Traurig & rabiat

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Der Peruaner Mario Vargas Llosa schrieb über George Grosz.

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Der Peruaner Mario Vargas Llosa schrieb über George Grosz.

Makaber, grotesk, fantastisch: George Grosz. Die Wege der Kunst sind verschlungen. Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa, geboren 1936, von dem sechs Bücher auf Deutsch erhältlich sind, fügt dieser Reihe ein kleines Meisterwerk hinzu: "Ein trauriger, rabiater Mann. Über George Grosz".

Vargas Llosa begegnete Werken des 1959 in Berlin verstorbenen Zeichners, Karikaturisten, Malers, Grafikers und Publizisten zuerst in Italien. Er suchte dann gezielt jene Museen Europas und der USA auf, in denen Bilder von Grosz hängen. In der Auseinandersetzung mit dem von den Nazis gehassten Künstler geht er einer grundlegenden Frage nach: Kann aus Hass große Kunst entstehen? Der brillante Essay des Peruaners gibt die Antwort: Ja.

Wenn dieser Georg Ehrenfried Grosz das Bissigste und Schwärzeste aus sich heraus ließ, apokalyptische Bilder malte von Mord und Vergewaltigung, höhnische Anklagen gegen das deutsche Bürgertum, aus dessen Unterschicht er stammte, dann war er am stärksten. Dann sprechen seine Bilder heute noch. Mit seinen Obsessionen erreicht er tiefe Schichten auch des heutigen Bewusstseins: "Dies mag jene demoralisieren, die glauben, dass Kunst aus guten Gefühlen und wahren Ideen entsteht. Eines der Wesensmerkmale der modernen Kunst ist gerade, dass das nicht der Fall ist. Im Unterschied zu den religiösen Kulturen der Vergangenheit, in denen eine die Gesellschaft vereinheitlichende Spiritualität herrschte, ein unteilbarer Konsens in Bezug auf die ethischen, künstlerischen und transzendenten Werte, ist die Kunst in der heutigen westlichen Gesellschaft, die in allem, was Moral, Religion, Kultur und Politik betrifft, gespalten und fragmentiert ist, dazu übergegangen, nicht die Regel, sondern nur die Ausnahme auszudrücken."

Vargas Llosa hat auch eine Antwort bereit, warum das Publikum die persönlichen Obsessionen und Träume eines Künstlers, die sich oft gegen die Gesellschaft richten, schätzt: "In diesen Welten der Kunst und Literatur - den Welten der Fiktion - finden andere Individuen bisweilen ihre eigenen geheimen Utopien formuliert, das Nahrungsmittel, um ihr innerstes Verlangen zu stillen oder zu erkennen."

Vargas Llosa zeichnet den Weg des aggressiven Künstlers nach. Das Bürgertum, dessen Spießigkeit und Engstirnigkeit er verhöhnte, riss ihm seine Werke aus der Hand. Grosz zeichnete und malte das Pandämonium Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg, als alles Überkommene aus den Fugen geriet. Die Abbildungen, die Vargas Llosa in seinen Essay aufnahm, sind hervorragend gedruckt und repräsentativ für die künstlerischen Mittel, mit denen Grosz seinen Hass ausdrückte. In grellen Farben malte er glatzköpfige Militärs, heuchlerische Geistliche, Nationalismus schürende Journalisten und Huren, die mit ihren Reizen nicht geizten. Grosz hatte mehrere Prozesse wegen Gotteslästerung am Hals. Seine Wandlung vom destruktiven Wilden zum angepassten Bürger und wenig erfolgreichen Künstler fiel mit der Entscheidung, Deutschland zu verlassen.

Er bekam in den USA eine Stelle als Kunsterzieher. In seinen Erinnerungen schrieb er, er habe sich in Amerika für das Mittelmäßige begeistert. Zum braven Familienvater mutiert, malte er nun handwerklich perfekte, harmlose Bilder von New Yorker Wolkenkratzern. Der rebellische Geist hatte ihn verlassen. Nach 26 Jahren, mit 66, kehrte er nach Berlin zurück, fiel im Vollrausch eine Kellertreppe hinunter und erstickte nach einem Herzinfarkt. Vargas Llosa verbindet persönliche Neugierde mit bester Recherche. Mit einem Wort: Er lehrt sehen.

Ein trauriger, rabiater Mann. Über George Grosz.

Von Mario Vargas Llosa, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2000 76 Seiten, geb., 9 farbige, 8 s/w-Abbildungen, öS 277.- / e 20,13 \r

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