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Feuilleton

Triumph des Unbehagens

1945 1960 1980 2000 2020
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Michael Haneke erhielt fürs Sterbedrama "Amour“ bei den Filmfestspielen von Cannes seine zweite Goldene Palme. Fehlt nur noch der Oscar für Österreichs Regie-Star. 2013 könnte es endlich auch damit klappen.

Man sucht gerne Superlativen in den Medien. Vom Kino-Olymp war da viel zu lesen, in dem sich Michael Haneke mit dem Gewinn seiner zweiten Goldenen Palme einen Platz gesichert hätte. Vom "Meisterwerk“, vom "besten lebenden Filmregisseur der Welt“ (© Jean-Louis Trintignant), von der Verlängerung des österreichischen "Filmwunders“, und das, obwohl Hanekes "Amour“ bis auf den Regisseur und einige Crew-Mitglieder eine zu 70 Prozent mit französischem Geld finanzierte Produktion ist. Aber wo gewonnen wird, ist man gern dabei: "Wir sind Palme“, man kennt diese Frohlockungen ja.

Für Haneke muss die zweite Palme innerhalb von nur drei Jahren (2009 gewann er für "Das weiße Band“) eine Genugtuung der besonderen Art gewesen sein: Immerhin verlieh ihm die Jury unter dem Vorsitz des italienischen Regisseurs Nanni Moretti den Preis, jener Mann, der 1997 ebenfalls in der Cannes-Jury saß und damals die Goldene Palme für Hanekes "Funny Games“ verhindert haben soll. Moretti machte nie einen Hehl daraus, dass er den österreichischen Film, insbesondere Haneke, nicht sonderlich mag. Aber "Amour“, das ist ja ohnehin kein österreichischer Film.

Nicht emotional, sondern sehr distanziert

Hanekes präzises und - entgegen vieler Kritikermeinungen - nicht hochemotionales, sondern sehr distanziert und kühl gefilmtes Drama "Amour“ dreht sich um den Abschied vom Leben: Ein altes Ehepaar sieht sich nach dem Schlaganfall der Frau mit den quälenden Mühseligkeiten des Alters konfrontiert. Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant spielen die beiden alten Menschen mit einer intensiven Behäbigkeit. Für Trintignant ist es die Rückkehr vor die Filmkamera nach 14 Jahren; damals hat er sich endgültig vom Kino verabschiedet, spielte nur mehr am Theater. Doch für Haneke machte er eine Ausnahme - und brilliert hier in einer nicht nur emotional, sondern auch physisch fordernden Rolle, die dem selbst schon gebrechlichen Trintignant sichtlich viel Kraft abverlangt.

Haneke findet eine brillante filmische Form, diesen Lebensabschnitt zu beschreiben. Er gibt der Langsamkeit seiner Geschichte niemals nach, sondern verharrt lieber auf den Details, die den Alltag im Alter so maßlos erschweren können. Dadurch reiht sich "Amour“, auch wenn er vielleicht der thematisch bislang emotionalste Film in Hanekes fast 40-jähriger Karriere ist, nahtlos ein in sein Kino des Unbehagens: Wie immer bei Haneke fühlt sich der Zuschauer niemals wirklich wohl, und gerade hier, beim Thema der eigenen Endlichkeit, funktioniert dieses Unbehagen meisterhaft.

Das Unbehagen an der eigenen Endlichkeit

"Amour“ ist ein großer Film in Hanekes Karriere. Und es ist einer seiner relevantesten, universellsten. Weil die Unentrinnbarkeit vor dem Tod feststeht, aber auch, weil die Liebe uns bis zu diesem Moment am Leben hält. In dieser Erkenntnis schwingt für das Kino des Michael Haneke eine schon beinahe optimistische Note mit. Ein überaus verdienter Preisträger.

"Amour“ führte seit seiner Cannes-Premiere die Kritiker-Hitlisten an, und diesmal ist die Jury auch bei den übrigen Preisträgern diesen Listen gefolgt: So viel Konsens über Filme und Preise gab es an der Croisette schon seit Jahren nicht. Und das bei einem Wettbewerb, der weniger große Filme von großen Namen versammelte, aber (auch durch die Abwesenheit von Frauen) den Beigeschmack einer Altherren-Runde hatte; die Cannes-Stammgäste, von Alain Resnais über Walter Salles bis zu David Cronenberg scheinen hier ein Freiticket für jedes ihrer Werke zu haben, ungeachtet seiner Qualität.

