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Feuilleton

Über das Leben an der Front

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

1928 erschien mit "Schlump“ von Hans Herbert Grimm ein "Antikriegsroman“ über den Ersten Weltkrieg. Nach der Bücherverbrennung 1933 verschwand er aus dem kollektiven Gedächtnis.

Als "grandiosen Antikriegsroman“ kündigt der Verlag das Buch des Lehrers Hans Herbert Grimm aus Thüringen an. Der Titel ist burlesk: "Schlump. Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt ‚Schlump‘“. Das Buch erschien 1928 im renommierten Verlag Kurt Wolff, der damals meinte, "soviel wie hier, werden sie schon lange nicht mehr gelacht haben“, und die Frage: "Haben Sie Schlump schon gelesen? ... wird man bald in allen Männerkreisen zu hören bekommen.“

Frauenkreise sehen das Buch also vielleicht naturgemäß anders. Wer "Schlump“ als Antikriegsroman lesen will, kann sich mit dem Nachwort begnügen. Nicht weil das in seiner journalistischen Mischung aus Marktschreierei und gefühliger Schauplatzbeschau so gut wäre, aber es zitiert ausführlich die wenigen Passagen des Romans, die zur neuen literarischen Sicht auf den Ersten Weltkrieg gehören, wie sie mit Remarques "Im Westen nichts Neues“ 1928 bzw. schon ein Jahr zuvor mit Arnold Zweigs "Der Streit um den Sergeanten Grischa“ begann. Insgesamt aber braucht man selbst ein sonniges Gemüt, um den Roman als "Doku-Märchen“ zu lesen rund um einen "reinen Helden“, den "die Zauberkraft des Autors“ mit einem sonnigen Gemüt ausstattet.

Nicht lernfähiger Infanterist Schlump

Schlump meldet sich von der Mittelschule weg 17-jährig als Kriegsfreiwilliger und hat zunächst großes Glück. Da er französisch kann, wird er im Hinterland als Kommandant eines Dorfes eingesetzt. Dieser Teil ist von besonders schmerzhafter Harmlosigkeit im Stil aneinander gereihter Kalendergeschichten, gewürzt mit derben Scherzen und frauenfeindlichen Untertönen. Das in der Tradition des Schelmenromans zu interpretieren, wie der Titel vorschlägt, ist insofern problematisch, als der Autor zwar Schlumps Eindrücke ungefiltert und naiv wiedergibt, aber ohne damit irgendetwas bloßstellen zu wollen.

Mit einem reinen Toren teilt der Infanterist Schlump allerdings, dass er nicht lernfähig ist. Als er nach einem Jahr, in dem er den Kanonendonner nur von ferne gehört, viele Verwundete und Verkrüppelte aber wohl doch gesehen und von der großen Zahl der Verluste zumindest gehört hat, an die Front muss, freut er sich noch immer darauf. Die Schilderungen aus dem Schützengraben freilich sind dann stark und für Schlump in ihrer Sinnlosigkeit und existentiellen Dimension auch bis zu einem gewissen Grad ernüchternd. Am bemerkenswertesten ist vielleicht jene Passage, in der er beschreibt, wie der "eigene“ Scharfschütze für jeden englischen Essensträger, "den er unter Zeugen abschoß“, drei Mark bekommt; unmittelbar darauf berichtet er empört, dass die Engländer ihrerseits jeden deutschen Essensträger "wie einen Hasen“ jagen. Ganz offensichtlich wird Schlump gar nicht bewusst, dass er zweimal denselben Tathergang beschrieben hat, und es darf ihm auch nicht bewusst werden, sonst wäre die Motivation für wochenlangen Dauerbeschuss der Gegenseite kaum aufrecht zu erhalten. Nichts hat ein kriegsführender Militärapparat mehr zu fürchten, als die Verbrüderung derer, die einander in vorderster Front umbringen sollen. Das muss eben auch sprachlich abgesichert werden - bis in die Gazetten des Hinterlandes, wo die Fronturlaube verbracht, die Verwundungen ausgeheilt und die Angehörigen bei Laune gehalten werden müssen. Das ist der Sinn und Zweck der großen Phrasen, in denen Karl Kraus die Wurzel des Übels sah und nicht eine notwendige Zutat: Krieg ist ohne Propaganda nie zu haben.

Vom Antikriegsautor zum NSDAP-Mitglied

"Ein helles Buch aus dunkler Zeit“ wird ein Pressekommentar von damals in der aktuellen Verlagswerbung zitiert. Das ist freilich für einen Kriegsroman nicht nur ein Lob. Und die Mitteilung des Verlags, sein Autor Hans Herbert Grimm sei "nicht ins Exil“ gegangen, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Er ging nämlich zur NSDAP. Für die Nazis arbeitete auch Emil Preetorius, der den Umschlag des Buches gestaltet hatte und 1943 die Goethe-Medaille erhielt. Nach 1945 war er 20 Jahre Präsident der Bayrischen Akademie der Schönen Künste. Ohne es auszuformulieren, insinuiert das Nachwort mit der ausführlichen Schilderung dieses "schlauen Schlängellebens“, dass Grimm einfach das Pech hatte, in Ostdeutschland zu leben: Er wurde 1945 aus dem Schuldienst entfernt und nahm sich 1950 das Leben.

Schlump

Von Hans Herbert Grimm, Kiepenheuer & Witsch 2014.

