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Türkische Träume

Auf den Spuren der Literatur, die diese Woche nach Wien kommt.

Ankunft in Ankara, das heißt zunächst einmal ein höllisches Verkehrsgetümmel, in dem Hupe und erzwungene Vorfahrt das Wichtigste sind. Ein Bus bringt uns in die Österreichische Botschaft, erbaut von Clemens Holzmeister - er hat hier 15 Bauten, darunter Innenministerium und Parlament, errichtet und 1938-1954 hauptsächlich in der Türkei gelebt.

Unwirtlich ist die von Kemal Attatürk geschaffene künstliche Hauptstadt, ohne Umland mitten in verstepptem Hügelland gelegen. Künstler und Autoren trifft man eher in Istanbul, aber Hasan Ali Toptas¸, der ehemalige Finanzbeamte, ist hier zu Hause. Dabei ist gerade er kein hauptstädtischer Autor; seinen Romanen sind der Schmerz und die Einsamkeit der Provinz eingeschrieben - und die Liebe zu den Dörfern, die er ebenso realistisch abbilden wie in surrealistische Träume vergrößern kann. "Ich bin ein Nomadenkind. Meine Mutter kann nicht lesen und schreiben, und würde man meinen Vater fragen, was ich geschrieben habe, so wüsste er es nicht", sagt er im Furche-Gespräch. Sein Roman "Die Schattenlosen" ist 2006 in der Türkischen Bibliothek des Unionsverlags erschienen (Infos: www.tuerkische-bibliothek.de).

Sein Prestige im eigenen Land verdankt Toptas¸ vor allem den italienischen und deutschen Übersetzungen, denn die Türkei ist kein Leseland: Zwei von den 72 Millionen Einwohnern kommen als Leser von Literatur in Betracht, so schätzt man. Für Barbara Frischmuth ist Hasan Ali Toptas¸ "eine der aufregendsten Erscheinungen der zeitgenössischen Literatur"; am Sonntag wird sie ihn im Rahmen von "Literatur im Herbst" in Wien vorstellen.

Fahnen, wohin man blickt

Fährt und geht man derzeit durch Ankara, fällt vor allem eines auf: Fahnen an Wohnbauten und Geschäften, auf Bussen und Autos, Fahnen, wo immer sie sich nur befestigen lassen. Am 29. Oktober war Nationalfeiertag, und anders als früher sind sie diesmal danach nicht verschwunden. Das Türkentum ist mental aufgerüstet, mobilisiert, in Alarmbereitschaft. Jenes Türkentum, das so leicht zu beleidigen ist, dass es durch einen eigenen Strafrechtsparagraphen geschützt werden muss. Orhan Pamuk, der Literaturnobelpreisträger, hat damit Bekanntschaft gemacht, und noch im Vorjahr hat man der Autorin Elif Shafak deswegen einen Prozess angehängt - wegen Aussagen ihrer Romanfiguren. "Der Bastard von Istanbul" spricht unter anderem den Massenmord an den Armeniern an. Als Schriftstellerin will Frau Schafak nicht auf dieses Thema reduziert werden und nur literarische Fragen beantworten, als wir sie in Istanbul treffen; die Vorsicht steht ihr ins Gesicht geschrieben.

Dennoch sagt sie, die virtuose Intellektuelle, die 1971 in Straßburg geboren wurde, in Spanien aufgewachsen ist, erst zum Studium in die Türkei zurückkehrte und seit 2002 in den USA lehrt, Wesentliches, vor allem über die Rolle der Frauen in der Türkei. Sie setzt auf ihre Kraft, Kreativität, Widerstandsfähigkeit und Produktivität, vor allem aber auf die Kultur der Vorstellungskraft, der Imagination, die sie von Generation zu Generation weitergeben.

