180 Grad - © Foto: iStock / JazzIRT
Feuilleton

Umkehr ist möglich

1945 1960 1980 2000 2020

Um Zwietracht zu überwinden, braucht es die Begegnung mit Andersdenkenden. Bastian Berbner erzählt in seinem Buch von Menschen, die sich von ihren Feindbildern lösten.

1945 1960 1980 2000 2020

Um Zwietracht zu überwinden, braucht es die Begegnung mit Andersdenkenden. Bastian Berbner erzählt in seinem Buch von Menschen, die sich von ihren Feindbildern lösten.

Literatur, die es ernst mit unserer Gegenwart meint, setzt gern Alarmsignale. Wenn wir schon nicht in der besten aller Welten leben, dann dürfen politisch denkende Autorinnen und Autoren sich nicht aus dem Spiel nehmen, indem sie die raue und sich immer noch rauer entwickelnde Wirklichkeit ignorieren. Fantasiewelten gut und schön, sie weisen jedoch die Nebenerscheinung auf, dass sie von den Härten der Zeit ablenken. Eskapismus lautete in den politisch bewegten 1970er Jahren das Schlagwort, mit dem Unterhaltungsliteratur der Vorwurf gemacht wurde, dass sie den Mächtigen den Boden bereite, mit uns machen zu können, was immer ihnen beliebte. Heute hat sich ein neues Bewusstsein für eine kritische Literatur herausgebildet, den herrschenden Zuständen den Kampf anzusagen.

Es ist wenig von Utopien zu lesen, Dystopien aber, deren negative Schwestern, finden wir bald einmal. Unter den Jüngeren arbeiten manche an zeithistorischen Stoffen, um beispielhaft davon zu erzählen, wie sich ein autoritäres Regime durchsetzt und was das für den Einzelnen bedeutet. Klimakrise, Flüchtlingsdramen, prekäre Lebensverhältnisse, eine fatale Neigung zur Abschottung des Individuums und der Gesellschaft überhaupt gegenüber den Anderen bieten Anlass genug, sich als Schriftsteller all das Unerfreuliche, Bedrängende zu seiner Sache zu machen. Wer davon Zeugnis ablegen will, dass es nicht nur schlimm bestellt ist um uns, steht schnell auf verlorenem Posten.

Spaltung überwinden

Bastian Berbner will nicht glauben, dass es mit Negativbotschaften allein getan ist. Er arbeitet als Redakteur der Wochenzeitung Die Zeit und hat Menschen gesucht, die davon überzeugt wurden, ihrem Leben in Vorurteilen eine radikale Wendung zu verpassen. In acht Geschichten erzählt er von Begegnungen mit Männern und Frauen, die sich aufgrund eigener Erfahrung von falschen Prägungen befreien konnten. Niemand muss Nazi oder Islamist auf Lebenszeit bleiben. Spaltung ist zwar das Wort zur Stunde, wenn man die Wirkung so autoritär bewegter Weltgestalter wie Trump, Erdoğan oder Bolsonaro beobachtet. Berbner dazu: „Wie die Gesellschaft aussieht, in der wir leben, bestimmen wir ja selbst. Insofern finde ich die Frage wichtig: Wie haben es Gesellschaften geschafft, Spaltung zu überwinden? Gibt es politische Werkzeuge oder Strategien, die anderswo funktioniert haben und aus denen wir Schlüsse ziehen können? Einzelne Menschen schaffen das häufig, indem sie jenen, die sie vorverurteilt haben, begegnen. Vorurteile werden ja häufig aus der Ferne aufgebaut. Man legt sich ein Feindbild zurecht über einen Menschen, den man nicht kennt.

