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Feuilleton

Transsib in vollen Zügen

1945 1960 1980 2000 2020

100 Jahre Transsibirische Eisenbahn: 9288 Kilometer, acht Zeitzonen, 400 Bahnhöfe -doch der Waggonalltag dampft selbst die längste Eisenbahnstrecke der Welt auf menschliche Dimensionen ein.

1945 1960 1980 2000 2020

100 Jahre Transsibirische Eisenbahn: 9288 Kilometer, acht Zeitzonen, 400 Bahnhöfe -doch der Waggonalltag dampft selbst die längste Eisenbahnstrecke der Welt auf menschliche Dimensionen ein.

Dostojewski hatte keine Chance. Während die Zugräder einen Kilometer nach dem anderen stur Richtung Osten rollten, schlug mein Lesezeichen nach wenigen Seiten Wurzeln und Dostojewksis Wälzer blieben ungelesen. Wen interessierte schon das Schicksal der Karamasows, Raskolnikows oder Myschkins, wenn das eigene Wohlergehen gerade von der Sympathie eines Prowodniks abhing, der als Schaffner den Waggon mit eiserner Hand und Gunsterweisen regierte? Und wer wollte Romanhelden begegnen, wenn Katerinas, Pjotrs, Natáljas, Nikolajys und Sonetschkas im Abteil, im Speisewagen oder in den Stationen persönlich anzutreffen waren? Niemand. Die Transsibirische Eisenbahn ist Legende genug, Russland auf zwei Schienen, stählerne Lebensader für Russlands Wirtschaft und Kunst des Müßiggangs, ein Viertel des Erdumfangs lang.

Verschlafen hatte auch die russische Führung im 19. Jahrhundert die verkehrstechnischen Zeichen der Zeit. In England und Kontinentaleuropa waren dampfbetriebene Eisenbahnen seit Jahrzehnten gang und gäbe; in den USA wurde 1869 die erste transkontinentale Verbindung zwischen der Ostund der Westküste eröffnet. 5319 Kilometer betrug die Strecke von New York nach San Francisco. Knapp doppelt so lang musste aber der Schienenstrang werden, um die russische Hauptstadt mit Wladiwostok an der östlichsten Grenze des Riesenreichs am japanischen Meer zu verbinden. Erst 1891 gab Zar Alexander III. den Auftrag für die "Große Sibirische Eisenbahn" mit den für einen absoluten Herrscher recht selbstkritischen Worten: "Es ist Zeit, allerhöchste Zeit!"

Per Erlass anderes Datum

25 Jahre später, am 18. Oktober 1916, wurde die transkontinentale Bahntrasse mit der Einweihung der Brücke über den Amur bei Chabarowsk endgültig fertiggestellt. Benannt hat man die Brücke nach dem zwölfjährigen Zarewitsch Alexei, Enkel von Alexander III. und letzter Zarewitsch in einer langen Reihe. "Zar" Wladimir Putin aber ignorierte dieses geschichtliche Faktum, griff persönlich in einen Historikerstreit ein und ließ per Erlass den Hunderter der Transsibirischen Eisenbahn bereits im Oktober vor 15 Jahren begehen -wie andere aktuelle Zeitläufte gerade zeigen, tauchen unterschiedliche Geschichtsauffassungen mit dem russischen Präsidenten leider regelmäßig auf. Der Transsib-Geburtstag gehört dabei sicherlich zu den harmlosen Meinungsverschiedenheiten.

Zur Zeit meiner Transsib-Reise war Putin aber gerade erst dem KGB entwachsen und Vizebürgermeister von Leningrad geworden. Ein schon damals von Krankheitsgerüchten und Korruptionsvorwürfen umwehter Boris Jelzin regierte im Sommer 1993 als erster russischer Präsident, und die Geburtswehen des neuen Russlands waren auch im Transsib-Zug "Rossija" deutlich zu spüren. Vor der Abfahrt boten Frauen am Jaroslawler Bahnhof Wodka und Schnittblumen an, den Schnaps flüsternd und in Taschen eingepackt, die Sträuße selbstbewusst vor die Nase haltend. Die einsteigenden Russen kauften Blumen, die Touristen entschieden sich für den Wodka.

Mit Spirituosen startete auch unser Waggon-Prowodnik seine Verkaufstour durch die Abteile. Anstecknadeln, Medaillen, Uniformmützen und -Mäntel für Sommer wie Winter, Messer in jeder Größe und Ausführung und andere UdSSR-Souvenirs haben sein Sortiment in den folgenden Reisetagen immer mehr erweitert. Als einmal ein Mitreisender zum Spaß das massive sowjetische Hammer-und Sichel-Emblem von der Waggon-Fassade bestellte, schluckte der Schaffner - am nächsten Tag lag aber auch dieses Requisit einer sich gerade auflösenden Zeit in einer Decke eingewickelt auf dem zum Basar umfunktionierten Abteiltisch.

