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Trauma und Empathie

Die Juden und die Östereicher - und was die Kritik an Israel damit zu tun hat.

Man muss Juden nicht mögen. Wie man Adelige oder Österreicher nicht mögen muss. Kein Ressentiment freilich hat die Adeligen daran gehindert, nach ihrer politischen Entmachtung 1918 ein gut funktionierendes Netzwerk zu errichten, weiterhin Privilegien zu genießen, im diplomatischen Dienst der Republik Österreich, beispielsweise, überrepräsentiert zu sein. Kein Ressentiment von Nichtösterreichern gegen Österreicher kann mit denen eines Thomas Bernhard und anderer Österreicher gegen ihre eigenen Landsleute konkurrieren, erst recht nicht mit den Ressentiments der Österreicher gegen die "Piefkes". Die Ressentiments gegen die Juden aber hatten bekanntlich mörderische Folgen von historischem Ausmaß. Deshalb verbietet es sich nach dem Holocaust unter zivilisierten Menschen mit gutem Grund, antisemitische Ansichten und Emotionen auszusprechen.

Das ist zumindest in Deutschland Konsens. Dort hat man sich frühzeitig und anhaltend, oft auch schmerzvoll mit der eigenen Geschichte auseinander gesetzt. Wer an den alten, im Dritten Reich propagierten Überzeugungen festhielt, musste sie, wollte er seine Position retten, verheimlichen, eine gewandelte Identität vortäuschen. Nicht so in Österreich. Die kollektive Lebenslüge von Österreich als erstem Opfer des Nationalsozialismus und die damit verbundene Unschuldsbeteuerung ließen es zu, dass selbst Minister und Bundeskanzler der Zweiten Republik antisemitische Äußerungen produzierten, ohne dass das Folgen gehabt, sie gar ihre Stellung oder ihren guten Ruf gekostet hätte. Es war der langjährige Redakteur und Vordenker der Furche, Friedrich Heer, der die Wurzeln des Antisemitismus im österreichischen Katholizismus nachgewiesen hat. An der antisemitischen Unbefangenheit hat sich nach der üblichen Darstellung (erst) Ende der achtziger Jahre, mit der so genannten Waldheimaffäre, etwas geändert. Seither jedenfalls gilt es auch in Österreich als unfein, offen antisemitische Statements abzugeben.

Kritik an Israel ...

Das trifft nicht auf Ansichten über den Staat Israel zu. Selbst der prominenteste unter den Verteidigern der israelischen Politik in der deutschsprachigen Publizistik, selbst Henryk M. Broder hält ausdrücklich "Kritik an dem, was Israel macht [...], auch die ungerechte, die überzogene und die gemeine" Kritik für erlaubt. Weil man Kritik an Israel nicht rundweg verbieten kann, weil hingegen Antisemitismus, wie gesagt, mit guten Gründen tabuiert ist, bedienen sich viele Apologeten Israels, allen voran Broder, eines rhetorischen Tricks. Sie unterstellen den Kritikern Israels antisemitische Motive. Diese Unterstellung ist ebenso unbewiesen wie unwiderlegbar. Und sie wird auch gegenüber Juden vorgebracht, die sich gegenüber Israel so kritisch verhalten, wie es nach ihrem Ideal die Bevölkerung antisemitischer Länder gegenüber den Machthabern ihrer eigenen Heimat hätten sein sollen.

Diese Strategie der Denunziation von israelkritischen Juden (Broder nennt exemplarisch Erich Fried oder Noam Chomsky), die sich die infamen Schlagwörter "jüdischer Selbsthass" oder "jüdischer Antisemitismus" zu Nutzen macht, dient der Immunisierung Israels gegen Kritik derer, die ansonsten als unverdächtig erscheinen müssten, der Juden eben. Wenn selbst Juden Antisemiten sein können - wer, außer Broder und seine Geistesverwandten, wäre für die erlaubte Kritik zuständig?

... und wer sie äußern darf

Die Geschichte hat einen weiteren Haken. Henryk M. Broder sagt nämlich auch: "Als Jude werden Sie als exotisches Wesen auf Händen getragen, solange Sie Klezmer-Musik spielen, gefillte Fisch essen und sich ansonsten unauffällig benehmen. Sie sind erst dann nicht mehr willkommen, wenn Sie sich als Zionist zu erkennen geben." Das Gegenteil ist der Fall. Juden fernab in der Wüste sind Antisemiten allemal lieber als Juden im eigenen Land. Mag sein, gestehen diese Antisemiten, dass die Deutschen und die Österreicher gegenüber den Juden Schuld auf sich geladen haben. Gibt es eine bequemere Lösung als jene, die Palästinenser dafür zahlen zu lassen? Es ist die Logik, nach der Politiker einen militärischen Einsatz in einem Krisengebiet befürworten und für ihre Söhne eine Befreiung vom Militärdienst erwirken. Es ist die Logik, nach der Koalitionspartner Kompromisse eingehen, die ihnen Posten sichern, ihre Wähler aber verschaukeln. Es ist die Logik, nach der Verzicht und Einschränkungen abverlangt werden, während jene, die sie fordern, ihre Diäten erhöhen und ihre Privilegien erweitern. Die Rechnung bezahlen immer die anderen.

