Digital In Arbeit

(Um-)Wege zum Traumjob

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Studien zur Berufswahl zeigen, daß die Zufriedenheit mit der Arbeit nicht unbedingt von der Realisierung von Wünschen und Träumen abhängt.

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Studien zur Berufswahl zeigen, daß die Zufriedenheit mit der Arbeit nicht unbedingt von der Realisierung von Wünschen und Träumen abhängt.

Es beginnt wohl mit den kindlichen "Berufswünschen" im Vorschul- und frühen Schulalter - wobei die traditionellen Klischees vom Lokführer und der Friseurin heute durch Pilot und Fernsehmoderatorin ersetzt werden. Sie tun jedenfalls nach wie vor ihre Wirkung: die lästig fragenden Erwachsenen schmunzeln und geben Ruhe. Diesen Effekt erzielen auch familiär antrainierte Berufsbilder: Kaufmann wie der Vater, Sekretärin wie die Mutter, Tischler wegen der Bastelleidenschaft und Kindergärtnerin wegen des geschickten Umgangs mit Jüngeren ... Im "unzensurierten Gespräch" unter Kindern treten aber auch andere Varianten zutage: da will einer Unfallchirurg werden, weil die Eltern sagen, der verdient so viel; oder Lehrerin, weil man angeblich nur den halben Tag arbeitet und drei Monate Ferien hat. Und untereinander tauschen Kinder auch Abenteuerversionen aus: Raumfahrer, Tiefseeforscher, Kripo-Oberkommissärin oder Zirkusartistin - die Medien bieten Anregung genug. Diese "Wünsche" sind aber nicht stabil und meist auch nicht geschlechtsrollenspezifisch - ebensowenig wie im kindlichen Spiel, in dem Themen, Szenen und Rollen rasch wechseln können (was im übrigen, wenn man die heutige Arbeitswelt betrachtet, gar nicht realitätsfern ist ...).

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, daß Kinder (und oft auch noch Jugendliche) nur höchst vage Vorstellungen von beruflichen beziehungsweise betrieblichen Tätigkeiten haben. Oft kennen sie nicht einmal die Funktionsbezeichnungen von Eltern und nahen Bekannten ("arbeitet im Büro", "irgendwas mit Computer"), und nur selten haben sie Gelegenheit, deren Arbeitsplätze kennenzulernen. Auch dort, wo sie zwangsläufig hinkommen (Geschäfte, Lokale, Arzt, Apotheke, Ämter, Verkehrsmittel ...), wird ihnen kaum etwas erklärt oder gezeigt, und Schulbücher respektive Lehrer transportieren häufig auch nur eine begrenzte Auswahl von "typischen" und einfach beschreibbaren Berufen und Arbeitsstellen.

Auch in der Pubertät und oft darüber hinaus sind die "offen" - das heißt vor allem Erwachsenen gegenüber - geäußerten Berufswünsche entweder wenig konkret oder ständig wechselnd: je nach dem aktuellen Trend in der Clique oder einem gerade aufgetauchten (und meist auch recht vergänglichen) Vorbild: vom neuen Mathematikprofessor bis zur Reitlehrerin. Die Tagebücher oder ganz eng vertraute Freunde wissen mehr: Rennfahrer, Popstar, Model, Dichter, Malerin, Tropenarzt ... der Stoff, aus dem diese Träume sind, ist dünn gewebt und kurzlebig wie die mediale Information, die oft nur Idol und Ideal präsentiert, aber "Blut, Schweiß und Tränen" ebenso dezent verschweigt wie die Tatsache, daß es in der Regel nur einen Weltcupsieger und einen Regisseur gibt, aber viele Mitläufer und Komparsen.

