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Feuilleton

Umberto Ecos "Baudolino"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Einer Reihe etwas schwächerer Werke folgte nun ein Buch ohnegleichen, ein Kosmos, ein singuläres Leseabenteuer.

Baudolino", der neue Roman von Umberto Eco, reiht sich würdig an den "Namen der Rose", einen der größten Bucherfolge der letzten Jahrzehnte. "Baudolino" spielt aber nicht in der abgeschlossenen Welt einer Abtei und ist kein neuer Mittelalter-Krimi. Eco treibt seine Hauptfigur kreuz und quer durch die Welt des zwölften und beginnenden dreizehnten Jahrhunderts und noch weit darüber hinaus, bis zu den Fabelwesen und an die Pässe, hinter denen das legendäre Reich des Priesters Johannes liegen soll. Aber weiss man das so genau? Selbst den Diakon Johannes in Pndapetzim beschleichen manchmal Zweifel an der Existenz des Priesters Johannes. Ist er etwa eine Erfindung der Eunuchen, die seine einzige Verbindung zur Außenwelt sind? Und wenn selbst die Weißen Hunnen eine Erfindung der Eunuchen wären? Schon den Weg nach Pndapetzim hat bei der Ankunft Baudolinos und seiner Gefährten seit tausend Jahren kein Außenstehender mehr geschafft.

Umberto Eco hat seit dem "Namen der Rose" etliche Bücher geschrieben, aber keinem konnte man einen ähnlichen Erfolg prophezeien. Die "Rose" brachte es bisher auf eine Weltauflage von 15 Millionen. "Baudolino" hat die Chance, an diesen Rekord heranzukommen. "Baudolino" ist ein Buch zum Verschlingen, welches sein stellenweise furioses Tempo und seine Spannung von Anfang bis Ende hält und höchstens im allerletzten Teil einmal vier oder fünf Seiten lang durchhängt. Dort, wo die Jungfrau Hypatia Baudolino die Philosophie der Hypatias erklärt. Der leichte Schock ob Hypatias Körperbau, der dann aber doch kein Schock ist, sondern exzentrische Genüsse verspricht, steht ihm da noch bevor. Er kann ihr, welches Glück, die Freuden der körperlichen Liebe, die seit tausend Jahren keine Hypatia mehr genießen durfte, doch zuteil werden lassen.

Ecos Rezept ist einfach, das Ergebnis fulminant. Man erfinde eine Figur, die es gegeben haben könnte, stelle sie ins Zentrum der gewünschten Epoche und lasse sie die wildesten Dinge erleben. Das Ergebnis hängt dann nur noch von der Einbildungskraft des Autors und von seinem Können als Erzähler ab. Bei Eco ist beides im Übermaß vorhanden. Verglichen mit "Baudolino" war "Der Name der Rose" bei aller Phantasie ein streng komponiertes Buch. Nach jenem gewaltigen Auftritt schrieb Eco einige exzellent erzählte Bücher, deren Handlung allerdings hinter Ecos Erzählkunst einherherhinkte. Erst bei "Baudolino" stimmt wieder beides überein, das Resultat ist umwerfend.

In der Phantasie ist alles möglich. Warum soll sich Kaiser Barbarossa also nicht allein im Nebel verirrt und einen verdreckten kleinen Bauernbuben nach dem Weg gefragt haben. Ein wissbegieriges Bürschlein, das sich bereits das Lesen angeignet hat. Warum soll der Kaiser nicht unerkannt in der Hütte des Vaters nächtigen und am Morgen den in den Augen des Vaters ohnehin etwas missratenen Knaben mit sich und alsbald auch als Adoptivkind annehmen? Worauf sich die Ereignisse überstürzen und 600 Seiten lang Purzelbäume schlagen. Die halten selbst den ungeduldigsten, sonst nicht zu Marathon-Lektüren neigenden Leser in Atem.