Nicht alle Juden, die keine Lust haben, nach Israel zu gehen, in ein ihnen fremdes und zudem kolonialistisches Land, spielen Klezmer und essen gefillte Fisch. Die meisten wollen in den Ländern, in denen sie aufgewachsen sind und deren Kultur sie internalisiert haben, behandelt werden wie andere Staatsbürger auch, weder auf Händen getragen, noch - meist unausgesprochenen - antisemitischen Vorurteilen ausgesetzt. Denn ausgesprochen werden sie, wir sagten es bereits, selten.

Wenn jedoch jemand den durchaus begründbaren Vorschlag, man möge alle Privatbesitzer von Kunstwerken enteignen, weil Kunst ihrem Wesen nach gesellschaftliches Eigentum sei, empört ablehnt, zugleich aber eine Rückgabe von geraubten oder erpressten Kunstwerken an Juden benörgelt - was wäre das, wenn nicht Antisemitismus? Wenn jemand es für richtig hält, dass Frauen als Entschädigung für die Jahrhunderte währende Benachteiligung bevorzugt werden, aber nichts dagegen einzuwenden hat, wenn Juden weiterhin diskriminiert werden - was, wenn nicht Antisemitismus, wäre das? Wenn jemand bei einer Gesetzesübertretung oder auch nur einer Kungelei von Juden sofort registriert, dass es sich bei den Tätern um Juden handelt, bei vergleichbaren Gesetzesverletzungen und Kungeleien von Nichtjuden aber niemals erwähnt, dass die Täter Katholiken, Protestanten oder Niederösterreicher sind - was bedeutete das, wenn nicht Antisemitismus?

Wenn sich Juden begegnen, die sich kaum kennen, die sich fallweise nie zuvor sahen, so kommt nach kurzer Zeit die Rede auf Verfolgung, Familiengeschichte, den Holocaust. Es ist kein akademisches Gespräch, das sich da entwickelt. Der existenzielle Schmerz zeichnet sich in den Gesichtern ab. Es ist erkennbar, dass die Betreffenden erleichtert sind, mit jemandem sprechen zu können, der ihnen gegenüber nicht von vornherein feindselig ist, der begreift, wovon sie reden. Das ist doch, genau besehen, erstaunlich. Das entspricht doch keiner Normalität.

Offenbar hat man die Halbwertszeit der Verletzungen unterschätzt, die der Nationalsozialismus bei seinen Opfern verursacht hat. Die Wahrheit ist: sie heilen nicht, sie erledigen sich nicht durch natürliches Aussterben. Noch die Kinder und die Enkel der Kriegsgeneration haben das Trauma ihrer Eltern und Großeltern geerbt.

Man möchte gerne annehmen, dass die meisten Nichtjuden keine Antisemiten sind - woran einem allerdings Zweifel kommen können, wenn man die anonymen Zuschriften zu einschlägigen Artikeln im Internet liest. Die bestärken eher den Verdacht, dass der Nationalsozialismus all die Jahrzehnte in den Köpfen unbeschadet überlebt hat, dass er nicht weniger ausdauernd ist als das Trauma der Opfer. Aber selbst jene, die frei scheinen von antisemitischen Ressentiments, sind offenbar kaum willens und jedenfalls nicht in der Lage, sich hineinzudenken und hineinzufühlen in einen Menschen, dessen Verwandte unter dem Beifall von Nachbarn deportiert, dann kaltblütig ermordet wurden, in einen Menschen, der die Jahrzehnte nach 1945 unter anderen Menschen lebte, die - wer wusste es schon? - zu den Mördern gehört hatten und keine Beanstandung fürchten mussten, in einen Menschen, der, und das gilt eben noch für die Kinder und Kindeskinder, bis in den Schlaf verfolgt wird von der Angst, umgebracht zu werden, vom Bewusstsein, dass seine pure Zugehörigkeit zu einem Kollektiv, zu dem der Juden eben, eine Gefährdung bedeutet. Kaltherzigkeit und Mangel an Fantasie und Einfühlungsvermögen gehen bruchlos in einander über und der direkte Hohn über "Selbstmitleid", die Verspottung des "Gutmenschentums" sind nur deren provokanter Ausdruck.

Juden: einsame Ängste

Dies ist nicht allein ein Problem der Juden. Marlon Brando hat auf die niederträchtige Weise hingewiesen, in der Hollywood die Mexikaner darstellt. Zweifellos versäumen es alle, die nicht davon betroffen sind, sich Gedanken zu machen, wie sich ein Latino, ein Farbiger, ein Indianer, ein Homosexueller fühlt, wenn er dem Bild begegnet, das die Medien von ihm entwerfen. Und die große Mehrheit der Juden zeichnet sich ihrerseits leider nicht durch ein besonderes Verständnis und Einfühlungsvermögen gegenüber dem Leiden der Palästinenser aus.

Aber in Mitteleuropa, in Österreich und Deutschland wurde der Völkermord an den Juden zum zentralen historischen Ereignis des 20. Jahrhunderts. Indianer sind hier vergleichsweise selten anzutreffen. Juden gibt es noch. Ein bisschen mehr Empathie dürfen sie erhoffen, aber realistischerweise kaum erwarten. Sie müssen sich an die Tatsache gewöhnen, dass sie recht einsam sind mit ihren Ängsten und den Verletzungen, die man ihnen zugefügt hat. Sie müssen es hinnehmen, dass die Situation von Hühnern in der Massenzucht das Vorstellungsvermögen der meisten Mitmenschen mehr beunruhigt als die Überlegung, wie man eigentlich damit fertig wird, dass die eigenen Eltern, die eigenen Geschwister ins Gas geschickt wurden. So ist halt die Welt. Besonders in Österreich.

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