Neben den Wunschfiguren und Traumbildern rückt dann aber doch die Realität in den Vordergrund, zunächst mit 14, 15 Jahren. Weiter in die Schule und vielleicht einmal ein Studium, berufsbildende mittlere Schule, "Karriere mit Lehre" oder gleich arbeiten und verdienen? Nur die Mittelschüler dürfen noch ein paar Jahre weiterträumen, alle anderen sind mit Entscheidungsdruck und vielfältigen Fremd- beziehungsweise Außeneinwirkungen und den Gegebenheiten des Bildungs- und Arbeitsmarktes konfrontiert. In dieser Realität tritt dem vagen wie dem konkreten Berufswunsch alles mögliche zur Seite oder auch entgegen: die (unter anderem von der Geschwisterzahl) abhängigen Familienfinanzen, Geschlechtsrollenklischees, regionale und lokale Angebote beziehungsweise Mobilitätserfordernisse. Und in den meisten Fällen werden eigene Vorstellungen und Ziele (sofern vorhanden) stark ge- oder umgeformt von Eltern, Lehrern, Bekannten und Berufsberatern, und auch der "Sog" der Freundesgruppe in bestimmte Richtungen macht sich bemerkbar.

Endgültig entscheidend ist dann neben der Such-Hartnäckigkeit und -Dauer bzw. dem aktivierbaren Informationsnetz und Hilfeleistungspotential der Zufall beziehungsweise Glück (oder auch Glück im Unglück).

Wenn also an der Krankenpflegeschule kein Platz frei ist, kann es zuletzt auch die Handelsschule sein, statt Elektriker lernt man eben Belagsverleger, und die potentielle Friseurin landet in einer Tischlerei. Oder: gar nichts gefunden, irgendein weiteres Schuljahr als Verlegenheitslösung beziehungsweise Hilfsarbeit.

Sind damit alle Wünsche ad acta gelegt, die Träume ausgeträumt? Empirische Berufswahlstudien zeigen deutlich, daß die Zufriedenheit mit dem Lehr- beziehungsweise Ausbildungs- und Arbeitsplatz - und auch der spätere berufliche Erfolg - nicht so sehr von der Realisierung (meist ohnedies kaum durch Vorwissen und Erfahrung geprägter) Wünsche oder gar Träume abhängen. Viel wichtiger sind Lern- und Arbeitsklima, das Wecken von Interesse, Engagement und Aktivität, Bestätigungs- und Erfolgserlebnisse, und die Reaktion des sozialen Umfelds - also die Anerkennung durch Familie und Freunde. Nicht selten kommt dann "mit dem Essen der Appetit", man erkennt Spezialisierungs-, Weiterbildungs- und allenfalls Umschulungschancen oder entdeckt und akzeptiert Kompensationsmöglichkeiten im Konsum- oder Freizeitbereich.

Den "gläsernen Plafond" (infolge einer nicht erworbenen oder unpassenden, einseitigen oder schwer ausbaubaren) Qualifikation gibt es im Ausbildungs- und Arbeitsbereich kaum mehr. Flexibilität ist weitgehend möglich und sogar gefragt, der "Lebensberuf" ein seltenes Relikt und "life-long-learning" sowohl Anforderung wie Chance. Nicht wirklich für alle, nicht uneingeschränkt, allerdings: regionale Disparitäten und geschlechtsspezifische Diskriminierung sind nach wie vor ebensowenig wegzuleugnen wie schlechte(re) Berufs- und Arbeitsmarktchancen für Behinderte, Ältere, Ausländer und sozial oder psychisch Gehandicapte. Wer Marktkriterien nicht zumindest annähernd erfüllt, wird ausgeschlossen, im günstigsten Fall in Nischen abgeschoben oder irgendwie berentet. Wobei es meist nicht so sehr an Finanzmitteln oder innovativen Projektideen mangelt, sondern an der Umsetzungsbereitschaft.

Die Autorin ist stv. Institutsleiter am Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik der Universität Linz und fast 36 Jahre in der Bildungs-, Berufs- und Arbeitsmarktforschung tätig.

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