauherrenfilter funktioniert er ganz gut. Leuten, die Gaupen mögen, sind wir suspekt.

DIE FURCHE: Wie kam es zu Ihrem Engagement für die Vinzenzgemeinschaften?

Hagner: Ich komme vom Land und wurde erstmals in Wien mit Obdachlosigkeit konfrontiert. Mich hat das sehr betroffen gemacht. Als Student gab ich noch ein paar Schillinge her, aber ich hatte das Gefühl, es nutzt gar nichts. Die einzige Möglichkeit, dieser Ohnmacht zu entkommen, war, die Hilfe in die Zukunft zu verschieben, später als vermögender Architekt Bedürftigen ein Obdach zu schaffen.

DIE FURCHE: Sie haben also den Begriff Obdachlosigkeit als Arbeitsauftrag für einen Architekten verstanden?

Hagner: Mein Vater war als Bürgermeister einer Kleinstadt ein Macher, meine Mutter war sehr sozial engagiert - sie war Hebamme. Ich hatte immer einen sozialen Blick. 2002 las ich, dass Pfarrer Pucher in Wien ein VinziDorf eröffnen will. Ich habe dann die Ulrike angerufen, die damals in Schweden war, ob sie einverstanden ist, wenn ich unter unserem Büronamen meine Leistung als Architekt für das VinziDorf anbiete. Pfarrer Pucher meinte, er könne alle brauchen. So ging es los. Kurz darauf stellte er die VinziDorf-Idee in der Pfarre St. Stephan vor. Deshalb heißt der Verein jetzt Vinzenzgemeinschaft St. Stephan. Cecily Corti war auch dabei und stellte sich sofort als Vereinsobfrau zur Verfügung.

DIE FURCHE: Wie ging es dann weiter?

Hagner: 2003 haben wir von der Pfarre Aspern ein Grundstück angeboten bekommen mit einer verwaisten Holzkirche. Wir beplanten das Areal und wollten es mit dem Kirchenbeirat noch akkordieren. Das drang zu den Anrainern durch und die haben innerhalb von zwei Wochen über tausend Unterschriften samt Kirchenaustrittsdrohungen gesammelt, falls das Obdachlosenprojekt käme. So etwas mobilisiert Gegenwind sondergleichen. In Summe haben wir auf sieben Grundstücken in sieben Jahren etwa sieben Planungen für ein VinziDorf gemacht, bis wir bei dem jetzigen landeten. Aber in der Zeit dazwischen gab es immer wieder Menschen, die etwas tun wollten. So sind all die anderen Wiener Vinzi-Unternehmungen entstanden, weil dieses eine VinziDorf seinen Platz nicht fand.

DIE FURCHE: Wie können Sie sich Ihr soziales Engagement als Architekten leisten?

Hagner: Das ist möglich, weil wir keine Wettbewerbe machen. Die meisten Büros, die wir kennen, arbeiten irgendwie unentgeltlich. Die einen, indem sie Wettbewerbe machen und nicht gewinnen, die anderen, indem sie Projekte erfinden, die nicht realisiert werden. Letzteres tun wir zum Teil auch, aber durch das Wettbewerbswesen kommen viele gar nicht erst so weit, sich eigene Themen zu suchen. Da setzt unsere Kritik an. Wir haben studiert und erprobt, wie Raum wirkt und wie man ihn bearbeiten kann. Aber alle warten, dass jemand einen Wettbewerb ausschreibt, anstatt selbst etwas zu entdecken und zu überlegen, was man verbessern könnte, und dazu ein Projekt zu entwickeln. Damit muss man natürlich dann hausieren gehen, aber vielleicht findet man Unterstützer. Wir dachten: Wenn wir auch was herschenken wollen von unserer Kernkompetenz, dann an Menschen, die sich das nicht leisten können, aber Architektur dringend brauchen.

DIE FURCHE: Was motiviert Sie?