Literatur, die es ernst mit unserer Gegenwart meint, setzt gern Alarmsignale. Wenn wir schon nicht in der besten aller Welten leben, dann dürfen politisch denkende Autorinnen und Autoren sich nicht aus dem Spiel nehmen, indem sie die raue und sich immer noch rauer entwickelnde Wirklichkeit ignorieren. Fantasiewelten gut und schön, sie weisen jedoch die Nebenerscheinung auf, dass sie von den Härten der Zeit ablenken. Eskapismus lautete in den politisch bewegten 1970er Jahren das Schlagwort, mit dem Unterhaltungsliteratur der Vorwurf gemacht wurde, dass sie den Mächtigen den Boden bereite, mit uns machen zu können, was immer ihnen beliebte. Heute hat sich ein neues Bewusstsein für eine kritische Literatur herausgebildet, den herrschenden Zuständen den Kampf anzusagen.

Es ist wenig von Utopien zu lesen, Dystopien aber, deren negative Schwestern, finden wir bald einmal. Unter den Jüngeren arbeiten manche an zeithistorischen Stoffen, um beispielhaft davon zu erzählen, wie sich ein autoritäres Regime durchsetzt und was das für den Einzelnen bedeutet. Klimakrise, Flüchtlingsdramen, prekäre Lebensverhältnisse, eine fatale Neigung zur Abschottung des Individuums und der Gesellschaft überhaupt gegenüber den Anderen bieten Anlass genug, sich als Schriftsteller all das Unerfreuliche, Bedrängende zu seiner Sache zu machen. Wer davon Zeugnis ablegen will, dass es nicht nur schlimm bestellt ist um uns, steht schnell auf verlorenem Posten.

Spaltung überwinden

Bastian Berbner will nicht glauben, dass es mit Negativbotschaften allein getan ist. Er arbeitet als Redakteur der Wochenzeitung Die Zeit und hat Menschen gesucht, die davon überzeugt wurden, ihrem Leben in Vorurteilen eine radikale Wendung zu verpassen. In acht Geschichten erzählt er von Begegnungen mit Männern und Frauen, die sich aufgrund eigener Erfahrung von falschen Prägungen befreien konnten. Niemand muss Nazi oder Islamist auf Lebenszeit bleiben. Spaltung ist zwar das Wort zur Stunde, wenn man die Wirkung so autoritär bewegter Weltgestalter wie Trump, Erdoğan oder Bolsonaro beobachtet. Berbner dazu: „Wie die Gesellschaft aussieht, in der wir leben, bestimmen wir ja selbst. Insofern finde ich die Frage wichtig: Wie haben es Gesellschaften geschafft, Spaltung zu überwinden? Gibt es politische Werkzeuge oder Strategien, die anderswo funktioniert haben und aus denen wir Schlüsse ziehen können? Einzelne Menschen schaffen das häufig, indem sie jenen, die sie vorverurteilt haben, begegnen. Vorurteile werden ja häufig aus der Ferne aufgebaut. Man legt sich ein Feindbild zurecht über einen Menschen, den man nicht kennt.

Sobald man auf Gemeinsamkeiten stößt, schwinden die Widerstände, dem anderen Verständnis entgegenzubringen.

Lernt man ihn dann kennen, greift die Realität dieses Feindbild an. Aus Schwarz- Weiß wird Grau. Manchmal bleibt am Ende nicht mehr viel übrig vom Vorurteil, in seltenen Fällen führt dieser Mechanismus sogar dazu, dass aus Feinden Freunde werden.“ Dass aus Feinden Freunde werden ist viel verlangt, in Einzelfällen gelingt das wie das Beispiel eines Paares zeigt, das eine Aversion gegen Roma ausgebildet hat. Ihnen widerfährt es, dass eine Roma- Familie in ihrem Haus einzieht. Das reicht für ein Trauma. In diesem Fall aber nähern sich die beiden den Roma an, sehen plötzlich die Menschen hinter einer Gruppe, die sie nur pauschal zu verurteilen gewohnt waren. Es bildet sich tatsächlich eine Freundschaftsbeziehung.