Ein Stelldichein der alten Herren

Immerhin: Der Regiepreis für Carlos Reygadas’ avantgardistisches Filmrätsel "Post tenebras lux“ befriedigt die, die sich von Cannes immer wieder neue Zugänge zum künstlerischen Kino erwarten. Zugleich negierte die Jury den favorisierten Leos Carax mit dessen nebulösen, aber visuell und dramaturgisch innovativen "Holy Motors“ völlig.

Das Kloster-Drama "Beyond the Hills“ des Rumänen Cristian Mungiu, der hier 2007 bereits die Palme gewann, erhielt verdient den Drehbuchpreis und die beiden Darstellerinnen des Films wurden für ihre Leistungen prämiert. Mads Mikkelsen begeisterte als des Missbrauchs bezichtigter Kindergärtner in Thomas Vinterbergs "The Hunt“ und erhielt den Darstellerpreis.

Der Preis der Jury für Ken Loachs leicht-seichte Whisky-Komödie "The Angel’s Share“ überraschte doch ein wenig, wenngleich das Festival damit einen echten Crowd-Pleaser ausgezeichnet hat. Auch der Große Preis der Jury für Matteo Garrones halbe Mediensatire "Reality“ konnte nicht alle begeistern, obwohl sich die Geschichte eines Fischhändlers, der es in die Reality-Soap "Big Brother“ schafft, doch durch fellinieske, hysterisch-opulente Qualitäten auszeichnet.

Für den großen Sieger Michael Haneke beginnt nun bereits der nächste Preis-Countdown: Schon in Cannes spekulierten die Verleiher, "Amour“ könnte beste Chancen bei den Oscars 2013 haben, als bester fremdsprachiger Film. Es wird wohl Frankreich sein, das den Film bei der Oscar-Jury einreicht, nicht Österreich. So wie die Palme gehört ein eventueller Sieg in Hollywood aber keinem Land, sondern dem Filmkünstler und seinem Team allein.

Michael Haneke erhielt fürs Sterbedrama "Amour“ bei den Filmfestspielen von Cannes seine zweite Goldene Palme. Fehlt nur noch der Oscar für Österreichs Regie-Star. 2013 könnte es endlich auch damit klappen.

Man sucht gerne Superlativen in den Medien. Vom Kino-Olymp war da viel zu lesen, in dem sich Michael Haneke mit dem Gewinn seiner zweiten Goldenen Palme einen Platz gesichert hätte. Vom "Meisterwerk“, vom "besten lebenden Filmregisseur der Welt“ (© Jean-Louis Trintignant), von der Verlängerung des österreichischen "Filmwunders“, und das, obwohl Hanekes "Amour“ bis auf den Regisseur und einige Crew-Mitglieder eine zu 70 Prozent mit französischem Geld finanzierte Produktion ist. Aber wo gewonnen wird, ist man gern dabei: "Wir sind Palme“, man kennt diese Frohlockungen ja.

Für Haneke muss die zweite Palme innerhalb von nur drei Jahren (2009 gewann er für "Das weiße Band“) eine Genugtuung der besonderen Art gewesen sein: Immerhin verlieh ihm die Jury unter dem Vorsitz des italienischen Regisseurs Nanni Moretti den Preis, jener Mann, der 1997 ebenfalls in der Cannes-Jury saß und damals die Goldene Palme für Hanekes "Funny Games“ verhindert haben soll. Moretti machte nie einen Hehl daraus, dass er den österreichischen Film, insbesondere Haneke, nicht sonderlich mag. Aber "Amour“, das ist ja ohnehin kein österreichischer Film.