"Um die Welt zu ändern, sie neu zu gestalten, müssen zuvor die Menschen sich selbst umstellen", soll Dostojekwski gesagt haben. Der Dichter hat das sicher anders, edler, reiner gemeint. Aber wer wollte den verwaisten Sowjet-Bürgern in dieser Zeit einen Vorwurf machen? Die mussten sich auch umstellen und auf den sich in rasender Geschwindigkeit völlig anders werdenden Staat einstellen. Wie viele und wie vieles ist dabei nicht nur sprichwörtlich unter die Räder gekommen?

Zweitlängste Baustelle der Welt

Das gilt gleichermaßen für das Jahrhundertprojekt Transsibirische Eisenbahn. Der Bau-Ukas von Zar Alexander, die Zugverbindung "schnell und kostengünstig zu bauen", machte diese nach der Chinesischen Mauer zweitlängste Baustelle der Welt zu einem schwarzen Loch für wirtschaftliche, organisatorische und vor allem menschliche wie moralische Verluste. Die Verbannung nach Sibirien, seit Jahrhunderten fixer Bestandteil russischer Machtpolitik, bekam einen weiteren wirtschaftlichen Nutzen. Für das Transsib-Komitee waren die Strafkolonisten, Zuchthäusler, politischen Gefangenen und nichtkriminellen Deportierten sowie ihr Familiengefolge ein ergiebiges Reservoir für Arbeitskräfte. Den nichtkriminellen Zwangsarbeitern wurde ihre Strafe für jedes Arbeitsjahr um zwei Jahre verkürzt. Die in die "Katorga" verbannten Häftlinge bekamen für acht Monate Transsib-Bau ein Jahr Straferlass und während der Arbeit die Ketten abgenommen.

Ein Privileg, das Dostojewski während seiner Verbannung nach Sibirien in den 1850er-Jahren nicht gewährt wurde. "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", der Titel jener Erzählung, in der er seine Verbannungsjahre verarbeitete, ließe sich aber auch auf die Transsib-Baustelle und die dortigen Verluste an Menschenleben übertragen: Arbeitsunfälle, Seuchen, Hitze, Kälte, von Natur und Menschen verursachte Katastrophen - Zehntausende ließen ihr Leben für die "Heldentat des Volkes", einen Schienenstrang in die sibirische Taiga zu schrauben.

9288 Kilometer lang ist die längste Eisenbahnstrecke der Welt seit dem Endausbau; sie durchmisst acht Zeitzonen, fährt durch 89 Städte und an mehr als 400 Bahnhöfen vorbei und überquert 16 große Flüsse. Besonders die Brückenkonstruktionen verlangten nach Spezialisten und lockten Hundertschaften an italienischen Steinmetzen und Nietenschlägern in den Bautross. Mit Türken, Persern, Koreanern und chinesischen Kulis formten sie (ganz im Sinne der ein Jahr nach Bauende an die Macht kommenden russischen Kommunisten) eine erste Arbeiter-Internationale.

Internationale Reisende

Eine Internationale bilden auch diejenigen, die seit hundert Jahren auf diesem Schienenstrang reisen. Sowohl was deren Herkunft als auch ihre Erwartungen an die Transsib-Fahrt betrifft. In ein Vierbettabteil passt da mitunter schon ein großer Teil der großen Welt. Angefangen von einer russischen Technik-Dozentin, die ihre Familie im Ural besucht, bis zum chinesischen Gastarbeiter-Koch in Moskau auf der Heimreise, bis hin zum italienischen Globetrotter, der schon überall war und immer noch nicht genug von der Weite hat. Unnötig zu erwähnen, dass auch er bei der Lektüre von "I fratelli Karamazov" nicht wirklich Fortschritte machte. Wie auch, wenn schon wieder unser Prowodnik in der Tür stand.

Der neben seinen Devotionalien auch noch ein für den Reisekomfort unerlässliches Utensil im Angebot hatte: einen Schraubenschlüssel, mit dem man einen Brausekopf an die Waschbeckenarmatur im Zugklo anschließen konnte. Stöpsel aus dem Boden gezogen, fertig war die Dusche -spasiba harascho! Auch wenn sonst alles im Waggon käuflich war, diesen Schlüssel gab es nur kostenlos: aus Freundschaft, als Geschenk, als Gnade oder aus unerklärlicher Gunst. Und so war es auch ohne Dostojewski möglich, einen Blick in die russische Seele zu werfen. Es heißt ja nicht umsonst, nirgendwo sei Russland russischer als in der Transsib, und war nicht auch der Dichter überzeugt: In Russland, gerade in Russland braucht jeder und jede einen guten Freund.

