"Unbewusst, höchste Lust“: nur musikalisch

Nina Stemme und Peter Seiffert dominieren den neuen, von GMD Franz Welser-Möst souverän dirigierten Staatsopern-"Tristan“, der sich szenisch meist in Andeutungen gefällt.

Im ersten Aufzug die Umrisse eines Schiffs. Später ein von einem beleuchteten Stahlkranz gekrönter, weit in die Höhe ragender Stamm; schließlich eine in die Mitte der schwarz ausgelegten Bühne platzierte Bank. Alles begleitet von einem unterschiedlich beleuchteten, meist in effektvolles Rot getauchten Mond. So sparsam macht sich die Bühnenarchitektur des neuen "Tristan“ (Ausstattung: Robert Jones) in der Wiener Staatsoper aus. Aber wirkliche Atmosphäre vermittelte schon die letzte Produktion dieser Wagner-Oper im Haus am Ring nicht, die den Liebestod in einer Art Fertigteillager spielen ließ.

Nicht die einzige Gemeinsamkeit dieser beiden Produktionen. Auch szenisch fühlt man sich sehr an jene aus dem Jahr 2003 erinnert. Damals zeichnete Kölns einstiger Opernchef Günter Krämer für die Regie verantwortlich. Aber mehr als ein, bestenfalls, szenisches Arrangement ist ihm nicht eingefallen. Ist es mittlerweile so schwierig geworden, "Tristan und Isolde“ entsprechend auf die Bühne zu bringen? Bieten die Schilderung der Handlung und die konzise Zeichnung der Personen solche Schwierigkeiten, dass man dies erst gar nicht versucht? Denn genau in Krämers Fußstapfen tritt nun auch der schottische Opern- und Theaterdirektor David McVicar. Was überrascht. Nicht nur dass er auf eine große Erfahrung als Opernregisseur zählen kann, ist er zudem für betont naturalistische Darstellungen bekannt. Nichts von dem findet sich in seinem neuen "Tristan“, der sich vor allem durch eine mehr oder minder zufällige Abfolge von Auf- und Abtritten auszeichnet, in dem die Personen kaum gezeichnet sind, ihre Interaktion selten mehr als angedeutet wird.

Emotion und Intelligenz

Wollte er mit dieser betont statischen Darstellung, die eher nur halbszenischen Charakter besitzt, einen bewussten Kontrapunkt zur sängerischen Intensität setzen? Sollte mit einer solchen, betont in den Hintergrund gerückten Szenerie die Konzentration auf die musikalische Seite gerichtet werden? Wie aber verträgt sich das mit Wagners Idee von Musiktheater?

Wie auch immer: Was die enttäuschende Regiearbeit des Staatsoperndebütanten David McVicar quasi verschweigt, erfüllt die musikalische Darbietung, auch wenn man einige Abstriche machen muss. Aber ein intensiver agierendes Liebespaar als Peter Seiffert und Nina Stemme wird man zur Zeit nicht finden. Vor allem mit welcher differenzierten Emotion, Wortklarheit und Phrasierungsintelligenz die Stemme mit nie nachlassender Kraft ihre Partie lebt, ist faszinierend. Beinahe auf gleichem Niveau der Tristan von Peter Seiffert, selbst wenn sich da und dort erkennen ließ, dass er den Zenit seiner Karriere schon etwas überschritten hat. Aber immer noch weiß er mit metallischer Kraft zu brillieren, ebenso in den innigen Momenten seiner Partie durch unmittelbar bewegende Emotion zu bestechen.

Bleibt zu hoffen, dass diese außerordentliche Konstellation in den beiden Titelrollen möglichst lange der Staatsoper erhalten bleibt. Denn die übrigen Protagonisten, voran Stephen Millings blasser König Marke, Jochen Schmeckenbechers vorderhand noch um gestalterisches Eigenprofil bemühter Kurwenal (ein Wiener Rollendebüt) und Janina Baechles nicht nur in der Höhe angestrengte Brängane, erwiesen sich nur als guter Durchschnitt.

Umso mehr spielt sich Wagners Drama im Orchestergraben ab. Bestens studiert, folgte das in blendender Form agierende Staatsopernorchester Franz Welser-Mösts Intentionen, der vor allem auf Durchhörbarkeit der Stimmen und eine flüssige Tempodramaturgie setzte, mit zuweilen auftrumpfender Lautstärke sämtlichen Protagonisten einen perfekten Teppich ausbreitete und damit die Basis für einen an Spannung nie erlahmenden Opernabend legte.

Tristan und Isolde

Wiener Staatsoper: 22., 26., 30. Juni

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