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Unbiblische Geschlechtsumwandlung

Die Apostolin "Junia“ in der Apostelgeschichte wurde im Laufe der Jahre zum Mann "Junias“. Kirchliche Ämter von Frauen - zumindest Diakoninnen - scheinen frühchristlich bezeugt.

Frauen und kirchliches Amt, das ist ein in mehrfacher Hinsicht spannendes Thema. Ein nüchterner Historiker kann allerdings nur sehr vorsichtig zu diesem Thema Stellung nehmen. Schließlich besteht gerade bei dieser Frage die Gefahr, dass der Historiker die Deutung der Quellen durch eigene Vorstellungen oder Vorlieben beeinflussen wird. Die Stellung der Frau war, das steht fest, von Anfang an ein kontroverses kirchliches Thema. Einige Beispiele mögen dies illustrieren:

Bereits die handschriftliche Überlieferung des Neuen Testaments zeigt, dass schon früh unterschiedliche Meinungen über die Rolle der Frau im kirchlichen Leben existierten. So heißt es im ersten Kapitel der Apostelgeschichte (Apg 1,14): "Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und mit Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern.“ Eine sehr wichtige, frühe Handschrift fügt nach den Frauen ein: "und den Kindern.“ Das könnte heute als Argument für verheiratete Geistliche gelten — die Apostel mit ihren Familien im Gebet vereint —, in der Antike war es jedoch der Versuch, die Frage, ob hier Frauen als Jüngerinnen Jesu mit den Aposteln zusammen beten, durch diese Zufügung zum Text abschlägig zu beantworten. Strittig war, ob Frauen in ihrer Eigenschaft als Jüngerinnen Jesu mit den Aposteln zusammen waren oder ob es "nur“ die Frauen der Apostel mit den Kindern waren.

Phoebe - "Briefträgerin“ und "Diakon“

Auch Übersetzungen der Bibel können gewisse Tendenzen zum Ausdruck bringen. Der Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom (Röm 16,1) nennt Phoebe, die Überbringerin des Römerbriefes von Korinth nach Rom, diakonos. Wenn man den griechischen Begriff als Fremdwort im Deutschen verwendet, wird sie als "Diakon“ der Gemeinde von Kenchreä bezeichnet. Bereits die lateinische Übersetzung des Neuen Testaments spricht von der ministra, der "Dienerin“ der Gemeinde. Eine abweichende Lesart bietet an dieser Stelle in ministerio, "im Dienst“. Maßgebliche deutsche Übersetzungen folgen diesem Vorbild: Die in der katholischen Kirche verwendete "Einheitsübersetzung“ nennt sie "Dienerin“ und in der revidierten Lutherübersetzung von 1984 liest man, dass sie "im Dienst der Gemeinde“ war. Damit kann gar nicht der Gedanke aufkommen, dass es sich um eine "Diakonin“ gehandelt haben könnte. Hier deutet offensichtlich die kirchliche Tradition den Text gegen den ursprünglichen Wortlaut.

Welche normative Kraft die Vorstellung, dass Frauen nicht in kirchliche Ämter eingebunden sein konnten, entfalten kann, zeigt sich daran, dass die ebenfalls im Römerbrief erwähnte Junia in der Moderne eine Geschlechtsumwandlung erfährt. Nach der Einheitsübersetzung steht dort (Röm 16,7): "Grüßt Andronikus und Junias, die zu meinem Volk gehören und mit mir zusammen im Gefängnis waren; sie sind angesehene Apostel und haben sich schon vor mir zu Christus bekannt.“ Lexika des 20. Jahrhunderts konstruierten eine sonst nirgends belegte Namensform - den angeblichen Männernamen Junias -, da nicht vorstellbar sei, dass der Apostel Paulus hier tatsächlich eine Frau namens Junia als einen "angesehenen Apostel“ bezeichnen könne. Die Absurdität dieser Argumentation ist eigentlich fast nicht zu überbieten: Einige griechische Handschriften haben stattdessen den Namen Julia, gehen also zweifelsfrei davon aus, dass es sich bei dem "Apostel“ um eine Frau gehandelt hat. Und auch die koptische Handschriftenüberlieferung verwendet hier eindeutig den Frauennamen Junia.