Dostojewski hatte keine Chance. Während die Zugräder einen Kilometer nach dem anderen stur Richtung Osten rollten, schlug mein Lesezeichen nach wenigen Seiten Wurzeln und Dostojewksis Wälzer blieben ungelesen. Wen interessierte schon das Schicksal der Karamasows, Raskolnikows oder Myschkins, wenn das eigene Wohlergehen gerade von der Sympathie eines Prowodniks abhing, der als Schaffner den Waggon mit eiserner Hand und Gunsterweisen regierte? Und wer wollte Romanhelden begegnen, wenn Katerinas, Pjotrs, Natáljas, Nikolajys und Sonetschkas im Abteil, im Speisewagen oder in den Stationen persönlich anzutreffen waren? Niemand. Die Transsibirische Eisenbahn ist Legende genug, Russland auf zwei Schienen, stählerne Lebensader für Russlands Wirtschaft und Kunst des Müßiggangs, ein Viertel des Erdumfangs lang.

Verschlafen hatte auch die russische Führung im 19. Jahrhundert die verkehrstechnischen Zeichen der Zeit. In England und Kontinentaleuropa waren dampfbetriebene Eisenbahnen seit Jahrzehnten gang und gäbe; in den USA wurde 1869 die erste transkontinentale Verbindung zwischen der Ostund der Westküste eröffnet. 5319 Kilometer betrug die Strecke von New York nach San Francisco. Knapp doppelt so lang musste aber der Schienenstrang werden, um die russische Hauptstadt mit Wladiwostok an der östlichsten Grenze des Riesenreichs am japanischen Meer zu verbinden. Erst 1891 gab Zar Alexander III. den Auftrag für die "Große Sibirische Eisenbahn" mit den für einen absoluten Herrscher recht selbstkritischen Worten: "Es ist Zeit, allerhöchste Zeit!"

Per Erlass anderes Datum

25 Jahre später, am 18. Oktober 1916, wurde die transkontinentale Bahntrasse mit der Einweihung der Brücke über den Amur bei Chabarowsk endgültig fertiggestellt. Benannt hat man die Brücke nach dem zwölfjährigen Zarewitsch Alexei, Enkel von Alexander III. und letzter Zarewitsch in einer langen Reihe. "Zar" Wladimir Putin aber ignorierte dieses geschichtliche Faktum, griff persönlich in einen Historikerstreit ein und ließ per Erlass den Hunderter der Transsibirischen Eisenbahn bereits im Oktober vor 15 Jahren begehen -wie andere aktuelle Zeitläufte gerade zeigen, tauchen unterschiedliche Geschichtsauffassungen mit dem russischen Präsidenten leider regelmäßig auf. Der Transsib-Geburtstag gehört dabei sicherlich zu den harmlosen Meinungsverschiedenheiten.

Zur Zeit meiner Transsib-Reise war Putin aber gerade erst dem KGB entwachsen und Vizebürgermeister von Leningrad geworden. Ein schon damals von Krankheitsgerüchten und Korruptionsvorwürfen umwehter Boris Jelzin regierte im Sommer 1993 als erster russischer Präsident, und die Geburtswehen des neuen Russlands waren auch im Transsib-Zug "Rossija" deutlich zu spüren. Vor der Abfahrt boten Frauen am Jaroslawler Bahnhof Wodka und Schnittblumen an, den Schnaps flüsternd und in Taschen eingepackt, die Sträuße selbstbewusst vor die Nase haltend. Die einsteigenden Russen kauften Blumen, die Touristen entschieden sich für den Wodka.

Mit Spirituosen startete auch unser Waggon-Prowodnik seine Verkaufstour durch die Abteile. Anstecknadeln, Medaillen, Uniformmützen und -Mäntel für Sommer wie Winter, Messer in jeder Größe und Ausführung und andere UdSSR-Souvenirs haben sein Sortiment in den folgenden Reisetagen immer mehr erweitert. Als einmal ein Mitreisender zum Spaß das massive sowjetische Hammer-und Sichel-Emblem von der Waggon-Fassade bestellte, schluckte der Schaffner - am nächsten Tag lag aber auch dieses Requisit einer sich gerade auflösenden Zeit in einer Decke eingewickelt auf dem zum Basar umfunktionierten Abteiltisch.