In einer klug ersonnenen Rahmenhandlung erzählt Baudolio, bevor er sich noch einmal auf den Weg macht und dann nicht mehr da ist, dem Niketas Choniates sein Leben. Man schreibt den 14. April Anno Domini 1204 "oder im Jahre 6712 seit Anbeginn der Welt, wie man in Byzanz zu zählen pflegte". Das christliche Byzanz steht in Flammen, geplündert und angezündet von den christlichen Kreuzfahrern. Niketas, vormals Redner am Hofe des Kaisers von Byzanz, oberster Richter des Reiches, Richter des Velums und Logothet der Sekreta sowie Geschichtsschreiber vieler Komnenen sowie der Angeloi, den gerade zwei Kreuzfahrer berauben wollen, sieht sich bereits als toten Mann. Da sprengt ein Kreuzfahrer hoch zu Ross in die Hagia Sophia, verprügelt die sturzbetrunkenen Plünderer mit der Breitseite seines Schwerts und rettet Niketas. Es ist Baudolino, den es zufällig wieder einmal nach Byzanz verschlagen und der einem Angreifer Pferd und Ausstattung abgenommen hat. Sie bringen sich in Sicherheit und nun hört Niketas seinem Retter zu.

Mit so viel Saft und Kraft und historischem Wissen und so pointierter Sprache wurde schon lang nicht mehr vom Mittelalter erzählt. Kaiser Barbarossas Verwicklung in die Händel der oberitalienischen Städte ist Hintergrund einer langen Kette von Kriegsabenteuern, Raubersg'schichten und Liebesromanzen, nicht zu vergessen die Schilderungen des studentischen Lebens in Paris. Raffiniert untermischt Umberto Eco seine Erzählung mit den mystischen Strömungen der Zeit. Während in Italien die Waffen klirren, verfallen in Paris Baudolino und seine Freunde ihrem Lebenstraum, der Suche nach dem heiligen Gral und nach dem Reich des Priesters Johannes, dem der Gral - den man erst einmal haben müsste - übergeben werden soll. Nebstbei üben sie sich in der Kunst, fast echte falsche Urkunden und Dokumente herzustellen. Die stand damals bekanntlich tatsächlich in Blüte.

Bischof Otto hat Baudolino sterbend einen Auftrag gegeben, "entkräftet von Sumpffieber, Gliederschmerzern, Blutandrang in der Brust und seinem alten Blasensteinleiden. Zahlreiche Ärzte, darunter auch einige Araber und Juden, also die besten, die ein Kaiser einem Bischof anbieten konnte, hatten seinen geschwächten Körper mit zahllosen Aderlässen gemartert, doch - aus Gründen, die jene Koryphäen der Wissenschaft nicht zu erklären vermochten - nachdem sie ihm fast alles Blut abgesaugt hatten, ging es ihm noch schlechter, als wenn sie es ihm gelassen hätten."

Wie in der geistigen Welt des Mittelalters mischen sich auch bei Eco mystische Sehnsucht nach dem Gral und dem Reich des Priesters Johannes mit handfesten politischen Interessen. Ein neuer Kreuzzug könnte Barbarossa aus den kräftezehrenden italienischen Querelen herauslösen. Die Sache ging schief, wie wir wissen. Umberto Eco liefert uns gleich mehrere durchaus mögliche weitere Versionen vom Tod des angeblich ertrunkenen Kaisers. Eine davon ist für Baudolino so unerträglich, dass er für längere Zeit die verwaiste Säule eines verblichenen Säulenheiligen übernimmt.

Die Rahmenhandlung, mit der Baudolinos Erzählung relativiert wird - schon Niketas gibt es auf, den nüchternen Weizen von der schönen Spreu zu sondern - ermöglicht es dem Autor, seinen überbordenden Einfällen völlig freien Lauf zu lassen. Dabei bewegt er sich immer in den Phantasiewelten des Mittelalters. Der Marsch der angeblichen heiligen Könige durch das Land der Abkasianer, in dem es kein Licht gibt und man daher alles mögliche hören, riechen und spüren, aber nichts sehen kann, ist ein Höhepunkt poetischer Fabulierungskunst. "Baudolino" ist ein Buch ohnegleichen, ein Kosmos, ein singuläres Leseabenteuer.

