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Feuilleton

Unbändig, voll Kraft und Weltschmerz

1945 1960 1980 2000 2020
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"Mr. Turner - Meister des Lichts“: Mike Leigh weckt in seinem neuem Film den Vorläufer des Impressionismus erstaunlich faszinierend zum Leben.

Stellen Sie sich vor: Sie haben soeben drei Wochen lang damit verbracht, geradezu besessen akribisch ein Picassogemälde nachzumalen. Sie haben jedes Detail über den kreativen Prozess dieses Künstlers recherchiert, Sie haben seine Pinselführung einstudiert, seine Haltung, jeden Farbtupfer in einen Gedankenstrich verwandelt - wohl niemand könnte auf den ersten Blick sagen, das wäre nicht das Original "Guernica“ oder Sie nicht der echte Pablo. Und dann müssen Sie das Gemälde zerstören. Weil es zu echt aussieht.

So ist es Julian Schnabel ergangen, beziehungsweise seinem Art Director, als sie 1996 den Film "Basquiat“ drehten. Man kann offenbar nicht einfach eine Kopie eines Monets oder Picassos in einen Rahmen spannen und "Action!“ rufen, nein, dem muss ein langwieriger und komplizierter Rechte-Klärungs-Prozess vorausgehen, der sehr viel Geld kostet und im Zuge dessen nicht wenige Produktionsstudios w.o. geben. Das Gute daran ist, dass sich der Regisseur dann zu dem, was man allgemein als "Künstlerbiografie“ bezeichnet, einen anderen Zugang einfallen lassen muss, als einfach Schauspieler dabei zu filmen, wie sie jemanden spielen, der zum Beispiel gerade malt.

Maler auf der Kino-Leinwand

Julian Schnabel ist dies damals nicht wirklich gelungen, anders als etwa Maurice Pialat, der mit "Van Gogh“ (1991) die vielleicht großartigste aller filmischen Maler-Biografien schuf - und darin kein einziges Van-Gogh-Gemälde zeigte. Ähnlich herausragend ist nun auch Mike Leighs neuer Film "Mr. Turner - Meister des Lichts“, der viel mehr erzählt als eine Chronologie der Ereignisse der letzten 25 Jahre im Leben des Malers Joseph Mallord William Turner (1775-1851).

Mit "Topsy Turvy“ hat Leigh 1999 bereits das Komponistenduo Gilbert & Sullivan porträtiert. Sein "Mr. Turner“ ist nun aber nicht nur genretechnisch eine Fortführung dessen, sondern tatsächlich auch eine Weiterentwicklung. Dieses Mal aber hat Leigh geradezu einen Dicken’schen Film gemacht: Ex-Frauen, Geliebte und Seereisen, all das, wie von bittersüßem Nostalgie-Parfum durchdrungen, vor endlosen Landschaften - abgründig, traurig, aber wahr. Dazu gibt es eine Haushälterin, großartig gespielt von Dorothy Atkinson, durch die dieser "Mr. Turner“ noch greifbarer, noch verständlicher wird.

Leigh verwebt die Kritik am Establishment perfekt mit den fein nuancierten Eigenschaften seiner Figuren, lässt sie zum Spiegel einer Zeit werden: Die Eisenbahn war auf dem Vormarsch wie die Fotografie, und gerade London stand im Bann des technischen Fortschritts. Gleichzeitig bleibt Leighs Blick auf seine Personen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konventionen und politischer Entwicklungen abgeklärt. "Das Betrachten von Kunst ist keine Gelegenheit, um zynisch zu werden“, sagt ein Kunstsammler-Dandy im Film einmal.

