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Trauermarsch in Salzburg

Die unerwarteten Querelen können auch eine Chance für Salzburgs Festspiellandschaft sein. Vor allem die Frage nach dem künstlerischen Profil des Osterfestivals harrt einer Antwort.

Salzburg ist in Turbulenzen geraten. Vergangenen Dezember wurde der Geschäftsführer der Osterfestspiele, Michael Dewitte, fristlos entlassen, am 22. Jänner 2010 der technische Direktor der Sommerfestspiele, Klaus Kretschmer. Mittlerweile liegen der Staatsanwaltschaft Salzburg mehrere Sachverhaltsdarstellungen vor. Die Vorwürfe: schwerer, gewerbsmäßiger Betrug und Untreue. Gegen wenigstens acht Personen wird, wie die Staatsanwaltschaft ungewohnt offen mitteilte, ermittelt. Zu welchen Ergebnissen man kommen wird, was von den Anschuldigungen übrig bleibt, welche Konsequenzen zu ziehen sein werden, darüber lässt sich gegenwärtig nur spekulieren.

Auch, wie sehr dadurch ein Schaden für Salzburgs Festspiellandschaft entstanden ist, ob künftig Publikum ausbleiben und es schwieriger werden wird, Sponsoren für Ostern und Sommer zu gewinnen. Einigkeit herrscht nur in Einem: Es soll so rasch und umfassend wie möglich aufgeklärt werden.

Längst durchforsten im Auftrag der beiden Festspiele Wirtschaftsprüfer die Bücher. Über Antrag der Grünen im Salzburger Landtag wird der Salzburger Rechnungshof eine Gebarungskontrolle der Osterfestspiele durchführen. Bei Verweigerung der Einschau wird das Land Salzburg seine Subventionen einstellen.

Drohung der Berliner Philharmoniker

Damit hat es auch begonnen: Mit den vorhandenen finanziellen Mitteln könne man die Osterfestspiele nicht mehr weiterführen, erklärten im Vorjahr die Berliner Philharmoniker und ihr Chefdirigent Sir Simon Rattle und drohten, ihr Festival zu verlegen. Baden-Baden war als Alternative im Gespräch. Dank der erwünschten Subventionserhöhung hatte schließlich Salzburg die Nase in dieser Auseinandersetzung vorn. Die geschäftsführende Vorsitzende des Kuratoriums der Osterfestspiele, Landeshauptfrau Gabi Burgstaller, wollte es genau wissen. Ein Finanzausschuss wurde eingesetzt. Erst als die vorerst mit Hinweis auf Datenschutz (!) verweigerten Verträge eingesehen werden konnten, ergaben sich Hinweise auf unerlaubte Provisionsauszahlungen und Zahlungen aus Nebenbeschäftigungen.

Seit Dewittes Entlassung führt der langjährige Anwalt der Berliner Philharmoniker, Peter Raue, der wesentlich am Aufdecken dieses Sachverhalts beteiligt war, interimistisch die Osterfestspiele. Die Sommerfestspiele sind auf der Suche nach einem neuen technischen Direktor und mit Vorwürfen konfrontiert, auch andere ihrer Mitarbeiter wären unerlaubt im Sold der Osterfestspiele. Die Steuerberaterin, die für beide Institutionen gearbeitet hat, ist von den Sommerfestspielen beurlaubt worden.

Der Prüfbericht der Osterfestspiele liegt bereits vor. Trotzdem sollte man bei den auf den ersten Blick erschreckenden Zahlen – nicht nachvollziehbare Reise- und Repräsentationszahlungen von rund 1,5 Millionen Euro, Beratungshonorare von zirka 690.000 Euro, offenbar steuerschonende Überweisungen in die Karibik – mit der gebotenen Vorsicht agieren, so lange die Betroffenen keine Gelegenheit hatten, sich zu verantworten. Offen bleibt die Frage der Kontrolle: Wurde überhaupt, und wenn ja, von wem und wie kontrolliert? Wie sehr zeigte die öffentliche Hand Interesse an einer umfassenden Information?

Entpolitisierung der Kuratorien überlegen

Kriminelle Energie lässt sich nicht ausschließen, betonte der kaufmännische Direktor der Sommerfestspiele, Gerbert Schwaighofer. Innerhalb von drei Tagen habe man alles aufgeklärt, ließ Interims-Geschäftsführer Peter Raue wissen. Rascher hätte man gar nicht Konsequenzen ziehen können, hob die Präsidentin der Sommerfestspiele, Helga Rabl-Stadler, hervor. Damit ist es nicht getan. Zum einen handelt es sich in einem wesentlichen Ausmaß um öffentliche Gelder, die hier im Spiel sind. Hier hat – nicht nur sprichwörtlich – jeder das Recht zu wissen, was mit seinem Geld geschieht. Zum anderen sollte man überlegen, wie sich Kontrolle effizienter gestalten lässt. Und in dem Zusammenhang, ob ein Kuratorium (oder Aufsichtsrat) auch künftig mit Politikern besetzt werden soll. Dass die Salzburger Landeshauptfrau auf Grund ihres Amtes dem Kuratorium der Oster- wie der Sommerfestspiele angehört, vermittelt weniger Informierten die Optik, es handle sich um ein- und dasselbe Festival. Eine solche auch von ihren Amtsvorgängern wahrgenommene Konstellation wirft zudem die Frage auf, wieviel Zeit und Energie man neben einem Fulltime-Job solchen Aufgaben tatsächlich widmen kann. So sehr das Interesse von Politikern für Kunst zu begrüßen ist, so sehr sollte man ernsthaft über eine Entflechtung beider Bereiche nachdenken.

Nachdenken muss man auch über die künftige Art der Kooperation zwischen den Oster- und Sommerfestspielen. Von ihrer Konstruktion und Geschichte her sind beide Institutionen verschieden: Die Sommerfestspiele, 1920 gegründet, basieren heute auf einem Bundesgesetz von 1950 und sind als Fonds organisiert, die Osterfestspiele hat Herbert von Karajan 1967 in der Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung gegründet. Heute stehen 98 Prozent im Eigentum der Stiftung Herbert von Karajan Osterfestspiele Salzburg, die restlichen zwei Prozent gehören jenem mittlerweile emeritierten Rechtsanwalt Christoph Aigner, dem sein Anwaltskollege Raue über die Medien ausrichten ließ, dass er in der Kontrolle versagt habe. Aigner haben die Osterfestspiele allerdings bis heute von seiner Schweigepflicht nicht entbunden. Das unterschiedliche „Innenleben“ der beiden am selben Ort verankerten Festspiele sollte freilich – weder was Projekte noch Personen anlangt – künftig Zusammenarbeit keineswegs ausschließen, höchste Qualität und unmissverständliche Regelungen jeweils vorausgesetzt.

Am 23. Februar wird der von den Sommerfestspielen angeforderte Prüfbericht vorliegen. Möglich, dass sich damit weitere Fragen auftun, vielleicht auch einiges beantwortet wird, was noch offen scheint. Das aber darf die wichtigste Diskussion nicht überdecken: Wie steht es um das künftige künstlerische Profil der Osterfestspiele? Sich mit dem Nachspielen von unterschiedlich qualitätvollen Produktionen anderer Festivals (selbst wenn man koproduziert) und konventionellen Konzertprogrammen zu begnügen, muss Vergangenheit sein. Sonst würde für die Osterfestspiele Realität, womit sie heuer am 27. März eröffnen: „Götterdämmerung“. Dann wären die Turbulenzen nur ein Vorspiel dazu gewesen. Und solches kann sich niemand wünschen.

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