Überholt, gefährlich und teuer

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Müllverbrennung erinnert an die Steinzeit: Was man loswerden will, wird verbrannt, die Folgen sind egal. Doch das ist überholt, gefährlich und teuer.

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Müllverbrennung erinnert an die Steinzeit: Was man loswerden will, wird verbrannt, die Folgen sind egal. Doch das ist überholt, gefährlich und teuer.

Nicht "zum Schutz des Grundwassers", sondern für die ohnehin im Geld schwimmende Müll- und Energiewirtschaft wurden verantwortungslose Verordnungen geschaffen, die unbehandelten Hausmüll künftig nur noch nach Verbrennung und die Reste der (vernünftigeren) mechanisch-biologischen Abfallbehandlung überhaupt nicht deponieren lassen wollen.

Freilich, immer mehr Kommunen und Kreise machen vom Recht auf Ausnahmen Gebrauch, und die Bevölkerung lehnt Müllverbrennung strikt ab. Die Müllentsorger, die am liebsten alles verbrennen möchten (auch den Klärschlamm), verschieben deshalb neben Sondermüll auch vermehrt Restmüll unter anderem in Zementdrehrohröfen als "Ersatzbrennstoff" (Müll wurde zu "Wirtschaftsgut"), ohne Abgas-Kontrolle.

Die Müllverbrenner, die bisher jede Anlage vorsätzlich überdimensioniert haben, schwören jeden Meineid, daß "die Emissionsgrenzwerte Gesundheit und Ökosysteme schützen". Die akuten Risiken - wie häufige Störfälle, Bunkerbrände, Großbrände (mit denen nicht nur Wien bittere Erfahrungen sammelt) - werden verschwiegen.

Die von einer Müllverbrennungsanlage (MVA) ausgestoßenen Feinststaub-Mengen mit den an ihnen haftenden toxischen Schwermetallen und organischen Schadstoffen, von Quecksilberdampf, Oxiden des Schwefels, des Stickstoffs und so weiter, können in einer bereits vorbelasteten Region die Gesundheit (unter anderem die Atemwegsfunktionen) der Bevölkerung, aber auch die Vegetation schädigen.

Wenige "Tropfen" der Zusatzbelastung lassen "ein volles Faß überlaufen", das heißt Wirkungsschwellen überschreiten. Kleinklimatische regionale Besonderheiten (Inversionswetterlagen) verhindern oft die erhoffte Verdünnung des Rauchgases und verschlimmern die Situation.

Eine fachlich korrekte toxikologische Bewertung der Emissionen einer MVA hat nicht nur die in erheblichen Mengen austretenden, oben erwähnten Stoffe zu berücksichtigen, sondern auch die "gering erscheinenden" Konzentrationen organischer Stoffe. Von letzteren konnte eine große Anzahl unterschiedlichster chemischer Struktur identifiziert und quantifiziert werden.

Eine verbesserte Analytik wird weitere solche organische Stoffe finden, denn das "analytische Fenster", durch das wir die Schadstoffe in unserer Umwelt erkennen, ist wie der Lichtkegel einer Taschenlampe an der Wand eines dunklen Raumes, dessen Wände mit den Namen der vorhandenen Schadstoffe bedeckt sind, von denen wir aber nur den "beleuchteten Teil" erkennen.

Die stets schwankenden Verbrennungsbedingungen verändern außerdem ständig die chemische Zusammensetzung des Abgasgemisches, deren lückenlose, verläßliche analytische Überwachung daher nicht möglich ist.

Die im Rauchgas enthaltenen, stark toxischen organischen Fremdstoffe sind auch in niedrigen Konzentrationen gefährlich, denn auch anscheinend "verschwindend geringe" Mengen einer stark wirksamen Substanz sind gesundheitsschädlich. Daß aus einer MVA unter anderem hochtoxische Stoffe (wie Chloridbenzodioxine und -furane und deren bromierte und andere toxische Derivate) entweichen, ist allgemein bekannt.

Wenig interessieren aber bisher weitere, sehr bedenkliche Substanzen im Rauchgas von MVA. Hier seien nur äußerst giftige Zersetzungsprodukte von Kunststoffen erwähnt, wie zum Beispiel Perfluorisobutylen bei Verbrennung fluorhaltiger Materialien (etwa "Goretex"), oder das Vorkommen von nitropolyzyklischen Aromaten (Nitro-PAK), deren mutagene Wirksamkeit die der Dioxine noch übertrifft!

Emissionen enthalten langlebige Gifte Die Müllverbrenner entgegnen leichtfertig: "Die emittierten Stoffmengen seien doch so niedrig, daß sie in der Luft völlig verdünnt werden."