Was nun die Verdrängung von Frauen aus kirchlichen Diensten betrifft, so ist dies eine Entwicklung, die zahlreichen Einflüssen unterlag. Der ab dem Mittelalter verpflichtende priesterliche Zölibat hat hier zweifellos eine Rolle gespielt. Über einen jungen Mönch in der ägyptischen Wüste wird in den "Sprüchen der Väter“ berichtet, er habe den Altvater Amun um Rat gefragt, weil er zu Dienstverrichtungen in die Stadt gehen solle und Angst habe, in der Versuchung, schwach zu werden. Der Mönchsvater Amun rät ihm, im Falle der Versuchung ein Stoßgebet zu sprechen. Als dem jungen Mönch ein Mädchen die Türe öffnet, betet er in höchster Not, dass Gott ihn der Gefahr entreißen möge, und sofort befindet er sich wieder in der Wüste. So heiter diese Geschichte heute klingt, so sehr zeigt sie, dass für christliche Mönche im vierten Jahrhundert bereits eine Frau in nächster Nähe im liturgischen Raum unvorstellbar wäre: Schon das vollständig bekleidete Mädchen, das einem Mönch die Türe öffnet, stellt eine derartige Notsituation für ihn dar, dass Gott ihn mit einem Wunder retten muss. Zölibatäre galten also bei den ägyptischen Mönchsvätern als stärker von sexuellen Verfehlungen bedroht als verheiratete Männer.

Dass Frauen in der Antike als Emotionswesen gesehen wurden, während Männer aus Sicht der antiken Anthropologie Verstandeswesen waren, war für eine dauerhafte Einbindung von Frauen in Leitungsfunktionen auch nicht hilfreich. Gerade deswegen ist es bemerkenswert, dass sich für Ägypten noch für das 10. Jahrhundert Diakoninnen in Frauenklöstern nachweisen lassen - interessanterweise mit einem direkten sprachlichen Rückgriff auf die erwähnte Stelle aus dem Römerbrief mit der Diakonin Phoebe. Ursache dürfte gerade die strikte Trennung von Mönchen und Nonnen gewesen sein: Weil Frauen für Mönche eine Versuchung darstellten und daher der Kontakt mit Nonnen minimiert wurde, übernahmen Frauen gewisse kirchliche Funktionen.

Gesellschaftlich waren Frauen über viele Jahrhunderte hinweg den Männern gegenüber benachteiligt. Dies darf als ein Grund dafür gesehen werden, dass über Jahrhunderte hinweg die Frage, ob Frauen überhaupt Ämter in der Kirche übernehmen können, nicht gestellt wurde. In der Moderne wurde und wird diese Frage von den verschiedenen Kirchen unterschiedlich beantwortet.

Priska - eine biblische Missionarin

Es darf als gesichert gelten: Im Frühchristentum spielten Frauen sehr wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Missionierung von Frauen. Missionare waren oftmals als Paare unterwegs - man braucht nur auf das biblisch bezeugte Paar Priska und Aquila (Röm 16,3; Apg 18,2) zu verweisen. Die Gründe liegen auf der Hand: In den patriarchalen Gesellschaften der Antike war der Kontakt von Frauen mit fremden Männern oftmals fast unmöglich. Frauen konnten Frauen hingegen viel unbefangener begegnen und dabei selbstverständlich auch missionarisch tätig werden. Mit dem Wandel zu einer christlichen Gesellschaft war dies nicht mehr nötig, und so konnte selbst die Erinnerung an diese Frühzeit so vollständig verschwinden, dass sogar die "Geschlechtsumwandlung“ der Junia bis hinein in die Übersetzungen biblischer Texte gelangen konnte. Aufgrund der unsicheren historischen Situation zogen die unterschiedlichen Kirchen in der Moderne unterschiedliche Konsequenzen bezüglich einer Beteiligung von Frauen an kirchlichen Ämtern. Diakoninnen allerdings sind historisch bezeugt. Hier stellt sich dann doch die Frage, ob es in der Antike mehr Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen in kirchlichen Ämtern gab als heute in einigen Kirchen.

* Der Autor forscht an der Uni Wien in einem FWF-Projekt an koptischen Papyri

Ökumenische Fachtagung

Frauen in den Kirchen - neue Perspektiven von Frauen im kirchlichen Dienst

Freitag, 4. Febr., 15 bis 21 Uhr

Kardinal-König-Haus, 1130 Wien

www.kardinal-koenig-haus.at

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