Staatspreisträger Julian Barnes im Porträt

Der Künstler wird von Natur aus missverstanden", heißt es in der Erzählung "Die Stille", die den Schlussstein in Julian Barnes jüngstem Erzählband "Der Zitronentisch" bildet. Vorbei jedoch die Zeiten, als Künstler geschmäht wurden, die sich von der Darstellung einer idealen Welt, der nachzueifern sich der gemeine Leser gefälligst angehalten fühlen sollte, verabschiedeten. Jetzt wird der Künstler mit stattlichen Preisen ausgezeichnet, dem Österreichischen Staatspreis für europäische Literatur etwa, den Julian Barnes am Dienstag in der Salzburger Residenz entgegennahm. Die Wahl fiel auf einen Schriftsteller, der bei Lesern einen guten Ruf genießt. Er setzt ihnen keinen großen Widerstand entgegen, er macht es seinem Publikum leicht, er ködert es mit Witz, Lebensklugheiten und allerlei Nachdenklichkeiten. Das Leben ist hart und schön und gar nicht edel, und eine Geschichte springt auch aus ihm heraus.

Behaglicher Schrecken

Barnes sticht in See, fährt raus, wo es am tiefsten ist, und dann plätschert er albern darin herum. Mit seinen Themen befindet er sich mitten in der Gegenwart, er holt die Liebe, das Alter und den Tod in seine Schreibstube, hält den Zeitgenossen einen Spiegel vor, auf dass sie erschrecken mögen über Heimlichkeiten, und doch gibt er sich stets versöhnlich. Barnes legt verständnisvoll ein Album menschlicher Unzulänglichkeiten an und spendet Trost. Diese Literatur gibt stets vor, Schwergewichte zu stemmen und hebt doch nur Imitate aus Pappe.

Die Welt brennt, doch irgendwie geht es recht gemütlich, ja heiter zu. Die Menschen lügen und betrügen, sie können einander nicht ausstehen, die Gefühle sind eingesperrt im Dampfkochtopf ihres Körpers, der, gebändigt durch die Macht der Konvention, ihnen nicht Erleichterung in Raserei gestattet.

Wohltemperierter Ton

Das kann er, der britische Autor Julian Barnes, Jahrgang 1946, vom fürchterlichen Zustand unserer Beziehungen und der Last des Lebens schreiben und dabei einen ganz wohltemperierten Ton anschlagen. Bitterkeit verbirgt sich hinter der Eleganz der Form, Trauer kommt im frechen Tanzschritt der Koketterie daher.

"Die Liebe funktionierte nicht." Dieser Satz, der Erzählung "Aufleben" entnommen, bringt Barnes stets neu zum Jubeln. Er genießt es, den Kalamitäten des Zusammenlebens nachzuspüren und in Variationen das Scheitern des Beziehungsexperiments durchzuspielen. In den Romanen "Darüber reden" und "Liebe usw." erzählen zwei Männer und eine Frau jeweils aus ihrer Sicht, was es mit diesen unberechenbaren Anziehungs- und Abstoßungskräften auf sich hat, die das Zusammenleben der Menschen so schwer machen. Jeder legt ein Bekenntnis und einen Offenbarungseid ab, und keiner durchschaut, wie die Verhältnisse tatsächlich aussehen.

Leben, das lernt man bei Julian Barnes, ist stets mehr als das, was für alle sichtbar und überprüfbar ist. Es gibt dieses geheime Reich der Leidenschaft, der Sehnsucht und der Triebe, das gut verborgen vor der Mitwelt im Inneren der Menschen ein Durcheinander anrichtet, das keiner heil übersteht. Aber die Barnsche Prosa ist reich an Trostpflastern, die das Leiden einer hilfreichen Erstversorgung zuführen. Bei Barnes darf sich der Leser gut verstanden fühlen. Er geht mit dem Menschenvolk nicht streng ins Gericht, sondern findet Worte, die dieses aus der Finsternis der Seelenverwirrung herausführen. Er legt dem Leser die Hand auf die Schulter, denn jetzt ist er nicht länger allein, wird Teil der großen Spezies der Verirrten, denen er dank seiner begütigenden Art die Verdammung erspart.

Trost und Unterhaltung

Barnes ist ein leidenschaftlicher Entertainer. Er versteht es, zu zaubern und zu tricksen, weil er seinem Publikum das Staunen beibringen will. Das ist ihm wichtiger als die Oberfläche allzu tief aufzureißen, wo es gefährlich und unheimlich wird und wo Lebenslügen zu einer Bedrohung des gewohnten Alltags werden. Bei Barnes bleibt die Atmosphäre heimelig, auch wenn vertraute Wirklichkeiten kaputt gehen. Die Frage, ob "angesichts der letzten Dinge Panik und Todesangst" die Menschen überfallen, bleibt rhetorisch, weil diese Literatur sich anschickt, Konflikte zu kalmieren.

Der Österreicher wird durch diese Prosa, die stets die Mittellage hält und melancholisch, aber nicht tragisch, heiter, aber nicht urkomisch, berührend, aber nicht aggressiv oder durchdringend analytisch in Erscheinung tritt, nicht verstört werden. Das macht Julian Barnes zu einem Preisträger, der für zufriedene Gesichter sorgt.

Der Autor ist freier

Literaturkritiker in Salzburg.

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