BAUDOLINO

Roman von Umberto Eco

Übersetzung: Burkhart Kroeber

Hanser Verlag, München 2007

600 Seiten, geb., öS 364,-/e 26,42

Einer Reihe etwas schwächerer Werke folgte nun ein Buch ohnegleichen, ein Kosmos, ein singuläres Leseabenteuer.

Baudolino", der neue Roman von Umberto Eco, reiht sich würdig an den "Namen der Rose", einen der größten Bucherfolge der letzten Jahrzehnte. "Baudolino" spielt aber nicht in der abgeschlossenen Welt einer Abtei und ist kein neuer Mittelalter-Krimi. Eco treibt seine Hauptfigur kreuz und quer durch die Welt des zwölften und beginnenden dreizehnten Jahrhunderts und noch weit darüber hinaus, bis zu den Fabelwesen und an die Pässe, hinter denen das legendäre Reich des Priesters Johannes liegen soll. Aber weiss man das so genau? Selbst den Diakon Johannes in Pndapetzim beschleichen manchmal Zweifel an der Existenz des Priesters Johannes. Ist er etwa eine Erfindung der Eunuchen, die seine einzige Verbindung zur Außenwelt sind? Und wenn selbst die Weißen Hunnen eine Erfindung der Eunuchen wären? Schon den Weg nach Pndapetzim hat bei der Ankunft Baudolinos und seiner Gefährten seit tausend Jahren kein Außenstehender mehr geschafft.

Umberto Eco hat seit dem "Namen der Rose" etliche Bücher geschrieben, aber keinem konnte man einen ähnlichen Erfolg prophezeien. Die "Rose" brachte es bisher auf eine Weltauflage von 15 Millionen. "Baudolino" hat die Chance, an diesen Rekord heranzukommen. "Baudolino" ist ein Buch zum Verschlingen, welches sein stellenweise furioses Tempo und seine Spannung von Anfang bis Ende hält und höchstens im allerletzten Teil einmal vier oder fünf Seiten lang durchhängt. Dort, wo die Jungfrau Hypatia Baudolino die Philosophie der Hypatias erklärt. Der leichte Schock ob Hypatias Körperbau, der dann aber doch kein Schock ist, sondern exzentrische Genüsse verspricht, steht ihm da noch bevor. Er kann ihr, welches Glück, die Freuden der körperlichen Liebe, die seit tausend Jahren keine Hypatia mehr genießen durfte, doch zuteil werden lassen.

Ecos Rezept ist einfach, das Ergebnis fulminant. Man erfinde eine Figur, die es gegeben haben könnte, stelle sie ins Zentrum der gewünschten Epoche und lasse sie die wildesten Dinge erleben. Das Ergebnis hängt dann nur noch von der Einbildungskraft des Autors und von seinem Können als Erzähler ab. Bei Eco ist beides im Übermaß vorhanden. Verglichen mit "Baudolino" war "Der Name der Rose" bei aller Phantasie ein streng komponiertes Buch. Nach jenem gewaltigen Auftritt schrieb Eco einige exzellent erzählte Bücher, deren Handlung allerdings hinter Ecos Erzählkunst einherherhinkte. Erst bei "Baudolino" stimmt wieder beides überein, das Resultat ist umwerfend.

In der Phantasie ist alles möglich. Warum soll sich Kaiser Barbarossa also nicht allein im Nebel verirrt und einen verdreckten kleinen Bauernbuben nach dem Weg gefragt haben. Ein wissbegieriges Bürschlein, das sich bereits das Lesen angeignet hat. Warum soll der Kaiser nicht unerkannt in der Hütte des Vaters nächtigen und am Morgen den in den Augen des Vaters ohnehin etwas missratenen Knaben mit sich und alsbald auch als Adoptivkind annehmen? Worauf sich die Ereignisse überstürzen und 600 Seiten lang Purzelbäume schlagen. Die halten selbst den ungeduldigsten, sonst nicht zu Marathon-Lektüren neigenden Leser in Atem.