352 Seiten, gebunden, E 20,50

1928 erschien mit "Schlump“ von Hans Herbert Grimm ein "Antikriegsroman“ über den Ersten Weltkrieg. Nach der Bücherverbrennung 1933 verschwand er aus dem kollektiven Gedächtnis.

Als "grandiosen Antikriegsroman“ kündigt der Verlag das Buch des Lehrers Hans Herbert Grimm aus Thüringen an. Der Titel ist burlesk: "Schlump. Geschichten und Abenteuer aus dem Leben des unbekannten Musketiers Emil Schulz, genannt ‚Schlump‘“. Das Buch erschien 1928 im renommierten Verlag Kurt Wolff, der damals meinte, "soviel wie hier, werden sie schon lange nicht mehr gelacht haben“, und die Frage: "Haben Sie Schlump schon gelesen? ... wird man bald in allen Männerkreisen zu hören bekommen.“

Frauenkreise sehen das Buch also vielleicht naturgemäß anders. Wer "Schlump“ als Antikriegsroman lesen will, kann sich mit dem Nachwort begnügen. Nicht weil das in seiner journalistischen Mischung aus Marktschreierei und gefühliger Schauplatzbeschau so gut wäre, aber es zitiert ausführlich die wenigen Passagen des Romans, die zur neuen literarischen Sicht auf den Ersten Weltkrieg gehören, wie sie mit Remarques "Im Westen nichts Neues“ 1928 bzw. schon ein Jahr zuvor mit Arnold Zweigs "Der Streit um den Sergeanten Grischa“ begann. Insgesamt aber braucht man selbst ein sonniges Gemüt, um den Roman als "Doku-Märchen“ zu lesen rund um einen "reinen Helden“, den "die Zauberkraft des Autors“ mit einem sonnigen Gemüt ausstattet.

Nicht lernfähiger Infanterist Schlump

Schlump meldet sich von der Mittelschule weg 17-jährig als Kriegsfreiwilliger und hat zunächst großes Glück. Da er französisch kann, wird er im Hinterland als Kommandant eines Dorfes eingesetzt. Dieser Teil ist von besonders schmerzhafter Harmlosigkeit im Stil aneinander gereihter Kalendergeschichten, gewürzt mit derben Scherzen und frauenfeindlichen Untertönen. Das in der Tradition des Schelmenromans zu interpretieren, wie der Titel vorschlägt, ist insofern problematisch, als der Autor zwar Schlumps Eindrücke ungefiltert und naiv wiedergibt, aber ohne damit irgendetwas bloßstellen zu wollen.

Mit einem reinen Toren teilt der Infanterist Schlump allerdings, dass er nicht lernfähig ist. Als er nach einem Jahr, in dem er den Kanonendonner nur von ferne gehört, viele Verwundete und Verkrüppelte aber wohl doch gesehen und von der großen Zahl der Verluste zumindest gehört hat, an die Front muss, freut er sich noch immer darauf. Die Schilderungen aus dem Schützengraben freilich sind dann stark und für Schlump in ihrer Sinnlosigkeit und existentiellen Dimension auch bis zu einem gewissen Grad ernüchternd. Am bemerkenswertesten ist vielleicht jene Passage, in der er beschreibt, wie der "eigene“ Scharfschütze für jeden englischen Essensträger, "den er unter Zeugen abschoß“, drei Mark bekommt; unmittelbar darauf berichtet er empört, dass die Engländer ihrerseits jeden deutschen Essensträger "wie einen Hasen“ jagen. Ganz offensichtlich wird Schlump gar nicht bewusst, dass er zweimal denselben Tathergang beschrieben hat, und es darf ihm auch nicht bewusst werden, sonst wäre die Motivation für wochenlangen Dauerbeschuss der Gegenseite kaum aufrecht zu erhalten. Nichts hat ein kriegsführender Militärapparat mehr zu fürchten, als die Verbrüderung derer, die einander in vorderster Front umbringen sollen. Das muss eben auch sprachlich abgesichert werden - bis in die Gazetten des Hinterlandes, wo die Fronturlaube verbracht, die Verwundungen ausgeheilt und die Angehörigen bei Laune gehalten werden müssen. Das ist der Sinn und Zweck der großen Phrasen, in denen Karl Kraus die Wurzel des Übels sah und nicht eine notwendige Zutat: Krieg ist ohne Propaganda nie zu haben.

Vom Antikriegsautor zum NSDAP-Mitglied

"Ein helles Buch aus dunkler Zeit“ wird ein Pressekommentar von damals in der aktuellen Verlagswerbung zitiert. Das ist freilich für einen Kriegsroman nicht nur ein Lob. Und die Mitteilung des Verlags, sein Autor Hans Herbert Grimm sei "nicht ins Exil“ gegangen, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Er ging nämlich zur NSDAP. Für die Nazis arbeitete auch Emil Preetorius, der den Umschlag des Buches gestaltet hatte und 1943 die Goethe-Medaille erhielt. Nach 1945 war er 20 Jahre Präsident der Bayrischen Akademie der Schönen Künste. Ohne es auszuformulieren, insinuiert das Nachwort mit der ausführlichen Schilderung dieses "schlauen Schlängellebens“, dass Grimm einfach das Pech hatte, in Ostdeutschland zu leben: Er wurde 1945 aus dem Schuldienst entfernt und nahm sich 1950 das Leben.

Schlump

Von Hans Herbert Grimm, Kiepenheuer & Witsch 2014.

352 Seiten, gebunden, E 20,50