Für eine Gesellschaft von Nutzen ist es bereits, wenn Einzelne begreifen, dass der Fremde kein Gegner und schon gar kein Feind ist, sondern jemand, den man in seinem Anderssein akzeptiert. Vorurteile kommen aus starken Gefühlen wie Angst oder Wut. Dagegen hat es die Vernunft schwer anzukämpfen. „Das stimmt“, sagt Berbner. „Genau das ist der Grund dafür, dass es selten etwas bringt, den Menschen zu sagen, dass sie einem Vorurteil aufsitzen. Sie müssen es selbst erleben, sie müssen es spüren. Und das geht am besten, wenn derjenige, den sie vorverurteilen, plötzlich vor ihnen steht und ganz anders ist, als sie sich vorgestellt haben.“

Geglückte Einzelfälle

Als besonders schwere Fälle gelten die politisch Verbohrten, die meinen, einen Auftrag erfüllen zu müssen, der ohne Anwendung von Gewalt nicht zu erreichen ist. Berbner lernte einen jungen Mann kennen, der drauf und dran war, sich als Islamist dem Terror zu verschreiben: „Es handelt sich um einen jungen Mann, den ich im Buch Jamal nenne. Er wuchs als Muslim in Dänemark auf, radikalisierte sich in wenigen Monaten und war bereit, in den Dschihad zu ziehen. Dann klingelte sein Telefon und ein Polizist der Präventionseinheit war dran. Er hat ihn zu einem Kaffee eingeladen, woraufhin dieser junge Islamist einem Menschen begegnet ist, den er für einen Feind hielt, der sich aber ganz anders verhielt. Es hat dann eine ganze Zeit gedauert, aber die Begegnung mit diesem Polizisten – und später mit einem Mentor – haben ihn vom Dschihadismus abgebracht und wieder zurück in die Gesellschaft geführt. Und übrigens nicht nur ihn, sondern eine ganze Reihe Islamisten und Neonazis.“

Die meisten führen inzwischen ein unauffälliges Leben, sind berufstätig und gehen auf Distanz zu ihren früheren Jahren. Bei manchen hat die Überzeugungsarbeit gar nicht angeschlagen, sie sind entweder im Kampf in Syrien oder im Irak gefallen oder halten sich immer noch dort auf. Literatur und journalistische Beiträge wie jene von Bastian Berbner beziehen sich auf geglückte Einzelfälle. Wie lassen sich diese auf die ganze Gesellschaft übertragen? Dass das problematisch ist, ist Berbner selbst bewusst: „Das war die große Frage, die ich am Anfang der Recherche hatte. Es war klar, dass dieser Mechanismus im Kleinen funktioniert. Aber tut er das auch im Großen? Kann man das, was zwischen zwei Menschen zu Verständnis und Versöhnung führt, auf eine Massengesellschaft übertragen? Ich habe Beispiele gefunden, wo genau das geklappt hat, das größte und extremste stammt sicherlich aus Botswana. Dort hat es eine Gesellschaft geschafft, durch ein groß angelegtes Kontaktprogramm die Stammesidentitäten zu überwinden und eine Nationalgefühl herzustellen.

Das hat mit dazu beigetragen hat, dass Botswana – anders als viele andere afrikanische Staaten – nicht mit ethnischer Gewalt zu kämpfen hat.“ 180-Grad-Wendungen sind für einen Einzelnen machbar. Schwierig ist es jedoch, eine Gesellschaft zu therapieren. Dazu Berbner: „Wenn das Kollektiv aus lauter Einzelnen besteht, darf schon die Hoffnung sein, dass es im Gesamten einen Unterschied macht, wenn man sich um das Individuum kümmert. Dänemark hat sein Extremismusproblem weitgehend in den Griff bekommen, indem es sich um einige Dutzend Radikale gekümmert hat.“ Bastian Berbner hat ein optimistisches Buch geschrieben. Voraussetzung für die Vertreibung der Zwietracht ist die Begegnung mit anders Denkenden. Sobald man auf Gemeinsamkeiten stößt, schwinden die Widerstände, dem anderen Verständnis entgegenzubringen. Nicht in jedem Fall, aber häufig.

Berbner: 180 Grad - © Foto: C. H. Beck
© Foto: C. H. Beck
Buch

180 Grad

Geschichten gegen den Hass
Von Bastian Berbner
C. H. Beck 2019
208 S., kart., € 17,50