Rüpeln, grunzen, spucken

Leighs Dreh- und Angelpunkt ist der Titel gebende Mister Turner in Gestalt von dessen Darsteller Timothy Spall, dem Leigh allen Raum gibt, zu rüpeln, zu grunzen und auf die Leinwand zu spucken, weil sein noch den Schweinsbraten zersetzender Speichel eine bessere Konsistenz hat als Wasser, um sich mit der Farbe zu verbinden. In einer Szene drückt Turner einem seiner Schiffsgemälde mit dem speichelnassen Daumen eine rote Boje auf - und der daneben malende Kollege fühlt sich brüskiert.

Turner ist für Leigh ein Einzelgänger, nicht nur, weil ihn die akademische Szene an den Rand drängt; er will mit den Snobs der Royal Academy nichts zu tun haben. Und: Turner war einer der wenigen Maler, die schon zu Lebzeiten erfolgreich waren und von ihrer Kunst leben konnten.

Finanziell kann Turner es sich leisten, Ausflüge ans Meer zu machen, er tut dies umso öfter, je mehr er sich im Hafenstädtchen Margate in die Chefin jener Pension verliebt, wo er regelmäßig nächtigt.

"Die Malerei“, sagt Blaise Pascal, "ist eine unnütze Kunst, indem sie von uns Bewunderung für Dinge fordert, die wir in Wirklichkeit wenig bewundernswert finden.“ Als Regisseur stellt man sich die gleiche Frage: Kino ist, frei nach Eric Rohmer, die Kunst, eine Bühne zu organisieren, auf der sichtbar wird, was sich bereits in der Welt befindet.

Turner zeigte in seinen "unscharfen“ Gemälden das, was in der Fotografie und im Kino als Pictorialismus im Kommen war. Leigh macht sich für seinen Film genau das zunutze. Ziel des Pictorialismus war es, nicht lediglich ein bloßes, einen Augenblick in der Realität festhaltendes Abbild des Motivs herzustellen, sondern eine symbolische Darstellung von Gemütszuständen zu erzielen. In "Mr. Turner“ sieht man also nicht den Maler, der malt (auch wenn Spall für diese Rolle zwei Jahre lang Malunterricht nahm), sondern einen von Weltschmerz zerrissenen und Grenzerfahrung suchenden Verlorenen, der auf seine Leinwand zutaumelt, weil er nur dort hinausbringen kann, was in ihm ist.

Ein Trieb-Trunkener

Timothy Spall spielt diesen Trieb-Trunkenen mit großer Präzision in kleinen Gesten und mit einer inneren Haltung zwischen Widerstand und Ergebenheit. Der mit Menschen so ungeduldige Turner wartete wochenlang aufs richtige Licht und kehrte wiederholt an den Platz auf einem Hügel zurück, bis die Sonne im rechten Winkel stand, damit er eine Ähre malen konnte, die sich aus der Nähe vor ein Schiff schob, das man in der Distanz nur erahnte. Mike Leigh findet in diesem Film dafür das richtige Tempo wie auch die visuelle Textur.

In einer brillanten Einstellung, die sich dem kongenialen Kameramann Dick Pope verdankt, sieht man eine verwischte Landschaft, die in den meisten anderen Filmen tatsächlich die Abbildung eines Gemäldes gewesen wäre. Doch als sich die Kamera allmählich und langsam zurückzuziehen beginnt, erkennt man, dass hier Turner selbst inmitten eines Feldes steht. Nicht weniger als großartig ist diese Fusion der künstlerischen Handschrift Turners mit der filmischen Sprache dieses Films.

Sein faszinierendes Geheimnis bewahrt sich der Film aber trotz allem. Was definiert die Beziehung zwischen Künstler und dem Gegenstand seiner Arbeit? Kann man das erklären? Leighs "Mr. Turner“ bricht in Tränen aus, als er eine junge Prostituierte zeichnet. Und wir dürfen ihm glücklicherweise viel öfter dabei zusehen, wie er etwas beobachtet, als wenn er malt.

Mr. Turner - Meister des Lichts (Mr Turner)

GB 2014. Regie: Mike Leigh. Mit Timothy Spall, Dorothy Atkinson. Filmladen. 150 Min.