In einer klug ersonnenen Rahmenhandlung erzählt Baudolio, bevor er sich noch einmal auf den Weg macht und dann nicht mehr da ist, dem Niketas Choniates sein Leben. Man schreibt den 14. April Anno Domini 1204 "oder im Jahre 6712 seit Anbeginn der Welt, wie man in Byzanz zu zählen pflegte". Das christliche Byzanz steht in Flammen, geplündert und angezündet von den christlichen Kreuzfahrern. Niketas, vormals Redner am Hofe des Kaisers von Byzanz, oberster Richter des Reiches, Richter des Velums und Logothet der Sekreta sowie Geschichtsschreiber vieler Komnenen sowie der Angeloi, den gerade zwei Kreuzfahrer berauben wollen, sieht sich bereits als toten Mann. Da sprengt ein Kreuzfahrer hoch zu Ross in die Hagia Sophia, verprügelt die sturzbetrunkenen Plünderer mit der Breitseite seines Schwerts und rettet Niketas. Es ist Baudolino, den es zufällig wieder einmal nach Byzanz verschlagen und der einem Angreifer Pferd und Ausstattung abgenommen hat. Sie bringen sich in Sicherheit und nun hört Niketas seinem Retter zu.

Mit so viel Saft und Kraft und historischem Wissen und so pointierter Sprache wurde schon lang nicht mehr vom Mittelalter erzählt. Kaiser Barbarossas Verwicklung in die Händel der oberitalienischen Städte ist Hintergrund einer langen Kette von Kriegsabenteuern, Raubersg'schichten und Liebesromanzen, nicht zu vergessen die Schilderungen des studentischen Lebens in Paris. Raffiniert untermischt Umberto Eco seine Erzählung mit den mystischen Strömungen der Zeit. Während in Italien die Waffen klirren, verfallen in Paris Baudolino und seine Freunde ihrem Lebenstraum, der Suche nach dem heiligen Gral und nach dem Reich des Priesters Johannes, dem der Gral - den man erst einmal haben müsste - übergeben werden soll. Nebstbei üben sie sich in der Kunst, fast echte falsche Urkunden und Dokumente herzustellen. Die stand damals bekanntlich tatsächlich in Blüte.

Bischof Otto hat Baudolino sterbend einen Auftrag gegeben, "entkräftet von Sumpffieber, Gliederschmerzern, Blutandrang in der Brust und seinem alten Blasensteinleiden. Zahlreiche Ärzte, darunter auch einige Araber und Juden, also die besten, die ein Kaiser einem Bischof anbieten konnte, hatten seinen geschwächten Körper mit zahllosen Aderlässen gemartert, doch - aus Gründen, die jene Koryphäen der Wissenschaft nicht zu erklären vermochten - nachdem sie ihm fast alles Blut abgesaugt hatten, ging es ihm noch schlechter, als wenn sie es ihm gelassen hätten."

Wie in der geistigen Welt des Mittelalters mischen sich auch bei Eco mystische Sehnsucht nach dem Gral und dem Reich des Priesters Johannes mit handfesten politischen Interessen. Ein neuer Kreuzzug könnte Barbarossa aus den kräftezehrenden italienischen Querelen herauslösen. Die Sache ging schief, wie wir wissen. Umberto Eco liefert uns gleich mehrere durchaus mögliche weitere Versionen vom Tod des angeblich ertrunkenen Kaisers. Eine davon ist für Baudolino so unerträglich, dass er für längere Zeit die verwaiste Säule eines verblichenen Säulenheiligen übernimmt.

Die Rahmenhandlung, mit der Baudolinos Erzählung relativiert wird - schon Niketas gibt es auf, den nüchternen Weizen von der schönen Spreu zu sondern - ermöglicht es dem Autor, seinen überbordenden Einfällen völlig freien Lauf zu lassen. Dabei bewegt er sich immer in den Phantasiewelten des Mittelalters. Der Marsch der angeblichen heiligen Könige durch das Land der Abkasianer, in dem es kein Licht gibt und man daher alles mögliche hören, riechen und spüren, aber nichts sehen kann, ist ein Höhepunkt poetischer Fabulierungskunst. "Baudolino" ist ein Buch ohnegleichen, ein Kosmos, ein singuläres Leseabenteuer.

BAUDOLINO

Roman von Umberto Eco

Übersetzung: Burkhart Kroeber

Hanser Verlag, München 2007

600 Seiten, geb., öS 364,-/e 26,42