Um-sorgen statt Ent-sorgen

Ethik • In Europa wird gerade über eine Ausweitung der "Sterbehilfe“ debattiert. Argumente für "Palliative Care“ als Alternative zum assistierten Suizid.

Die Diskussion um die "Sterbehilfe“ in Österreich darf nicht aufhören. Sie muss auf der Bühne der gesellschaftlichen Öffentlichkeit stattfinden, nicht in den Hinterzimmern von Experten. Zu brisant sind die aktuellen Entwicklungen.

In Belgien, wo "Euthanasie“ für Erwachsene bereits 2002 legalisiert und im Vorjahr nach offiziellen Angaben bei 1432 Personen angewendet wurde, wird über eine Ausweitung auf Demenzkranke und Minderjährige diskutiert. Die Schweiz, wo Beihilfe zum Suizid (etwa durch Organisationen wie "Exit“) möglich ist, wurde jüngst vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gerügt, weil die Behörden einer zwar 82 Jahre alten, aber nicht kranken Frau ein Rezept für tödliche Medikamente verweigert hatten. Und in Frankreich hat der Mediziner Didier Sicard im Auftrag von Präsident François Hollande einen Bericht über das Lebensende verfasst, der aktive "Euthanasie“ zwar ablehnt, jedoch für ärztlich assistierten Suizid plädiert. (Sicard wird heute, 6. Juni, im Rahmen des Kolloquiums "Lebensende“ der Österreichischen Bioethikkommission im Bundeskanzleramt referieren, Anm.)

Ärztliches Ethos gefragt

Anders die Situation in Deutschland, wo die Bundesärztekammer die Sterbehilfedebatte vor einem Jahr (vorläufig) beendet hat: Es sei mit dem ärztlichen Ethos nicht vereinbar, heißt es, Menschen in der letzten Lebensphase beim Suizid zu unterstützen.

Auch die internationale Hospizbewegung vertritt diese Haltung - und versteht sich als Alternative zu den Euthanasiegesellschaften: Es gilt vielmehr, Sterbende durch kompetente ärztliche, pflegerische, psychosoziale und seelsorgliche Behandlung und Begleitung professionell und menschlich zu unterstützen.

Hospiz bedeutet Gastfreundschaft und Asylrecht. Menschen mit schwerer Erkrankung, die nicht mehr heilbar ist, deren Leben zerbrechlicher wird, sollen keine Angst haben müssen, getötet zu werden. Aufgabe der "Gastgeber“ besteht darin, sinnloses Leiden zu lindern (palliativ) und die existenziellen Leiden miteinander zu tragen. Leiden kann schwer erträglich sein. In der Hospizbewegung ist das menschheitsalte Wissen lebendig, dass das Leiden zum menschlichen Leben gehört. Es kann nicht gänzlich aus der Welt geschafft werden - es sei denn um den Preis, die Leidenden abzuschaffen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) formulierte das Verständnis einer solchen hospizlich-palliativen Sorge: Es gehe darum, "das Sterben weder zu beschleunigen, noch zu verlangsamen“.

Die Diskussion um den ärztlich assistierten Suizid ist daher zunächst keine standespolitische Debatte, sondern eine gesellschaftsöffentliche. Die Zuständigkeit für ein würdiges Sterben kann nicht an eine Berufsgruppe delegiert werden, es ist die Aufgabe aller. Ärzte haben eine Rolle unter anderen Berufsgruppen in der Orchestrierung des Lebensendes. Oder können Ärzte besonders gut einschätzen, wann und wodurch das Leiden eines Patienten unerträglich ist? Wer kann und soll überhaupt einem Patienten die Urteilsfähigkeit über die Beendigung seines Lebens zusprechen? Soll schließlich das Recht auf assistierten Suizid per Krankenschein verankert werden? Solche Fragen entstehen nicht ganz überraschend in einer Zeit, in der die Rationierung medizinischer Leistungen das Gesundheitssystem tiefgreifend verändert. Wir haben ein Finanzierungssystem geschaffen, das Menschen zu Mitteln der Ertragsteigerung macht. Was ist, wenn Menschen, vielfältig erkrankt, am Ende des Lebens immer mehr Kosten verursachen? Soll dann die assistierte Selbsttötung als professionelle, abrechenbare und zertifizierte Dienstleistung, sozusagen als Sparmaßnahme empfohlen werden? Es kann in dieser Logik eine Dynamik der Selbstabschaffungsbereitschaft entstehen: Bevor ich euch zur Last falle, werde ich mich "entsorgen“. Der assistierte Suizid kann zu einer sozialen Erwartung führen. Wird man sich rechtfertigen müssen, wenn man weiter leben will? Deshalb ist die Diskussion um den assistierten Suizid als soziale Frage des 21. Jahrhunderts auch eine über die Zukunft einer solidarischen, sorgenden Gesellschaft und der Bereitschaft, die Lasten gemeinsam zu tragen.

In Österreich haben Hospizbewegung und Palliative Care in den letzten 25 Jahren eine Erfolgsgeschichte geschrieben (vgl. S. 10). Ihre Leistung besteht darin, Sterben, Tod und Trauer auf die Tagesordnung der Gesellschaft gesetzt zu haben. Tausende Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonen, Sozialarbeiterinnen und Seelsorger haben sich palliativ weitergebildet und spezialisiert. Zehntausende von ehrenamtlich Engagierten sind ausgebildet und leisten wichtige humane Dienste in der Begleitung Sterbender und ihrer Familien. Diese Spezialisierung ist wichtig. Es braucht aber auch die Breitenwirkung von Wissen. "Letzte-Hilfe-Programme“ müssen an den Volkshochschulen eingeführt werden, um wichtiges Hospiz- und Palliativwissen für alle zu vermitteln.

Mitfühlende Gesellschaft

Heute gibt es in vielen österreichischen Krankenhäusern Palliativstationen und palliative Konsiliarsdienste. Ein wichtiger Schritt. Es braucht freilich eine Kultur des Sterbens im gesamten Krankenhaus, auf allen Stationen, in allen Kliniken. In vielen Pflegeheimen, die Sterbeheime geworden sind, wird diese Hospiz- und Palliativkultur bereits systematisch eingeführt. In der ambulanten Versorgung wachsen Verständnis und Kompetenz, ein gutes Sterben zu Hause zu ermöglichen. Doch das Zusammenspiel von Krankenhäusern, Pflegeheimen und ambulanter Versorgung, von niedergelassenen Ärzten und Pflegediensten ist spannungsreich, rechtlich und finanziell schlecht geregelt. Integrierte Versorgung am Lebensende braucht integrierte Finanzierung und vernetztes Arbeiten. Und wir brauchen "sorgende, mitfühlende Gemeinden und Städte“, eine neue gesellschaftliche Solidarität, in der die Sorge um die Sterbenden aufgehoben ist.

Der Autor ist Professor für Palliative Care und Organisationsethik an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, Wien, Graz

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