"Mr. Turner - Meister des Lichts“: Mike Leigh weckt in seinem neuem Film den Vorläufer des Impressionismus erstaunlich faszinierend zum Leben.

Stellen Sie sich vor: Sie haben soeben drei Wochen lang damit verbracht, geradezu besessen akribisch ein Picassogemälde nachzumalen. Sie haben jedes Detail über den kreativen Prozess dieses Künstlers recherchiert, Sie haben seine Pinselführung einstudiert, seine Haltung, jeden Farbtupfer in einen Gedankenstrich verwandelt - wohl niemand könnte auf den ersten Blick sagen, das wäre nicht das Original "Guernica“ oder Sie nicht der echte Pablo. Und dann müssen Sie das Gemälde zerstören. Weil es zu echt aussieht.

So ist es Julian Schnabel ergangen, beziehungsweise seinem Art Director, als sie 1996 den Film "Basquiat“ drehten. Man kann offenbar nicht einfach eine Kopie eines Monets oder Picassos in einen Rahmen spannen und "Action!“ rufen, nein, dem muss ein langwieriger und komplizierter Rechte-Klärungs-Prozess vorausgehen, der sehr viel Geld kostet und im Zuge dessen nicht wenige Produktionsstudios w.o. geben. Das Gute daran ist, dass sich der Regisseur dann zu dem, was man allgemein als "Künstlerbiografie“ bezeichnet, einen anderen Zugang einfallen lassen muss, als einfach Schauspieler dabei zu filmen, wie sie jemanden spielen, der zum Beispiel gerade malt.

Maler auf der Kino-Leinwand

Julian Schnabel ist dies damals nicht wirklich gelungen, anders als etwa Maurice Pialat, der mit "Van Gogh“ (1991) die vielleicht großartigste aller filmischen Maler-Biografien schuf - und darin kein einziges Van-Gogh-Gemälde zeigte. Ähnlich herausragend ist nun auch Mike Leighs neuer Film "Mr. Turner - Meister des Lichts“, der viel mehr erzählt als eine Chronologie der Ereignisse der letzten 25 Jahre im Leben des Malers Joseph Mallord William Turner (1775-1851).

Mit "Topsy Turvy“ hat Leigh 1999 bereits das Komponistenduo Gilbert & Sullivan porträtiert. Sein "Mr. Turner“ ist nun aber nicht nur genretechnisch eine Fortführung dessen, sondern tatsächlich auch eine Weiterentwicklung. Dieses Mal aber hat Leigh geradezu einen Dicken’schen Film gemacht: Ex-Frauen, Geliebte und Seereisen, all das, wie von bittersüßem Nostalgie-Parfum durchdrungen, vor endlosen Landschaften - abgründig, traurig, aber wahr. Dazu gibt es eine Haushälterin, großartig gespielt von Dorothy Atkinson, durch die dieser "Mr. Turner“ noch greifbarer, noch verständlicher wird.

Leigh verwebt die Kritik am Establishment perfekt mit den fein nuancierten Eigenschaften seiner Figuren, lässt sie zum Spiegel einer Zeit werden: Die Eisenbahn war auf dem Vormarsch wie die Fotografie, und gerade London stand im Bann des technischen Fortschritts. Gleichzeitig bleibt Leighs Blick auf seine Personen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Konventionen und politischer Entwicklungen abgeklärt. "Das Betrachten von Kunst ist keine Gelegenheit, um zynisch zu werden“, sagt ein Kunstsammler-Dandy im Film einmal.

Rüpeln, grunzen, spucken

Leighs Dreh- und Angelpunkt ist der Titel gebende Mister Turner in Gestalt von dessen Darsteller Timothy Spall, dem Leigh allen Raum gibt, zu rüpeln, zu grunzen und auf die Leinwand zu spucken, weil sein noch den Schweinsbraten zersetzender Speichel eine bessere Konsistenz hat als Wasser, um sich mit der Farbe zu verbinden. In einer Szene drückt Turner einem seiner Schiffsgemälde mit dem speichelnassen Daumen eine rote Boje auf - und der daneben malende Kollege fühlt sich brüskiert.