Die vielen Rollen der Frauen

Elif Shafak wehrt sich im Gespräch vehement gegen vorschnelle Kategorisierungen wie urbane Frauen und Frauen vom Dorf und sieht das Kopftuch sehr differenziert: "Im Türkischen kann ich mindestens acht verschiedene Wörter für das Kopftuch finden, und jedes hat eine andere Nuance. Manchmal tragen Frauen das Kopftuch aus religiösen, manchmal aus ganz traditionellen Gründen, aus Gewohnheit, manchmal mehr aus politischen oder sozialen Gründen. In der türkischen Gesellschaft ist alles vermischt, auf eine sehr positive Art; so bedeckt manchmal die Mutter ihren Kopf, aber die Schwiegertochter nicht, oder die ältere Schwester tut es, die jüngere jedoch nicht. Wenn man durch Istanbul geht, sieht man junge Mädchen mit Kopftuch, die Hand in Hand oder Arm in Arm mit Mädchen gehen, die ihren Kopf nicht bedecken, und sie sind die besten Freundinnen. Wir haben keine solchen geistigen Kategorien, sie existieren nur in der Welt der Politik."

Es macht die Faszination Istanbuls aus, dass man tatsächlich eine unglaubliche Variationsbreite von Kleidungen, Gesten, Mentalitäten und Lebensentwürfen nebeneinander sehen kann - dazu gehört freilich auch jene schwarz gekleidete Frau, die uns im Bazar entgegenkam, mit einem Stock über der Schulter und zwei schweren Bündeln daran, während der Mann mit leeren Händen hinter ihr hergeht, als würde er einen Esel treiben.

Unvergesslich auch eine Demonstration am Sonntagvormittag: ein kleines Häuflein von Gewerkschaftern, die auf ihre Rechte pochen, daneben mindestens ebenso viele Polizisten mit Schlagstöcken und einem Maschinengewehr. So ist es immer bei Demonstrationen, habe ich mir sagen lassen. Trotzdem ist vieles in Bewegung, und das Land hat sich seit dem letzten Militärputsch im Jahr 1980 sehr verändert.

"Literatur ist die Möglichkeit, jemand anderer zu sein, etwas zu imaginieren, in die Schuhe eines anderen Menschen zu schlüpfen", sagt Elif Shafak, die am 9. November die Eröffnungsrede bei "Literatur im Herbst" halten wird - der bis dato größten Präsentation türkischer Literatur außerhalb der Türkei, vorbereitet durch ein Schwerpunkt-Heft der Literaturzeitschrift "Wespennest".

Im kommenden Jahr ist die Türkei Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kuratorin Müge Sökmen zur Furche: "Wir haben ein Motto: "Die Türkei in all ihren Farben". Das ist kein monolithisches Land. Wir glauben, es ist wichtig, auf die Unterschiede, die verschiedenen Farben stolz zu sein." Kurdische Literatur ist da selbstverständlich inbegriffen, und Mehmed Uzum, der kurdische Jahrhundert-Autor, hätte dabei sein sollen. Doch am 11. Oktober ist der in den 1970er Jahren vom Staat Drangsalierte und nach Schweden Geflohene mit 54 Jahren an Krebs gestorben.

Kein Denkmal für Dichter

Frankfurt wird uns, so darf man hoffen, weitere wichtige Literatur aus der Türkei in Übersetzungen zugänglich machen - und dieser Literatur im eigenen Land einen höheren Stellenwert verschaffen. Heute sieht man noch keinen Schriftsteller, auch keinen Wissenschaftler, Musiker oder Künstler auf einem Denkmal; auf dem Podest steht nämlich nur einer: Staatsgründer Kemal Attatürk. Überflüssig zu erwähnen, dass der Übervater aller Türken auch auf jedem Geldschein und jeder Münze prangt - so wird der Begründer des Laizismus in der Türkei sakralisiert. Religiöse Denkmäler verbietet der Islam, die osmanische Vergangenheit wurde ausgelöscht und einen "denkmalfähigen" Schriftsteller gibt es noch nicht, stellt Osman C¸etin Deniztekin, Leiter des Verlages Varlik, fest; Nâzim Hikmet ist erst seit zehn Jahren in den Schulbüchern.

Heute verarbeiten acht von zehn Bestsellern einen nationalistischen Stoff. Doch Elif Shafaks "Bastard von Istanbul" ist auch ein Bestseller, und die türkische Literatur so vielfältig wie das Land. Es gibt die traumhafte Möglichkeit, sich in Wien davon zu überzeugen.

Literatur im Herbst: Türkei

Ort: Odeon Theater

Taborstraße 10, 1020 Wien

Eröffnung: Freitag, 9. 11., 19.00 Uhr

Weitere Tage: Samstag, 10. 11. und Sonntag, 11. 11. jeweils 16.00 Uhr

Info: www.alte-schmiede.at

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