Hagner: Ich habe noch nie die Wirksamkeit unserer Branche so wahrgenommen, wie wenn du für Menschen arbeitest, die kein Dach über dem Kopf haben. Was da an Reflexion kommt, ist unvorstellbar. Mein größtes berufliches Erfolgserlebnis resultiert gerade aus dieser einen Nacht 2004, als wir das Notquartier eröffnet haben und ich irgendwann fix und fertig heim geradelt bin und mit allen Fasern meines Körpers realisierte: Aufgrund unserer Arbeit schlafen ab heute Nacht fünfzig Menschen weniger auf der Straße. Das ist ein Gefühl, das kann dir keiner zahlen. Das ist auch ein Honorar. Und zwar eines, von dem du über Jahre zehrst.

DIE FURCHE: Was unterscheidet Bauen für Bedürftige von "normalen" Bauaufgaben?

Hagner: Mangel kann man nicht mit Mangel beantworten. Wir wollen ja, dass auch die Nachbarn die Einrichtung akzeptieren. Von der Architektur her sind diese Projekte gleich, der Unterschied ist nur: Der Kampf dafür ist viel größer und die Bedürfnislage der Betroffenen wesentlich komplexer. Wenn ich einen Büroumbau etwas besser oder schlechter mache, arbeiten die Menschen darin vielleicht 0,37 Prozent effektiver oder 0,8 Prozent weniger effektiv. Wenn ich aber ein Projekt, in dem Menschen mit hohem Konfliktpotential wohnen, etwas besser oder schlechter mache, könnte das so eskalieren, dass man zusperren muss. Da übernimmt dann der Fonds Soziales Wien. Dort sind die Menschen Klienten, bei uns sind sie Bewohner oder Gäste. Die Haltung ist anders. Wenn wir wirksam sein wollen, müssen wir Augenhöhe herstellen. Sonst ist es diese Dynamik vom Geben und Nehmen, in der niemand Zutrauen fassen kann.

DIE FURCHE: Kann Architektur Verhalten beeinflussen?

Hagner: Wir Gestalter haben Werkzeuge, um proaktiv Orte zu schaffen, die als Trainingslager für Empathie funktionieren. Wenn wir diese Fähigkeit verlieren, ist unsere städtische Gesellschaft nicht zukunftsfähig. Es geht darum, Soziabilität zu provozieren. Ob man eine Sitzbank mit einer konvexen oder konkaven Vorderkante gestaltet, hat einen Einfluss darauf, ob Menschen tendenziell mehr einander zugewandt darauf sitzen oder nicht.

DIE FURCHE: Was haben Sie aus dieser Erfahrung gelernt?

Hagner: Ich habe den obdachlosen Menschen mit der Partizipation -dass sie an der VinziRast-mittendrin mitbauen -etwas zugetraut. Sie waren zwar nicht schnell, dafür aber extrem zuverlässig. Ich erinnere mich an den "Ingenieur". Er hieß Christoph und ist während der Bauphase gestorben. Aber er hat die letzten Wochen seines Lebens Verantwortung empfunden und gespürt, dass er wichtig ist. Davor war er Bittsteller und für manche "Abschaum". Für mich war das sinnstiftend wie nur wenig in unserem Job.

DIE FURCHE: Seit 2016 sind Sie Stiftungsprofessor für Soziales Bauen an der FH Kärnten. Was kann man sich unter Sozialem Bauen vorstellen?

Hagner: Es gab keine Stellenausschreibung mit meinem Schwerpunkt. Ich habe in Eigeninitiative diese Stiftungsprofessur erfunden, die Haselsteiner-Familienstiftung finanziert sie zur Hälfte. Ich denke, dass Bauen per se sozial ist. Niemand baut, um etwas zu verschlechtern. Ich baue mit meinen Studierenden. Derzeit revitalisieren wir ein Areal in Klagenfurt-Waidmannsdorf. Meine Studierenden wollen dort eine Textil-und Holzwerkstatt, Kinderbetreuung und ein Sprachcafé einrichten. Zwei Vereine -vobis und DER.RAUM - werden dieses künftige Gemeinschaftszentrum betreiben. Derzeit suche ich noch Sponsoren für Baumaterial, damit wir die Entwürfe realisieren können.

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