Turner ist für Leigh ein Einzelgänger, nicht nur, weil ihn die akademische Szene an den Rand drängt; er will mit den Snobs der Royal Academy nichts zu tun haben. Und: Turner war einer der wenigen Maler, die schon zu Lebzeiten erfolgreich waren und von ihrer Kunst leben konnten.

Finanziell kann Turner es sich leisten, Ausflüge ans Meer zu machen, er tut dies umso öfter, je mehr er sich im Hafenstädtchen Margate in die Chefin jener Pension verliebt, wo er regelmäßig nächtigt.

"Die Malerei“, sagt Blaise Pascal, "ist eine unnütze Kunst, indem sie von uns Bewunderung für Dinge fordert, die wir in Wirklichkeit wenig bewundernswert finden.“ Als Regisseur stellt man sich die gleiche Frage: Kino ist, frei nach Eric Rohmer, die Kunst, eine Bühne zu organisieren, auf der sichtbar wird, was sich bereits in der Welt befindet.

Turner zeigte in seinen "unscharfen“ Gemälden das, was in der Fotografie und im Kino als Pictorialismus im Kommen war. Leigh macht sich für seinen Film genau das zunutze. Ziel des Pictorialismus war es, nicht lediglich ein bloßes, einen Augenblick in der Realität festhaltendes Abbild des Motivs herzustellen, sondern eine symbolische Darstellung von Gemütszuständen zu erzielen. In "Mr. Turner“ sieht man also nicht den Maler, der malt (auch wenn Spall für diese Rolle zwei Jahre lang Malunterricht nahm), sondern einen von Weltschmerz zerrissenen und Grenzerfahrung suchenden Verlorenen, der auf seine Leinwand zutaumelt, weil er nur dort hinausbringen kann, was in ihm ist.

Ein Trieb-Trunkener

Timothy Spall spielt diesen Trieb-Trunkenen mit großer Präzision in kleinen Gesten und mit einer inneren Haltung zwischen Widerstand und Ergebenheit. Der mit Menschen so ungeduldige Turner wartete wochenlang aufs richtige Licht und kehrte wiederholt an den Platz auf einem Hügel zurück, bis die Sonne im rechten Winkel stand, damit er eine Ähre malen konnte, die sich aus der Nähe vor ein Schiff schob, das man in der Distanz nur erahnte. Mike Leigh findet in diesem Film dafür das richtige Tempo wie auch die visuelle Textur.

In einer brillanten Einstellung, die sich dem kongenialen Kameramann Dick Pope verdankt, sieht man eine verwischte Landschaft, die in den meisten anderen Filmen tatsächlich die Abbildung eines Gemäldes gewesen wäre. Doch als sich die Kamera allmählich und langsam zurückzuziehen beginnt, erkennt man, dass hier Turner selbst inmitten eines Feldes steht. Nicht weniger als großartig ist diese Fusion der künstlerischen Handschrift Turners mit der filmischen Sprache dieses Films.

Sein faszinierendes Geheimnis bewahrt sich der Film aber trotz allem. Was definiert die Beziehung zwischen Künstler und dem Gegenstand seiner Arbeit? Kann man das erklären? Leighs "Mr. Turner“ bricht in Tränen aus, als er eine junge Prostituierte zeichnet. Und wir dürfen ihm glücklicherweise viel öfter dabei zusehen, wie er etwas beobachtet, als wenn er malt.

Mr. Turner - Meister des Lichts (Mr Turner)

GB 2014. Regie: Mike Leigh. Mit Timothy Spall, Dorothy Atkinson. Filmladen. 150 Min.