"Um die Welt zu ändern, sie neu zu gestalten, müssen zuvor die Menschen sich selbst umstellen", soll Dostojekwski gesagt haben. Der Dichter hat das sicher anders, edler, reiner gemeint. Aber wer wollte den verwaisten Sowjet-Bürgern in dieser Zeit einen Vorwurf machen? Die mussten sich auch umstellen und auf den sich in rasender Geschwindigkeit völlig anders werdenden Staat einstellen. Wie viele und wie vieles ist dabei nicht nur sprichwörtlich unter die Räder gekommen?

Zweitlängste Baustelle der Welt

Das gilt gleichermaßen für das Jahrhundertprojekt Transsibirische Eisenbahn. Der Bau-Ukas von Zar Alexander, die Zugverbindung "schnell und kostengünstig zu bauen", machte diese nach der Chinesischen Mauer zweitlängste Baustelle der Welt zu einem schwarzen Loch für wirtschaftliche, organisatorische und vor allem menschliche wie moralische Verluste. Die Verbannung nach Sibirien, seit Jahrhunderten fixer Bestandteil russischer Machtpolitik, bekam einen weiteren wirtschaftlichen Nutzen. Für das Transsib-Komitee waren die Strafkolonisten, Zuchthäusler, politischen Gefangenen und nichtkriminellen Deportierten sowie ihr Familiengefolge ein ergiebiges Reservoir für Arbeitskräfte. Den nichtkriminellen Zwangsarbeitern wurde ihre Strafe für jedes Arbeitsjahr um zwei Jahre verkürzt. Die in die "Katorga" verbannten Häftlinge bekamen für acht Monate Transsib-Bau ein Jahr Straferlass und während der Arbeit die Ketten abgenommen.

Ein Privileg, das Dostojewski während seiner Verbannung nach Sibirien in den 1850er-Jahren nicht gewährt wurde. "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", der Titel jener Erzählung, in der er seine Verbannungsjahre verarbeitete, ließe sich aber auch auf die Transsib-Baustelle und die dortigen Verluste an Menschenleben übertragen: Arbeitsunfälle, Seuchen, Hitze, Kälte, von Natur und Menschen verursachte Katastrophen - Zehntausende ließen ihr Leben für die "Heldentat des Volkes", einen Schienenstrang in die sibirische Taiga zu schrauben.

9288 Kilometer lang ist die längste Eisenbahnstrecke der Welt seit dem Endausbau; sie durchmisst acht Zeitzonen, fährt durch 89 Städte und an mehr als 400 Bahnhöfen vorbei und überquert 16 große Flüsse. Besonders die Brückenkonstruktionen verlangten nach Spezialisten und lockten Hundertschaften an italienischen Steinmetzen und Nietenschlägern in den Bautross. Mit Türken, Persern, Koreanern und chinesischen Kulis formten sie (ganz im Sinne der ein Jahr nach Bauende an die Macht kommenden russischen Kommunisten) eine erste Arbeiter-Internationale.

Internationale Reisende

Eine Internationale bilden auch diejenigen, die seit hundert Jahren auf diesem Schienenstrang reisen. Sowohl was deren Herkunft als auch ihre Erwartungen an die Transsib-Fahrt betrifft. In ein Vierbettabteil passt da mitunter schon ein großer Teil der großen Welt. Angefangen von einer russischen Technik-Dozentin, die ihre Familie im Ural besucht, bis zum chinesischen Gastarbeiter-Koch in Moskau auf der Heimreise, bis hin zum italienischen Globetrotter, der schon überall war und immer noch nicht genug von der Weite hat. Unnötig zu erwähnen, dass auch er bei der Lektüre von "I fratelli Karamazov" nicht wirklich Fortschritte machte. Wie auch, wenn schon wieder unser Prowodnik in der Tür stand.

Der neben seinen Devotionalien auch noch ein für den Reisekomfort unerlässliches Utensil im Angebot hatte: einen Schraubenschlüssel, mit dem man einen Brausekopf an die Waschbeckenarmatur im Zugklo anschließen konnte. Stöpsel aus dem Boden gezogen, fertig war die Dusche -spasiba harascho! Auch wenn sonst alles im Waggon käuflich war, diesen Schlüssel gab es nur kostenlos: aus Freundschaft, als Geschenk, als Gnade oder aus unerklärlicher Gunst. Und so war es auch ohne Dostojewski möglich, einen Blick in die russische Seele zu werfen. Es heißt ja nicht umsonst, nirgendwo sei Russland russischer als in der Transsib, und war nicht auch der Dichter überzeugt: In Russland, gerade in Russland braucht jeder und jede einen guten Freund.