Ob nur laienhafte Ignoranz oder Täuschung, dieser Aussage ist mit allem Nachdruck zu widersprechen: Die hohe Langlebigkeit und große Lipophilie (Speicherung im Fettgewebe, Anm.) etwa der fluorhaltigen Schadstoffe, der Nitro-PAK oder der Dioxine reichern diese Stoffe in den Nahrungsnetzen an.

Sie sedimentieren auf dem Bewuchs, gelangen über das Viehfutter in das Fettgewebe und andere Organe von Schlachttieren, in Milch, Eier und Butter und schließlich in das Fettgewebe des Menschen und in die Muttermilch. Dioxine und Furane werden in der Nahrung etwa 400fach gegenüber der Luftbelastung angereichert. Dies wiegt besonders schwer, da die emittierten Schadstoffe unter anderen Folgen Krebs auslösen.

Ein analytischer Nachweis der MVA-bedingten Zusatzbelastungen in der Umwelt und beim Menschen ist durch ein "Belastungsmonitoring" kaum zu erbringen, da die untersuchten Bevölkerungskollektive meist zu klein, die Störfaktoren bei einzelnen Individuen zahlreich und andere Quellen für die gleichen Stoffe zu vielfältig sind. Deshalb jedoch die Risiken von MVA zu negieren, ist unzulässig und widerspricht jeder wissenschaftlichen Erkenntnis.

Wie schwierig es ist, MVA-bedingte Krankheitseffekte zu dokumentieren, zeigt eine britische Studie von 1996: Ein erhöhtes Leberkrebsrisiko bei Anwohnern von MVA wurde erst erkannt, als 14 Millionen Menschen in der Umgebung von 72 MVA untersucht wurden!

Immun- und Nervensystem sind gefährdet Zu den Schäden an Immun- und Nervensystem, bei der Reproduktion des Menschen und anderen Folgen liegen bisher keine vergleichbaren Studien vor. Immerhin deutet eine weitere britische Studie auf eine Verschiebung des Geschlechterverhältnisses (weniger männliche und mehr weibliche) bei den Neugeborenen im Einwirkungsbereich von MVA hin. Eine Bagatellisierung der Risiken von MVA ist daher unverantwortlich.

Dringend gewarnt werden muß vor der derzeitigen Zulassungspraxis für neue MVA. Ohne Umweltverträglichkeitsprüfung werden von den Behörden Genehmigungen erteilt, wenn die Anlagenbauer behaupten, die Emissionsgrenzwerte der TA-Luft Technische Anleitung-Luft, Anm.) einzuhalten.

Es ist jedoch unverzichtbar, im Vorfeld einer Genehmigung die Schadstoffvorbelastung der betroffenen Böden und der Luft zu prüfen. Wie bereits ausgeführt, können bei hoher Vorbelastung von Boden und Luft schon kleine Zusätze Wirkungsschwellen überschreiten.

Flächendeckend müssen sorgfältig gezogene Bodenproben verschiedener Tiefe auf relevante Parameter untersucht und mindestens über ein Jahr zuvor entsprechende Luftmessungen durchgeführt werden, um jahreszeitliche Schwankungen im Schadstoffmuster erkennen zu können. Die Meßpunkte müssen von - mit Ausbreitungsberechnungen erfahrenen - Meteorologen in den Hauptbelastungsgebieten einer geplanten MVA bestimmt werden.

Daneben muß auch das Krankheitsmuster der Bevölkerung dokumentiert werden. Hat das Gesundheitsamt keine Erkenntnisse zur Krebsstatistik und zu anderen Erkrankungen in der Region, so müssen von vertrauenswürdigen Epidemiologen hierzu Erhebungen durchgeführt werden. Die Verpflichtung zu vorsorgendem Gesundheitsschutz macht es zwingend notwendig, strenge Vorsorgewerte zu definieren und vorzugeben (die von Emittenten zu weniger als einem Prozent ausgeschöpft werden dürfen) und nicht zu warten, bis Wirkungsschwellen überschritten sind!

Alternative Verfahren der Müllbeseitigung sind besser. Durch kluges Vebraucherverhalten vermiedener Müll ist überhaupt die beste Lösung. Die Kunststoff- und Metall-Fraktion im Müll kann heute sortenrein getrennt und wiederverwendet werden. Erste Wahl hierfür ist das Tiefstkälte-Recycling nach Professor Rasin aus Dortmund.

Auch der Gesetzgeber ist gefordert: Die Kunststoff-Rezepturen für bestimmte Einsatzgebiete müssen zur Erleichterung des Recyclings standardisiert werden. Der biologisch abbaubare Anteil im Hausmüll (über 30 Prozent) muß privat kompostiert oder in mechanisch-biologischen Abfallanlagen verwertet werden. Deren Reste müssen landwirtschaftlich genutzt werden. Auch künftig wird die Bevölkerung die unverantwortliche Müllverbrennung engagiert bekämpfen.

Der Autor ist Professor am Institut für Toxikologie der Universität Kiel.

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