Nicht emotional, sondern sehr distanziert

Hanekes präzises und - entgegen vieler Kritikermeinungen - nicht hochemotionales, sondern sehr distanziert und kühl gefilmtes Drama "Amour“ dreht sich um den Abschied vom Leben: Ein altes Ehepaar sieht sich nach dem Schlaganfall der Frau mit den quälenden Mühseligkeiten des Alters konfrontiert. Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant spielen die beiden alten Menschen mit einer intensiven Behäbigkeit. Für Trintignant ist es die Rückkehr vor die Filmkamera nach 14 Jahren; damals hat er sich endgültig vom Kino verabschiedet, spielte nur mehr am Theater. Doch für Haneke machte er eine Ausnahme - und brilliert hier in einer nicht nur emotional, sondern auch physisch fordernden Rolle, die dem selbst schon gebrechlichen Trintignant sichtlich viel Kraft abverlangt.

Haneke findet eine brillante filmische Form, diesen Lebensabschnitt zu beschreiben. Er gibt der Langsamkeit seiner Geschichte niemals nach, sondern verharrt lieber auf den Details, die den Alltag im Alter so maßlos erschweren können. Dadurch reiht sich "Amour“, auch wenn er vielleicht der thematisch bislang emotionalste Film in Hanekes fast 40-jähriger Karriere ist, nahtlos ein in sein Kino des Unbehagens: Wie immer bei Haneke fühlt sich der Zuschauer niemals wirklich wohl, und gerade hier, beim Thema der eigenen Endlichkeit, funktioniert dieses Unbehagen meisterhaft.

Das Unbehagen an der eigenen Endlichkeit

"Amour“ ist ein großer Film in Hanekes Karriere. Und es ist einer seiner relevantesten, universellsten. Weil die Unentrinnbarkeit vor dem Tod feststeht, aber auch, weil die Liebe uns bis zu diesem Moment am Leben hält. In dieser Erkenntnis schwingt für das Kino des Michael Haneke eine schon beinahe optimistische Note mit. Ein überaus verdienter Preisträger.

"Amour“ führte seit seiner Cannes-Premiere die Kritiker-Hitlisten an, und diesmal ist die Jury auch bei den übrigen Preisträgern diesen Listen gefolgt: So viel Konsens über Filme und Preise gab es an der Croisette schon seit Jahren nicht. Und das bei einem Wettbewerb, der weniger große Filme von großen Namen versammelte, aber (auch durch die Abwesenheit von Frauen) den Beigeschmack einer Altherren-Runde hatte; die Cannes-Stammgäste, von Alain Resnais über Walter Salles bis zu David Cronenberg scheinen hier ein Freiticket für jedes ihrer Werke zu haben, ungeachtet seiner Qualität.

Ein Stelldichein der alten Herren

Immerhin: Der Regiepreis für Carlos Reygadas’ avantgardistisches Filmrätsel "Post tenebras lux“ befriedigt die, die sich von Cannes immer wieder neue Zugänge zum künstlerischen Kino erwarten. Zugleich negierte die Jury den favorisierten Leos Carax mit dessen nebulösen, aber visuell und dramaturgisch innovativen "Holy Motors“ völlig.

Das Kloster-Drama "Beyond the Hills“ des Rumänen Cristian Mungiu, der hier 2007 bereits die Palme gewann, erhielt verdient den Drehbuchpreis und die beiden Darstellerinnen des Films wurden für ihre Leistungen prämiert. Mads Mikkelsen begeisterte als des Missbrauchs bezichtigter Kindergärtner in Thomas Vinterbergs "The Hunt“ und erhielt den Darstellerpreis.

Der Preis der Jury für Ken Loachs leicht-seichte Whisky-Komödie "The Angel’s Share“ überraschte doch ein wenig, wenngleich das Festival damit einen echten Crowd-Pleaser ausgezeichnet hat. Auch der Große Preis der Jury für Matteo Garrones halbe Mediensatire "Reality“ konnte nicht alle begeistern, obwohl sich die Geschichte eines Fischhändlers, der es in die Reality-Soap "Big Brother“ schafft, doch durch fellinieske, hysterisch-opulente Qualitäten auszeichnet.

Für den großen Sieger Michael Haneke beginnt nun bereits der nächste Preis-Countdown: Schon in Cannes spekulierten die Verleiher, "Amour“ könnte beste Chancen bei den Oscars 2013 haben, als bester fremdsprachiger Film. Es wird wohl Frankreich sein, das den Film bei der Oscar-Jury einreicht, nicht Österreich. So wie die Palme gehört ein eventueller Sieg in Hollywood aber keinem Land, sondern dem Filmkünstler und seinem Team allein.